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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. Seite 247

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 247. grabuugen ersehen, die sich bis auf 1820 erstreckt. „Die Entdeckung (des Sintsiutberichtes) machte in England und weit über Englands Grenzen hinaus ungeheures Aufsehen, in der Tagespresse wie von den Kanzeln wurde sie gefeiert und kommentiert, Babel — so hieß es — bestätigt die Bibel, „wo Menschen schweigen, werden die Steine schreien." Also keine Entwertung, eine Bestätigung der biblischen Wahrheiten erwartete man. Lese man in der genannten Schrift von den Opfern an Kraft und Leben, die von großen Forschern jenen Zwecken gebracht werden, und frage man sich, ob so edle und opferfreudige Bestrebungen nur der Zersetzung dienen können? Die verschiedenartigen Völker wollten einander nicht den Vorrang gönnen, sahen es als einen Mangel ihrer Volksehre an, wenn sie jene Bestrebungen nicht unterstützten; Deutschland mit der Orientgesellschaft rückte ziemlich spät in die Reihe ein, wollte „auch seinen Platz an der Sonne haben", nicht bloß die Gastfreundschaft anderer Völker genießen. Ein Deutscher hatte längst die Niniveausgrabungen veranlaßt, ein Deutscher die Keilschrift enträtselt — aber selbst war Deutschland nicht aus dem Platz erschienen. Es war eine vaterländische Pflicht, der man Folge leistete, und der Kaiser selbst wurde Protektor der Gesellschaft. Der Herrscher, der dem Vaterland überall die rechte Stellung unter den Staaten sichern will, wird hier zum Förderer der Geislesziele, die ihm so kostbar erscheinen, wie alle anderen Ergebnisse des staatlichen Strebens. Und welchem innenliegenden Zweck dienen alle diese Bestrebungen? „Wozu diese Mühen im fernen, unwirtlichen, gefahrvollen Lande? Wozu dieses kostspielige Umwühlen vteltausendjährigen Schuttes bis hinab auf das Grundwasser, wo doch kein Gold und kein Silber zu finden? Wozu der Wetteifer der Nationen, sich je mehr je lieber von diesen öden Hügeln für die Grabung zu sichern? Und woher andererseits das immer steigende opferfreudige Interesse, das diesseits und jenseits des Ozeans den Grabungen in Babylonien- Assyrien zu Teil wird? Aus beide Fragen nennt eine Antwort, wenn auch nicht erschöpfend, so doch zum guten Teil Ursache und Zweck: „Die Bibel". So beginnt Delitzsch seinen Vortrag. Und er fährt fort: „Die Namen Nineve und Babylon, die Erzählungen von Belsazar und den Weisen aus dem Morgenland umwebt von unserer Jugend aus ein geheimnisvoller Zauber, und die langen Herrscherreihen, die wir zu neuem Leben erwecken, mögen noch so bedeutungsvoll sein für Geschichte und Kultur — sie würden nicht halb die Teilnahme wachrusen, wenn nicht Amraphel und Sanherib und Nebuchadnezar unter ihnen wären, die uns schon aus der Schulzeit vertraut sind. Zu diesen Erinnerungen der Jugend gesellt sich aber im reiferen Alter das gerade in unserer Zeit jedem Denkenden sich ausdrängende Ringen nach einer Vernunft und Herz befriedigenden Weltanschauung: Dies führt aber immerhin zur Bibel, in erster Linie zum Alten Testament, mit dem das Neue ja doch historisch unlösbar verknüpft bleibt." Das sind Worte eines Bibel freundes, und alle Freunde der Bibel müßten gerade eine Beruhigung darüber empfinden, daß dem heiligen Buch eine solche Bedeutung von solcher Seite zugesprochen wird. Das ist kein Nachteil für den I Glauben, sondern ein Gewinn. Es schadet gar nichts, wenn die Gläubigen für ihr Heiligtum zu fürchten beginnen. Der Besitz macht stolz, träge, wie Lessing sagt. Und da droht in dem Daseinskampf unserer Zeit, wo man so viel vom Recht des Stärkeren, vom Uebermenschen, von dem Recht der freien Persönlichkeit hört, wo die Moral von manchen Seiten als eine Schwäche aus alten Zeiten abgethan wird, das Buch des Gottesglaubens, des Gottesgesetzes und der hohen Menschheitsziele in den Hintergrund gedrängt zu werden. Selbst der Strenggläubige wird heute nicht gern zu stark an seine Anschauungen erinnert, da es nicht klug und nicht zeitgemäß ist, über die höheren Fragen des Glaubens zu streiten und ein Totschweigen der Richtungsunterschiede als das Angemessenste gilt. Der Bibelwissenschast wendet er sich auch nur ungern zu, weil er von dort aus kein Heil für seine Seele erwartet. Ja, selbst die Bibel wird er nicht mit eifrigen Forscheraugen betrachten, weil sie ihn auf Schritt und Tritt an unbequeme Fragen mahnt. Da ist es ein ungeheurer Gewinn, wenn plötzlich die Augen der Welt auf eben diese Bibel gelenkt werden, und wenn sie in Beziehung zu den großen Mittelpunkten des uralten Geist- und Staatenlebens gebracht wird. Sie wächst in den Augen der Welt, je mehr sie in die Mitte des Geschichtslebens rückt, und je weniger unverstandene Geschlechtsregister, Zahlen und Namen in ihr Zurückbleiben, je mehr gerade die scheinbar trockenen Seiten in ihr mit geschichtlichen Gestalten belebt werden. Der Forscher sieht die Bibel wieder in neuem Licht und muß an vielen Punkten die Forscherarbeit von Neuem beginnen und vielleicht den Ergebnissen einer ganzen Lebensarbeit entsagen. Das schadet ihm nichts und erhöht nur seine Liebe zur Sache. Und wenn der Freund des Heiligtums fürchtet (wir zeigten zwar oben, daß er nichts zu fürchten hat), nun, dann beginne er einen frischen und fröhlichen Krieg für seine Sache, aber nur mit den Waffen des Geistes. Dann heißt es forschen, sich der gefürchteten Bibelwissenschast nähern, nichts verketzern, ehe man es begriffen und gründlich durchdacht hat. Und die heilige Sache wird durch eine tiefere Auffassung und Erkenntnis unendlich gewinnen, und immer weitere Kreise werden an der Geistesarbeit teilnehmen, und die Bibel wird gerade dadurch nicht aushören, das vereinigende Banner für Völker und Menschheit zu werden. Darum zieht nur hinaus nach dem Osten, ihr kühnen Pfadfinder, entfernt den Schutt von den alten Geheimnissen, und dann schließt euch nicht mit ihnen in Museen ein, sondern tretet heraus mit der Kunde, daß es Tausende erfahren. Das wird geschehen in wahrem Sinn ad majorem dei gloriam und (wie Delitzsch am Ende von ex Oriente lux sagt) „zum Heil der deutschen Museen und der deutschen Wissenschaft, zum Ruhm und zum Stolz des deutschen Vaterlands". Fand Sodom braucht Geld. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Bukarest, Herr Dr. Beck, hat dem König Carol in einer Audienz die verzweifelte Lage geschildert, in der sich Tausende jüdischer Handwerker infolge des neuesten, himmelschreiendenHandwerker-

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