Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 190 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 190 Israelitische Wochenschrift. Nr. 12. „Gern, wenn die Erzählung Sie nicht zu sehr echauffiert. Sie haben es erraten, ich bin kein Pole, sondern Spanier. Mein Name ist Pedro Miguel Sphardici." „In diesem Fall sind wir gewissermaßen Landsleute." „Wie, stammen auch Sie aus Spanien?" „Nein, aber meine Vorfahren zählten zu den alten spanischen Familien. Mehrere Generationen meines Geschlechts lebten in Wohlstand und Ehren in Kordova, wo sich jene Juden zentralisierten, die durch Reichtum und Wissen ausgezeichnet waren, und bedeutende Kausleute. Sehr schwer fiel es meinem Großvater, der noch das Leben in Kordova kannte, den erniedrigenden Gesetzen, die schon zu jener Zeit in Polen aus den Juden lasteten, sich zu unterwerfen. Allein, was sollte er thun? Einen Ausweg gab es nicht. Man mußte, um zu leben, Erniedrigung und Schmach ertragen, und mein Großvater lebte das Leben der polnischen Juden. Aber nicht eine Minute vermochte er jenen, vielleicht sündhaften Stolz abzulegen, der den spanischen Juden so eigen war und ihnen den Unwillen der Juden anderer Länder zuzog. Wie dem auch sei, die polnischen Juden, die an ihre entwürdigende Lage im Lande schon gewöhnt waren, liebten den stolzen spanischen Einwanderer nicht, schon darum nicht, weil er sich den Anschauungen der polnischen Rabbiner und Gemeindeältesten nicht blindlings unterwarf. Mein Großvater lebte anfangs in Warschau; dort begannen seine eigenen Glaubensgenossen, ihn zu verfolgen." Der Greis bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Don Pedro saß niedergeschlagen da, Dantello wischte sich die Augen und richtete sie dann aus die Thür, die ihn von der Kranken trennte. „Ich hatte meinen Sohn früh verheiratet", fuhr der Rabbi, sich gewaltsam beherrschend, fort. „Die Vorsehung gab ihm ein seltenes Mädchen zur Lebensgefährtin. Meine Enkelin ist nur ein schwaches Abbild ihrer Mutter. Diese große Schönheit wurde ihr und unser Verderben. Sie sollte entführt werden und sprang in den Fluß, mein Sohn wurde getötet. „Nach dieser traurigen Erzählung, Rabbi, fange ich an, Sie noch mehr zu ehren. Die Geschichte meines Lebens ist auch keine der heitersten . . . Reichen Sie mir die Hand, mein Freund, und lassen Sie uns nach der Kranken sehen. Es ist schon spät und Sie bedürfen der Ruhe nach einem schweren Tag." Rahel zerfloß in Danksagungen an den Arzt. Nach der Medizin schlief das Kind ruhig. Die Alte wandte keinen Blick von dem Kinde und strahlte vor Glück und Freude. „Seien Sie unbesorgt, Ihre Enkelin wird morgen völlig genesen sein. Suchen Sie sie zu zerstreuen und an den heutigen . . . heißen Tag vergessen zu machen." Der Doktor entfernte sich. „A propos, Rabbi, denken Sie doch darüber nach, wie Sie Ihrer Frau morgen die Striemen aus den Schultern des Kindes erklären. Sagen Sie ihr, das Kind habe sich zufällig gestoßen oder etwas Aehnliches. Mein Sohn wird Ihnen morgen Salbe zum Einreiben bringen." „Rabbi, Sie haben mir bis jetzt noch Ihren Namen nicht genannt." „Man nennt mich Benjamin und mein Familienname ist Hasphardi." Don Pedro erbebte am ganzen Leibe und klammerte sich an den Arm seines Sohnes. „Was ist dir, mein Vater?" „Wirst es später erfahren, Daniello", sagte der Doktor tonlos. Sechstes Kapitel. Don Pedro. Inmitten des Schloßparks, hinter alten breitästigen Linden, lag ein einsamer großer Pavillon. In diesem Pavillon lebte der Leibarzt Don Pedro Miguel Sphardici mit seinem Sohn Daniello und einem treuen Diener, Jakobo. Der gelehrte Don Pedro gehörte zu jenen begabten, aber widerspruchsvollen, excentrischen Naturen, die die besten Psychologen aller Zeiten aus der Fassung bringen. Er war in wissenschaftlicher Beziehung ein Kind seiner Zeit. Sein grübelnder Geist gelangte schließlich dahin, daß er sogar an die Möglichkeit der Entdeckung eines Lebenselixirs und des Lapis philosophorum glaubte. Darum versah er sich auch mit alchimistischen Büchern und Manuskripten seiner Vorläufer, von dem der Vater der Alchymie, Hermes Trismegistus, angesangen, bis aus seine Epigonen in neuerer Zeit. Und darum verbrachte er ganze Nächte bei seinen chemischen Präparaten, bei seinen wunderlichen Tiegeln und Retorten. Nun, das Lebenselixir und den Stein der Weisen konnte er allerdings nicht entdecken, allein dafür stieß er oft auf Wahrnehmungen aus dem ihm bis dahin unbekannten Gebiet der Chemie, die ihn mit neuer Erkenntnis bereicherten und seinen Patienten keinen geringen Nutzen brachten. Kosmolit im Herzen, tadelte er dennoch nie an den Menschen ihre nationalen Sympathien und Neigungen. In religiöser Beziehung konnte man Don Pedro einen Atheisten nennen, doch sein absoluter Unglaube hielt ihn nicht ab, vor jedem aufrichtigen Glauben tiefe Achtung zu hegen. Nach alledem ist es leicht begreiflich, daß eine Persönlichkeit, wie Don Pedro, mit der Gewaltthätigkeit des Adels, mit der Blutgier der fanatischen Patres wie mit religiöser Intoleranz und Menschenknechtung überhaupt sich auszusöhnen vermochte. Ein solcher Mann konnte sich verständigen mit den Potockis, Bolepolskis, Wirginskis, konnte sich befreunden mit einem Menschen wie Durnjewitsch und herzlich lieb gewinnen einen gläubigen Menschen, wie den Zwantzer Rabbi. Für diesen und seine Familie hegte Don Pedro eine ganz besondere Freundschaft noch aus einem andern, sehr gewichtigen Grund. Don Pedro blieb, obwohl im Katholizismus schon geboren, Jude mit Leib und Seele. Zur Zeit der Judenaustreibung unter Ferdinand und Jsabeüa nahm einer seiner Altvordern das Christentum an und blieb in Madrid. Siebentes Kapitel. Kamps der Spinnen. Mehrere Wochen waren seit der von uns beschriebenen Begebenheit vergangen. Der Monat September näherte sich seinem Ausgang. Im Schloßpark sah es schon herbstlich aus. An einem riesigen eichenen Tisch, der mit einem Dutzend aus-