Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 246. in strengem Sinn hängen, zu den Orthodoxen gerechnet werden. Sie werden sich meist auch den Glaubensquellen gegenüber unbedingt gläubig verhalten, und jeder Zweifel an der Wahrheit biblischer Berichte, an ihrem überirdischen Ursprung muß ihnen als eine Schwächung des eigenen Standpunkts erscheinen.. Wir wollen hier nicht von denen reden, die schon vieles preisgegeben haben, sondern gerade die im Auge behalten, denen jeder Buchstabe, jede Wendung der Bibel in gleichem Sinn als göttliche Offenbarung gilt. Wer nur einen Satz bezweifelt, nur eine andere Lesart annimmt, hat nach deren Auffassung bereits dem Ganzen die Stütze entzogen. Ob man mit Nöldeke D nach P setzt oder mit Wellhausen P nach D, das ist dieser Richtung vollkommen gleichgiltig: Jedes biblische Buch, ob Thora, zweiter Jesaia oder Kohelet, kommt aus der Hand des Verfassers, dem die Ueberlieserung es zugeschrieben. Mose hat nur die Feder geführt, das Wort kam von der Gottheit her. Und nun? Große und wichtige, grundlegende Teile des Ganzen finden sich in heidnischen Herrscherhäusern, in heidnischen Tempeln — und dafür soll man weiter Opfer bringen, darauf weiter seine Lebenshoffnung setzen? Schwindet nicht mit der Schöpfung durch Gott der gesamte Grund des Glaubens und mit der Göttlichkeit der Offenbarung aller Wert der heiligen Bücher? Soll noch ferner die Thora im Gotteshaus Israels als Gottesbuch begrüßt, der Sabbat als Mahnung an die Schöpfung gefeiert, der unaussprechliche Gottesname mit Scheu beachtet werden? Und dürfen in der Kirche nun noch die Bücher des alten Bnndes als Grundlage der neuen gelten, sind die prophetischen Hinweise nichr trügerisch, wenn der Sieg des Menschensohns über die Schlange vielleicht (wie der alte Siegelcylinder andeutet) zuerst aus babylonisch-assyrischen Tafeln verkündet worden ist? Bedenke man außerdem, daß gerade das Zeugnis des neuen Testaments vielfach für die Göttlichkeit der Thora und Moses Verfasserschaft angerufen worden ist, und zwar von nicht geringen deutschen und englischen Forschern! Werden nun nach der Gleichsetzung von Bibel und Babel nicht beide Quellen, die des Zeugnisses und die der bezeugten Schrift, entwertet? Aber wie hat sich die Rechtgläubigkeit bisher das Nebeneinander der Religionen erklärt? Nur eine ist die wahre, und doch läßt der Allmächtige, dem die assyrischen Tafeln uns entfremden sollen, sie bestehen und verlängert die Täuschung? Ja, wie läßt fich's deuten, daß ein Götzentum aus Erden der Anerkennung des Einen vorausgegangen ist, und was ist den Geschlechtern zu Teil geworden, denen ein Gott noch nicht offenbart wurde? Da hat man von vorn herein sich an den Gedanken der Entwicklung gewöhnt. Jede Glaubensgenoffenschaft sieht in sich das höchste Gottesziel, und die anderen sind die Vorstufen dazu. Das Zukunftsbild der Menschheit zeigt bei allen eine Vereinigung der Gedanken, und die Religionswissenschaft hat ja geradezu die Ausgabe, diese Entwicklung aus der Vergangenheit geschichtlich zu verfolgen und darin die Bahnen der Gottheit durch die Wüste der Völker zu sehen. Und da sollen der Rechtgläubigkeit die assyrischen Tafeln anstößig sein, und ihre Gegner sollten in die Jubelposaune stoßen? Dem wahrhaft Rechtgläubigen ist die Schrift maßgebend. Nun, wo ^agt diese denn, daß es vor der Offenbarung am Sinai keine anderen Offenbarungen gegeben hat? Wird etwa Adam, der Stammvater aller Menschen, als Jude gedacht? Und doch offenbart sich ihm Gott und giebtihm Gebote. Waren Henoch oder Noah Israeliten? Und doch wird Noah ein Gesetz für die Zukunft gegeben. Und sollen wir annehmen, daß Abraham keine Ueberlieserungen bezüglich der Gottesschöpsung gehabt hat, wenn er gemeinsam mit Malkizedek von Salem einen El Eljon koneh schamaiin waarez einen höchsten Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde nennt? Nach Ansicht des rechtgläubigen Juda Halevi im Kusaci wanderten die Gottesüberlteserungen von Adam weiter bis zu Abraham und Mose hin, vielfach in anderen Kreisen durch Irrlehren und götzendienerische Zusätze getrübt. Nun haben sich in den keilschristlichen Tafeln die getrübten heidnischen Gestaltungen der Uroffenbarung gezeigt, während die Bibel dem Gläubigen die unendlich darüber erhabene Kunde der Gottheit selbst über die Urdinge bietet. Nach Philo und Josephus hat Abraham zuerst die Welt an sich selbst, die Gestirne verehrt, und zwar infolge der Wissenschaft seiner Zeit, also der chaldäischen, die schon als vorhanden vorausgesetzt wird. Eine höhere Erkenntnis brachte ihn erst zur Anbetung des Ewigen und Einen. Daher jene Erzählung aus seiner Kindheit, die auch Delitzsch aus dem Koran anführt, die aber schon früher in jüdischen Quellen vorhanden war, und, wie ich an anderer Stelle nachgewiesen, aus den jüdischen Kreisen Alexandrias stammt. Waren nun Philo und Josephus keine strenggläubigen Juden? Was das Vorhandensein des 6., 7. und 8. Gebots im Assyrisch-Babylonischen anbelangt, so erschüttert es die Thatsache der Gesetzgebung nicht. Die Zehnworte der Bibel bilden, wie die Schöpfungsgeschichte, ein engverkettetes Ganze, worin Anerkennung und Verehrung Gottes, Fernhaltung alles Nichtgöttlichen, Ehrung seines Namens und Tages, seiner Stellvertreter aus der ersten Tafel gelehrt wird. Und die zweite folgert daraus die Sicherheit des Lebens, der Ehe, des Eigentums, wie der Ehre, und will durch den Schluß der bösen Begierde und damit der Grundlage des Schlimmen ein Ende machen. In dieser Gestalt stützen die Zehnworte die Menschheit, und so müßte man sie in Babel entdecken. Und woher wissen wir, daß der Sabbat zuerst am Sinai verkündet worden? Ist er doch bereits Gen. 1 als Schlußstein der Schöpfung genannt; und wer hindert die Frommen, die Worte der Talmudweisen ernst zu nehmen, schon Abraham habe diese Satzungen ausgesührt, ja, schon Noah sich mit der Thora beschäftigt? Wanderte nicht Gott mit seiner Lehre von Volk zu Volk, wie der gleiche Talmud sagt, und bot allen die Lehre des Sinai vor der Offenbarung an? Nach der gleichen Quelle, die von den Geheimnissen der Schöpfung (also über Gen. 1) handelt, ist die Thora überhaupt nicht erschaffen worden, sondern ist ewig, wie Gott selbst, enthält in sich den Weltplan; am Sinai ist sie verkündet worden, das schon Bekannte wie das Unbekannte. Damit ist auch die Frage nach dem Alter dieser oder jener Quelle geschwunden. Die Geschichte ist es, die nach dem Alter der Abfassung fragt, nicht der Glaube. Mag