Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 182. Israelitische Wochenschrift. Nr. 12. ehe Sie die wunderliche Drohung einer Klage gegen mich verwirklichen. Achtungsvoll M. A. Klausner." Man sieht, daß Herr Herzberg weit entfernt ist von der mehr als amtsbrüderlichen Milde des Herrn Direktor Adler, der für die Denunziation nicht die Bezeichnung infam hat, sondern für sie die Milderung sucht, daß die „Erregung" zu ihr „verleitet" habe. Doch auch die erstaunlichste Milde wird heute zugeben müssen, daß die Oldenburger Gemeindebehörden besser als die Außenstehenden gewußt haben, mit wem sie zu thun hatten. Herr Direktor Adler beharrt dabei, es als die moralische, wenn auch nicht gesetzliche Pflicht des Herrn Landesrabbiners Dr. M. zu erklären, den Lehrer Herzberg von einem diesen betreffenden Beschluß des Gemeindevorstands in Kenntnis zu setzen. Er muß deshalb wiederholt darauf aufmerksam gemacht werden, daß er sich nicht vergewissert hat, ob Herr Landesrabbiner Dr. M. eine solche Mitteilung zu machen überhaupt berechtigt war. Daß Herr Direktor Dr. Adler jetzt noch den Wunsch erkennen laßt, es möchte Herrn H. durch frühzeitige Bekanntmachung der Kündigung ermöglicht worden sein, der Kollege des Herrn Dr. Adler zu bleiben, dafür fehlt mir das Verständnis. M. A. Klausner. Die iHuliimi. Wenn poetische Werke, die schon vor Jahrtausenden das Licht der Welt erblickt, noch heute ihre ungeminderte Macht auf die zu den ewigen Sternen emporblickenden und betenden Sterblichen ausüben, so kann das nur von dem hohen Wert zeugen und der unvergänglichen Schönheit, die die Erzeugnisse jener Literatur atmen, und davon, daß sie aus einem Volk hervorgegangen sein müssen, das bereits eine hohe Stufe der Kultur erklommen und doch dabei den nicht aus seinem Herzen gebannt hatte, ohne dessen Wissen nichts hinnieden geschieht, der Lenker aller Dinge ist. Wer kennt sie nicht, jene im alttestamentlichen Kanon enthaltene und aus hundertundsünszig Gesängen bestehende Sammlung, die, wie die kostbarste Perlenkette mitten im „Buch der Bücher" ruhend, die Psalmen oder auch der Psalter (beide Worte entstammen dem Griechischen und bedeuten Lieder, Gesänge) genannt wird? Die Psalmen, deren Entstehen in die nachexilische Zeit fällt, hatten sich den sogenannten „Schriften", unter denen die drei historischen Bücher Esra, Nehemia und Chronik, die altjüdische Dorfgeschichte Ruth, die nationale Novelle Esther, die Sprüche Salomos, das Hohelied, das Buch Hiob, der Prediger und die Klagelieder verstanden werden, angeschlossen. Wohl wird David, der in den Jahren 1055 bis 1015 vor der bürgerlichen Zeitrechnung den israelitischen Königsthron innehatte, und 4000 Leviten als Sänger und Musiker für den Tempeldienst angestellt haben soll (Chronika I 24,5), als Vater der Psalmen bezeichnet, er soll ihrer 71 gedichtet haben; doch kann es als sicher betrachtet werden, daß noch lange nach der Heimkehr aus dem Exil manche neuere Lieder der Sammlung einverleibt wurden. Alle diese Lieder kamen hauptsächlich beim Gottesdienst zur Verwendung und hatten ihre feststehenden Melodien. Die ihnen zu Grunde liegende hebräische Dichtungsform kennt weder eine künstliche Messung der Silben, wie die griechischrömische Poesie, nach den Klang der Reime und ersetzt die äußere Harmonie des Reimes und des Metrums durch den sogenannten „Parallelismus der Glieder", dessen Wesen darin besteht, daß zwei kurze Sätze nebeneinander gereiht werden, in denen die Gedanken parallel laufen, sei es so, daß sie etwas Aehnliches oder so, daß sie etwas Entgegengesetztes und somit doch wieder genau Entsprechendes enthalten. Die Juden müssen in ihren Liedertexten einen gewissen Rhythmus besessen haben; es könnte ja sonst von einer feststehenden Melodie keine Rede sein. Doch ist uns dieser Rhythmus bis heute unbekannt geblieben. Zu bedauern ist, daß fast alle Uebersetzer dieser unsterblichen Poesie es zu wenig verstanden hatten, ein äußerlich hervortretendes Gleichmaß der bezüglichen Verszeilen sowie eine dem deutschen Sprachgeist entsprechende Satzform wiederzugeben. Was den so mannigfaltigen Inhalt der Psalmen anlangt, so lassen sie sich einteilen in Lobes- und Dankpsalmen, in denen Gott gepriesen wird, Nationalpsalmen, auf die Offenbarungen Gottes in Israels früherer Geschichte Bezug nehmend, Zions-Tempelpsalmen, messianische oder Königspsalmen, Klage- und Bußpsalmen, letztere ein gutes Drittel der ganzen Sammlung ausmachend, und schließlich Lehrpsalmen, in denen Israels religiöse und sittliche Weltanschauung zum Ausdruck gelangt. Man teilte das Psalmbuch äußerlich wiederum in fünf einzelne Bücher (1—41, 42—72, 73—89, 90—106, 107 bis 150), deren Schluß jeweils eine Doxologie (Lobpreisung Gottes) bildet. In seinem weitverbreiteten geistvollen Buch „Die Entstehung der Bibel" führt Doktor Emil Zittel, der mit meiner Familie einst eng befreundete Theologe, dessen reichem Wissen aus religiösem und historischem Gebiet ich so manche genußvolle Stunde meiner jüngeren Jahre verdanke, drei Psalmen (1, 104 und 137) an, die am besten von der das salomonische Zeitalter des jüdischen Staats erfüllenden, sein und voll ausgebildeten Kunstpoesie zeugen. Es darf nicht Wunder nehmen, daß solch hohe Muster religiöser Lyrik, wie es die Psalmen sind und die, auf eine tiefe poetische Welt- und Lebensbetrachtung gegründet, das lebendigste Gottvertrauen zum Ausdruck bringen, die großen Komponisten aller Zeit auss Mächtigste angeregt und begeistert haben. Wir haben schon erwähnt, daß in der christlichen Kirche, und namentlich war dies in der reformierten Kirche der Fall, die Psalmen vielfach zu musikalischen Kirchengesängen benutzt worden; und in früheren Zeiten hat es wohl kaum einen Kirchenkomponisten und Kontrapunktisten gegeben, der sich nicht in der Komposition von Psalmen wenigstens versucht hätte, in der Form der Motette oder Kantate. Doch nicht alle diese Kompositionen, wenigstens was die der neueren Zeit betrifft, haben, wenn ihnen auch der Name Psalm beigelegt ward, einen biblischen Text zu Grunde liegen, sondern wir haben nur eine in Psalmweise gedichtete Ode in ihnen zu erblicken.