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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. Seite 254

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
Seite 254 (sequence 14)
Language
German
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Seite 254. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. alles. Ihre Habseligkeiten, die in größter Unordnung umherlagen, vergessend, ergriff sie ihre Enkelin und stürzte aus den.Hos. Ohne etnen^Laut hervorbringen zu können, lief sie hin zur Bude, warf das Mädchen hinein und versuchte selbst hineinzuklettern. Auf der andern Seite der Bude versuchten die Töchter des Arrendators, ihre bewußtlose Mutter hinter sich herschleifend, ein Gleiches. Der beschäftigte und sich fieberhaft sputende Zodek sah anfänglich nichts, als aber seine Pferde einigermaßen angespannt waren und er, aus den Kutscherbock kletternd, die ungebetenen Gäste bemerkte, fiel er fluchend über sie her und schleuderte sie aus dem Wagen. In seiner Wut verschonte er auch seine eigenen Passagiere nicht, und nach der Arrendatorin und deren Töchtern flogen auch Rahel und Esther aus der Bude. — „Um Gottes Willen!" schrie Rahel, vom Boden aufspringend und an den Korb des Wagens sich klammernd. Allein der Fuhrmann sah und hörte nichts, schlug wütend aus die Pferde ein, die Bude riß sich mit einem gewaltigen Ruck von der Stelle und ein Rad stieß Rahel mit solcher Wucht an, daß sie zu Boden stürzte und der schwere Wagen unmittelbar über ihre Brust hinwcgsuhr. Ohne einen Laut von sich zu geben, blieb die unglückliche Frau auf der Erde liegen — leblos — tot. Eftyerka warf sich aus ihr Großmütterchen, ries aus allen Kräften um Hilfe, allein niemand hörte ihr Wehklagen; denn alle Glieder der Arrendatorsamilie und auch die jüdischen Dienstboten waren geflohen, wohin ihre Füße sie trugen, um ihr Leben zu retten. Währenddem flog die Bude wie aus Flügeln dahin. Auf den Fersen hockend, mit der Linken an den Kutschersitz sich haltend und sich unaufhörlich umblickend, ließ Zodek die Zügel hängen und überschüttete die flinken Pferde mit Peitschenhieben. Dichter Staub bedeckte die Bude von allen Seiten und der Fuhrmann vermochte mit seinen Blicken die dichten Staubwolken nicht zu durchdringen. Dem Anscheine nach wurde er von niemand verfolgt. Er atmete freier aus. Wären aber diese Staubwolken nicht, so würde er zwei Reiter wahrgenommen haben, die in vollem Galopp hinter ihm herflogen. Und da — da haben sie ihn auch schon eingeholt — überholt — seine Pferde zur Seite gedrängt. Und nach wenigen Sekunden sind die Strangriemen durchschnitten. Von einem Säbelhieb getroffen, sinkt Zodek wimmernd in die Bude zurück. — Der Wagen bleibt stehen. „Ha, Hund! Endlich habe ich dich in meinen Klauen, „ewiger" Rendar!" höhnte Woickowski, von seinem Pferd springend und in'^die Bude steigend. „Pan Bogdan! Das Mädchen ist nicht hier! Dieser Schuft hat sie beide zurückgelassen. Reiten Sie um Gottes Willen sofort zurück; das Volk wird sie nicht schonen, sie töten". Aber schon nach den ersten Worten Woickowskls hatte Chmielnicki seine Stahlsporen in die Weichteile seines schaumbedeckten Conrad gebohrt und war aus dem Wege nach dem Gasthause zurückgesprengt. Während Chmielnicki und Woickowski Zodek einzuholen suchten, oder richtiger, während sie Eftherka, die sie in der Bude vermuteten, nachsetzten, überschwemmte der betrunkene, blutdürstige Pöbel das Gasthaus und verwandelte es in eine Hölle. Das Haus stand mit einem Schlage ganz in Flammen. Und das Gut schleppte wer da wollte und konnte; um das elende Gerümpel und die armseligen Kleidungsstücke der Juden rissen sich die Räuber untereinander, wie hungrige Wölfe um ihre Beute. Am unbarmherzigsten wüteten die Bauernweiber. Bewaffnet mit dem, was ihnen gerade in die Hand kam, machten sie nun aus die unglückliche Arrendatorsamilie Jagd, ohne Alter und Geschlecht zu schonen. Einige alte, betrunkene Megären standen an der Spitze der Peiniger und feuerten den ohnehin schon rasenden Pöbel zu den unmenschlichsten Grausamkeiten an. — „Tötet die Judenbrut, Rechtgläubige! Tötet, mordet die Schlangen!" „Da - da kriecht eine Jüdin unter den Stall! Schleppt sie an den Beinen herbei — an den Beinen!" „Aber die Säuglinge laßt am Leben", bat eine junge Mutter, „wollen sie lieber taufen lassen." „Verstumme, altes Trommelfell!" schrie eine alte Furie, eine lange, dürre Gestalt mit hervortretenden Backenknochen, eingefallenem Mund und stark vortretendem Kinn. „Nicht taufen, sondern die Säuglinge vor die Säue werfen." Dort — in der Nähe des Schuppens, von einem großen Schutthaufen halb bedeckt, lag die tote Rahel, neben ihr, den kalten Hals umklammernd und an ihre tote Großmutter sich festschmiegend, die bewußtlose Esther. Und aus sie stürzte sich die rasende Megäre. Rahel an den Beinen packend, schleifte sie die Leiche hinter sich her, ihr dabei wuchtige Fußtritte versetzend. Allein Rahel hatte schon längst ausgelitten. Ein heftiger Stoß brachte Esther zur Besinnung. Sie erhob das Köpfchen, und, mit umflortem Blick um sich schauend und ohne zu wissen, was um fie vorging, versuchte sie, sich langsam zu erheben. Die alte Furie bemerkte das Mädchen und knirschte mit dem Rest ihrer faulen Zähne. „Was soll mir dies Aas?!" kreischte sie, Rahel mit dem Fuße von sich stoßend. „Da ist ja noch eine ganz Lebendige! Mit dir werde ich schon schnell fertig werden. Rechtgläubige, erbarmt euch!" schrie sie und machte einen Tigersprung nach dem unglücklichen Mädchen, faßte cs an den aufgelösten Zöpfen und wickelte sie um ihre Krallen. „Erbarmt euch, Rechtgläubige, — gebt mir ein Messer her! Ich will Judenblut! Blut, Blut!" „Halt, Alte!" donnerte ein im vollen Galopp heransprengender Retter. „Halt! Laß sein! Morde nicht — es ist kein jüdisches — es ist ein Christenktnd! Vernichte nicht ein christliches Wesen! Laßt mich durch!" Er sprang vom Pferde und drängte sich durch die Menge. — Zu spät! Die Bestie konnte das Messer nicht erwarten, bohrte ihre Krallen in den zarten Hals des Kindes .... ein kurzer, erstickter Aufschrei — das Kind war tot. Hinter ihrem Rücken ertönte ein wilder Fluch — ein Säbel sauste durch die Lust — die Mörderin fiel aus den Körper ihres Opfers. — Die durch diesen unerwarteten Zwischenfall verblüfft gewordene Menge war im Nu ernüchtert und zerstob nach allen Seiten. Sie hatte ja auch nichts mehr zu thun.

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