Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 184. Israelitische Wochenschrift. 9tr. 12. 139. Von David. Du kennst mich, Herr, du blickest mir ins Herz, Du kennst mein Sein, was ich im Geiste hege, Noch eh es ausgestaltet; meinen Wandel Erschauest du und alle meine Wege. Der Lippe Laut, du hörst ihn; ganz umfangen Bin ich von dir, auf mir liegt deine Hand. Höchst wundervoll, dem Sinne unerreichbar Ist deiner Herrschaft unerforschlich Band. Wohin kann ich vor deinem Geiste ziehen, Wohin, o Herr, vor deinem Antlitz fliehen? Stieg ich zum Himmelszelt — so wärst du da, Sank ich zur Unterwelt — so wärst du da! Und hätt ich Flügel von der Morgenröte Und ruhte an des Meeres letztem Rand — Mich würde dort auch deine Rechte finden. Auch dort ergreifen, Ewger, deine Hand! Ries ich die Finsternis, mich einzuhüllen — Es käme Licht und machte Nacht zu Nicht; Nicht Finsternisse dunkeln deinem Willen, Vor dir wird Nacht zum Tag, das Dunkel licht. Du hast den Leib, das Jnnre mir gebildet. Geschaffen in des Mutterleibes Schranken; Ein Wunder deiner Hände bin ich, preisen Will meine Seele dich mit inngem Danken. Da ich entstand, hast du bereits mein Wesen Gekannt; du hast gesehn, wie ich herausgeschält Aus Erdentiese ward. Die Tage alle, Die mir beschieden, hast du schon gezählt, Im Buch vermerkt, eh einer noch gewesen. Gedanken hegst du, Herr, so viel und groß! Wie Sand ist ihre Zahl. — Wenn ich erwache, So find ich wieder mich in deinem Schoß. Ach, töte doch die Frevler, Herr, verscheuche Von mir die Lästrer, die der Blutdurst schwellt, Die Feinde, die in Falschheit zu dir rufen! Ich hasse, die dich hassen; es vergällt Das Leben mir, daß dich sie schmähn. Ich hasse Ausrichtgen Hasses sie; drum sind sie feind. Erforsche mich, o Herr, und prüf das Herz mir, Damit du wissest, ob ichs recht gemeint. Sieh, Herr, ob ich zum Weg des Unheils neige Und deinen ewgen Weg, o Herr, mir zeige! 140. Von David. Errette, Herr, mich aus der Frevler Händen, Wahr mich vor denen, die Gewaltthat lieben. Fortwährend Streit erregen, Arges üben. Des Herzens Sinnen ganz zum Bösen wenden! Der Schlange scharfe Zunge birgt ihr Mund, Und ihre Lippe hegt der Otter Gift. Herr, wache, daß der Frevler mich nicht trifft, Mich nicht verderbt der Missethäter Bund! Die^ Uebermütgen legen Strick und Schlinge, Sie breiten Netze mir an Weges Seite; Erhöre mich, o Herr, und gieb Geleite, Und droht Gefahr — Befreiung, Rettung bringe! Der Frevler sündig Trachten mache eitel Und ihre Pläne führe nicht ins Leben, Daß nicht ihr Hochmut neu sich mag erheben; Der eigne Anschlag treffe ihren Scheitel! Laß Feuersnot aus sie herniederschlagen, In Flammenabgrund stürze sie hinab, Verleumder senke in ein frühes Grab, Den Missethäter laß vom Unglück jagen! Gerechten Spruch der Herr dem Armen spricht, Dem Dürstgen schafft er Recht. Den Ewgen preisen Die Redlichen in hellen Sangesweisen, Der Fromme wohnt vor deinem Angesicht. 141. Von David. Ich ruse dich, o Herr; komm eilends Und höre meiner Stimme Flehn! Mein Beten sei als Morgenrauchwerk, Als Abendopser angesehn. Setz einen Hüter meinem Munde, Bewache meiner Lippen Schloß, Laß nicht mein Herz zu Bösem neigen. Der Frevler sei mir nicht Genoß. Ich will nicht kosten ihre Speise, Ich mag nicht ihre Süßigkeit! Ich fühle nur die Hand der Liebe, Schlägt mich des Herrn Gerechtigkeit. Trifft Gott das Haupt mir, ist es Balsam, Ist Oel, das strafend Heilung schafft. Du strafe mich nach deinem Willen, Sei nur die Bosheit fortgerafft! Wenn von dem Felsen ihre Richter Herniederstürzen, wird mein Wort Gehört, das lieblich klingt und friedlich: Du, Herr, du bist mir Schutz und Port. Wir werden hingestürzt zur Grube, Zerstückt, verfolgt durch alle Welt — Bewahr mich vor der Feinde Schlingen, Vor Fallen, die sie mir gestellt! Laß, Herr, in seinen eignen Netzen Den Frevelmut sein Ende sehn. Ich aber mag, von dir behütet. In Sicherheit vorübergehn.