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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. Seite 246

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
Seite 246 (sequence 6)
Language
German
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Seite 246. Israelitische Wochenschrift. 9lr. 16. Babel lange vor Mose diese Tafeln schon gefertigt haben, die Thora als Gottesplan und Ziel der Schöpfung ist dennoch älter, sie war von jeher da, und die Welt entwickelte sich in aufsteigender Richtung zu ihr hin. Wir sehen es ja, wie Babel einen Teil dieser Entwickelung hinter sich hat. Darf der Rechtgläubige solche Ueberlieserungen leicht nehmen? Muß er nicht vielmehr die Wege der Gottheit bewundern, die solche Wahrheiten in getrübter kindlicher Gestalt zu den Heiden gelangen läßt? Und sind denn die assyrischbabylonischen Entdeckungen nicht eine Bestätigung solcher Lehren? Aber der Gottesname, der erst dem Mose verkündet worden, und der sich nun als heidnischer Trug entpuppt? Dem Mose? Ach, nach den Quellen P. und E.! Aber giebt es für den Rechtgläubigen P. und E.? Für ihn giebt es nur eine einheitliche Lehre. Nach der Schrift begann man schon in den Zeiten des Enoch sich des Gottesnamens allgemein zu bedienen, und zwar nach einer alten Ueberlteserung auch zu götzendienerischen Zwecken. Und nun lesen wir, vorausgesetzt, daß hier mehr als eine zufällige Aehnlichkeit oorliegt, aus alten Tafeln wirklich den gleichen Namen — begreifen wir nun, daß ihn auch Heiden benutzt haben? Sollte er dadurch, daß jene den Eingeweihten den Begriff der Unveränderlichkeit darin gezeigt haben, für uns aushören, der heilige und ewige zu sein, weil wir uns darüber kränken, daß andere den Besitz vor uns geteilt? Das würde viel Eigenliebe zeigen, aber durchaus nicht jene Liebe Gottes, die seine einheitliche Verehrung der ganzen Menschheit wünscht, wie es Israel durch seine Propheten hat verkünden gehört. Nun wäre für die Rechtgläubigkeit keine Gefahr, kein Hindernis mehr da, sich mit diesen Entdeckungen auseinanderzusetzen. Was wir noch zu fordern haben, ist der unbedingte Beweis, daß die genannten Tafeln wirktlich älter sind, als die Bibel. Und ist der Beweis erbracht, dann gelten wieder höhere Gründe dem Gläubigen dafür, daß die Bibel dennoch Gottesoffenbarung ist. Aber ich merke ein geringschätziges Lächeln auf den Angesichtern derjenigen, an die ich mich wende. „Was sind das für Gründe? Theologische, billig zusammengesucht und nur für Kinder gut. So sind wir gar nicht mehr, daß derartige Ueberbrückungen auf uns wirken könnten." Also nicht! Dann müssen wir uns vorsehen, wir Frommen! Ich bin kein Kctzerriecher. Aber dann sind wir die Rechtgläubigen gar nicht mehr, wenn wir den Mut nicht haben, solche, aus den verehrten Quellen der schriftlichen oder mündlichen Lehre genommenen Gründe anzuerkennen, wenn sie uns nicht vornehm, nicht gut genug sind. Sind sie auch nicht stilgerecht, so beruhen sie streng aus den Ueberlieserungen und werden dem wahrhaft Gläubigen genügende Leiter sein. Was nämlich in den Zeiten tiefster Gläubigkeit ein genügender Erklärungsgrund gewesen ist, das kann den Zeiten, die der unsrigen gleichen, gewiß genügen. Es wäre höchstens die Frage, ob man diese Agadot anerkennt. Nun, die Frömmsten und Strengsten verlangen noch heute deren wörtliche Annahme, und man hat sie gegen Maimonides heftig verteidigt. Sobald die übernatürliche Entstehung der Bibel aufrichtige Grundlage der Gesinnung ist, kann es n u r gefährlich erscheinen, einem Menschen, und wäre es Mose, die Thora als schriftstellerische und gesetzgeberische Leistung zuzumuten. Da ist nicht Mose, nicht Israel die schöpferische Macht, sondern Gott selbst. Fehlt aber diese Grundlage, so ist der Uebertritt in das freisinnige Lager nur eine Frage der Zeit. Ein richtiges Gefühl liegt allerdings solchen Einwendungen, wie ich sie voraussah, zu Grunde. In Wirklichkeit kann ein Buch wie die Bibel weder durch solche und ähnliche Gründe gestützt werden, noch durch Entgegnungen, die man wohl oder übel, weil es sein muß und verlangt wird, dagegen losläßt. Aehnlich oder unähnlich — das zeigt uns ein einziger Blick. Nun müßte durch allen zu Gebot stehenden Scharfsinn der Eindruck dieser Entdeckungen abgeschwächt werden, und zwar je mehr Mühe und Scharfsinn, desto geringer die Wirkung. Ich muß dann schon immer die Neigung mitbringen, den Entgegnungen Glauben zu schenken, und das Hochgefühl, den angeblichen Gegner widerlegt zu sehen, ist ebenso stark, wie die unbedingte Ueberzeugung. Sicherer stehe ich einem Delitzsch gegenüber, wenn ich nicht nötig habe, ihn zu widerlegen, ja, wenn ich mich unbeschadet der heiligen Sache zu den Seinen und demnach ihn zu den Meinen und seine Anhänger zu Anhängern der guten Sache zählen kann. Die Bibel kann auch durch weit gefährlichere Gegengründe nicht um ihren Wert und um ihre Stellung gebracht werden — denn könnte sie's, sie wäre längst die Bibel nicht mehr. Ihr innerer Wert und die ungeheuren Einwirkungen, die sie auf's Völkerleben und aus den Einzelnen ausübt, sind der stärkste Beweis ihrer Göttlichkeit. IV. Es giebt heute für den Bestand des Glaubens nur eine Sicherheit: Dem, was sich nicht aufhalten läßt und was doch kommt, nicht sich in trotzigem Gegensatz entgegenzustellen, nicht durch Schließen der Augen sich selbst eine zweifelhafte Herzensruhe zu verschaffen und andere dadurch in Glaubenstreue zu bewahren, daß man ihnen zuruft: Hier ruht das Verderben. So soll der Forscher nicht sehen, was er sieht? Soll er es in sich verbergen? Oder sollen wir die etwaige Aehnlichkeit jener Tafeln mit den Schriftstellen einfach wegleugnen und von oben herab verfügen: Es sei dennoch anders? Man weiß es, was damit geleistet wird. Die Zersetzung läßt sich auf diesem Weg vielleicht verlangsamen. Aber es ist keine Sicherheit für das Heiligtum, wenn man ruft: Nach uns die Sintflut! Es muß durch seine Freunde dauernd gesichert werden, und seine Anhänger müssen gefeit sein auch gegen wissenschaftliche Unwetter. Ja, sie dürfen sie nicht als Unwetter betrachten, sondern müssen mit Vergnügen in der scharfen Lust des Geistes einhergehen. Lese man Delitzschs Schrift Ex Oriente lux (1898, Leipzig, Hinrichs), so wird man die ganze Vergangenheit der Aus-

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