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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. Seite 244

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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Seite 244. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. sinnigen Verschmelzung von Religionsbrauch und Wohlgenüffeu zu unvergeßlichen Erinnerungen stempelten, auch für die Zeiten, in denen eine kühlere Betrachtung Platz griff. Wo aber Pietät ist, da ist auch ein Sinn für Tradition. Denn aus der Vergangenheit ruhen wir. Es gehört zur Pietät, die Vergangenheit zu ehren; Jmpietät aber ist es, die Vergangenheit zu mißachten und nur ein heute zu kennen und kein gestern. Denn das ist es, was erst dem Leben Seele verleiht und es voll und warm macht, wenn es vom Hauch der Vergangenheit durchweht ist. Dieser Sinn für Tradition aber stellt sich in erster Linie dar in der Familie; daher ist auch im Judentum die Familienreligion der Unterbau, der fester ist als Granit und Trotz bietet den Zerstörungsversuchen der Nationen. Die Familienreligion des Judentums hängt aber innig zusammen mit dem ihm angeborenen Familiensinn, der zu seiner ureigenen Beschaffenheit gehört. Das ganze erste Buch Mose, das man als das Morgenrot seiner Geschichte betrachten kann, ist ausgesüllt von Familiengeschichten und häuslichen Erlebnissen; die Feste Israels bestanden nicht in Tiergesechten und Wettkämpfen, sondern in dem ungestörten, friedlichen Zusammenleben der Familienglieder. Dadurch wurde immer aufs neue der erhebende Gedanke geweckt, daß durch das innigste Band, das Gatten und Gattin, Eltern und Kinder, Geschwister und Verwandte mit einander verknüpft, des Lebens Mühsale und Widerwärtigkeiten gemildert, seine Bitterkeiten versüßt werden, daß ohne häuslichen Frieden, ohne Familieneinigkeit und Eintracht kein wahres Glück denkbar sei. Das Gesetz und die Propheten, Psalmisten und Spruchweise, vollends Talmud und Midraschim sind unerschöpflich in Lehre und Mahnungen, um das Familienleben immer reicher und höher und fester zu bauen. Ergreifend sind die Schilderungen wohlgediehener Söhne im Verhältnis zu ihrer Mutter; der größte und der schönste Stolz eines edlen Sohnes ist der auf die Tugenden seiner Mutter; und wahrhaft überwältigend wirkt die göttliche Verheißung, Israel trösten zu wollen durch das Gleichnis, wie ein Sohn seine Mutter tröstet. Der Geist des Familienzusammenhanges ist deshalb auch zu einem Eckpfeiler am Heiligtum der Ethik Israels geworden. Und ist das nicht der Charakterzug des jüdischen Volks, wie es heute noch überall zerstreut lebt? Was ist denn das Ideal eines Juden, wenn er seiner Slammnatur treu bleibt? Ein häuslicher Herd, geräuschloses Familienglück und vier Ellen Erde neben Vater und Mutter! Der jüdische Vater bringt der Pflege und Erziehung und Bildung seiner Kinder die größten Opfer der Selbstentsagung, und ist zufrieden, wenn seine Opferfreudigkeit durch die körperliche und geistige Entwicklung seiner Kinder belohnt wird. Dieser lebendige Familiensinn stimmt auch das Herz des Juden weich, mild und versöhnlich; und es ist wahrhaft rühmenswert und ein Zeugnis echten sittlichen Kerns, daß unter den feindseligsten Verfolgungen und Bedrückungen, die über anderthalb Jahrtausende aus dem Nacken des Judentums lasteten, dennoch kein feindseliger Geist im jüdischen Stamm erzeugt wurde, und daß die Geschichte keinen einzigen Akt des Hasses seitens dieses Volks gegen Menschheit, Staat, Nation und Gesellschaft, von denen er so grausam behandelt wurde, zu verzeichnen hat. So ist es dem Judentum gelungen, nicht blos durch schöne Worte und die lautersten ethischen Lehrsätze, sondern durch die pädagogischen Einflüsse der Familienreligion und die Erhaltung des lebendigen Familiensinns die Volksmassen, die untersten Schichten und die in den letzten Reihen der Gesellschaft Stehenden der Herrschaft der tierischen Instinkte zu entreißen und zu Menschen zu erziehen, die von allen Rohheiten, Wildheiten und Grausamkeiten sich fernhalten. Freilich soll der lebendige Fluß des fortschreitenden Lebens durch die Familie hindurchgehen. Die Familie soll nicht erstarren in religiöser Form und Sitte. Denn das Haus gehört nicht blos der Vergangenheit, sondern vor allem der Gegenwart an. Aber wenn wir die Pforten des Hauses dem Strom der Gegenwart öffnen, so wollen wir auch daraus bedacht sein, die schützenden Dämme zu bewahren, die den Strom in.Schranken halten und ihm seinen geordneten und segensreichen Weg anweisen. Der religiöse Fortschritt besieht nicht darin, daß wir alles ehrwürdig Ueberkommene über Bord werfen und uns eine neue Religion nach unserer Phantasie und nach unserem modernen Geschmack zurechtstutzen, sondern indem wir den in ihr innewohnenden Geist zu erkennen trachten und den so erkannten Geist beleben zu Neubildungen und Neugestaltungen. Mit solchen Vorsätzen werden noch heute unsere Feste wahre Familienfeste werden, werden wir auch die tiefste Innigkeit und den Reiz unserer religiösen Einrichtungen wahrhaft erkennen. * Die Ueberschrift des von Herrn Rabbiner Dr. Seligkowitz verfaßten, in voriger Nummer veröffentlichten Artikels ist durch Kürzung entstellt worden. Sie sollte lauten: „Der Gesichtspunkt der Entwickelung; ein Wort zu religionsgeschichtltchen Vergleichungen." „Kabel «ab Kibrl" °d-- „Kabel gegen Kibel"? Ein Wort zur Klärung. Von Dr. Ludwig A. Rosenthal, Rabbiner - Preußisch Stargard. III. Aber wir haben cs hier nicht mit der Stellung der Freisinnigen" allein zu solchen Fragen zu thun, sondern müssen uns den etwaigen Befürchtungen der Strenggläubigen zuwenden. An diese denkt man eigentlich zuerst, wenn man von derartigen Entdeckungen spricht, in ihren Kreisen vermutet man zuerst den Gegensatz dazu und die Furcht, die Abtrünnigen könnten sich vermehren. Ich habe mir die Ausgabe, ihr Verhältnis zu Delitzschs Darlegungen darzustellen und eine etwaige Ueberbrückung des Gegensatzes zu dieser zu versuchen, deshalb bis zuletzt gelassen, weil es schwierig, fast unmöglich scheint, zumal weun man an die Thatsachen herangeht, wie sie sind. Aber es scheint nur so. Wer sind die Rechtgläubigen? Man nimmt an, daß alle, die an den Satzungen und Bräuchen eines Glaubens

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