Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- Seite 173 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 173. derartiges gethan. In jenem Fall habe er einen jüdischen Mann verurteilt, der sich sehr schlecht aufgeführt hatte, und habe ihm gesagt, er gehöre zu den Leuten, die ihrem Volk Schande machen. Wenn er z. B. einem Geistlichen irgend eines Bekenntnisses vorwerfe, er bringe infolge einer schlechten Handlung Unehre auf sich und auf seine Glaubensbrüder, so verurteile er dabei nicht die unschuldigen Glaubensgenossen, sondern nur den schuldigen Geistlichen. Ec sei so weit davon, dem jüdischen Volk feindlich gesinnt zu sein und ihm die Austreibung aus allen Ländern zu wünschen, daß er sich der den Juden in Irland erwiesenen Gastsreundschast freue, die ihnen guten Erfolg zu bringen scheine. Er habe niemals gesagt, die Juden seien schlecht oder unehrenhaft, und sic sollten nicht geduldet werden. Die Juden sind eine sehr schwer arbeitende Volksklafse; viele von ihnen haben, wie der hier Bestohlene, nicht genügende Mittel und Verbindungen, um den Handel in größerem Maßslab zu betreiben, und müssen versuchen, durch Hausieren ihre Waren abzusetzen. Er wiederhole, daß er niemals das jüdische Volk angegriffen, sondern seinerzeit nur die Sünden eines Einzelnen gekennzeichnet habe.. Bukarest, 7. März. (Neue Einschränkungen.) Dem Bureau des Abgeordnetenhauses sind mehrere neue Gesetzesvorlagen zugcgangen, deren Annahme geeignet wäre, die hiesigen Juden von beinahe allen Berufen auszuschließen. Außer dem Gesetz bezüglich der Ansiedelung in ländlichen Gemeinden (von dem in diesem Blatt bereits die Rede gewesen) ist ein Börsengesetz eingegangen, das zur Begutachtung an die Handelskammern überwiesen worden; ein von der Handelskammer vorgeschlagenes Gesetz über die Kommissions- Agenten, ein Handwerkergesetz und ein Rechtsanwaltsgesetz. Das Ansiedelungsgesetz soll die Niederlassung von „Fremden" erschweren; das Handwerkergesetz beschränkt die Zulassung zu Handwerksmeistern aus solche „Fremden", die den Nachweis führen können, daß in ihrer Heimat das Recht der Reziprozität süc rumänische Handwerker besteht. Wie die in Rumänien von rumänischen Eltern geborenen Juden solchen Nachweis erbringen sollen, ist nicht erfindlich. Der Börsengesetzentwurs verbietet die Vermittelung von Börsengeschäften aus Städten ohne eigene Börse durch private Agenten; nur offiziell zugelassene Agenten dürfen als Vermittler dienen, und von diesen dürfen nur 20 Prozent „Fremde" sein. Dieser Beruf ist bisher säst ausschließlich in den Händen der Juden gewesen. Auch die Gesetzentwürfe über die Rechtsanwälte und die Kommissionsagenten bezwecken die mögliche Verdrängung der Juden aus diesen Berusszweigen. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Am 20. März, abends 8>/z Uhr, wird Herr Dr. Ernst Tuch, der Generalsekretär des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, über die Bestrebungen und Ziele dieses Vereins im Saale der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstr. 9, einen Vortrag halten, an den sich eine Diskussion anschließen wird. Lebhafte Beteiligung ist erwünscht. — In Kisch in eff starb, nur 50 Jahre alt, der jüdische Philanthrop Israel Micznik; er hat in dieser Stadt eine Waisenschule begründet und das erforderliche Gebäude auf eigene Kosten bauen lassen. — Königin Wilhelmina von Holland hat mit dem Prinz-Gemahl und der Königin Emma dem Konzert beigewohnt, das der jüdische Gesangverein „Haagsche Mannenkoor" zu einem wohllhätigen Zweck veranstaltet hatte. Nach dem Schluß des Konzerts ließ die Königin sich die Vorstandsmitglieder und den Dirigenten I. A. Preßburg vorstellen und sprach ihnen ihren Dank für den Kunstgenuß aus. Vakanzen. Cüftrin. Sem. geb. Rel.-L., K., Sch., 1650 M. Geh. Meld. an Herrn D. Müller. — Iserlohn. Sch. u. Scham. Meld. an Herrn Steinberg. — Ujest, O -S. Kultusb., K-, Sch., 900 M. Geh. Meld. an Vorst. — Zielenzig. Rel.-L., K, Sch., 1800 M. Anfangsgeh. Meld. an Vorst. — Grätz, Posen. Rel.-L., 2. K., Hilfssch, Scham, u. Rendant, 800-900 M. Geh., fr. W. Meld. an Herrn Rabb. Dr. I. Friedmann. — Menzesheim. Rel.-L., K, Sch, 630 M. Geh, fr. W., 300 M. Nebeneink. Meld. an Herrn Ferd. Ledermann in Menzingen. — Guntersblum, Rheinhessen. Rel.-L., K., 1000 M. Geh., sr. W. Meld. an Herrn Otto Mann. — Friedland in Pr. Rel.-L, K., Sch., 800 M. Geh., 200 M. Nebeneink. Meld. an Herrn I. Cohn. Spinnen und Fliegen. Kulturhistorische Erzählung von Gregorij Bogrow. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Nicht ich bin schuld daran, mein lieber Pedro! Und du, Alter, beruhige dich; hier ist der Retter deines Kindes!" Don Pedro kniete vor dem Kind nieder, legte sein Ohr erst an die Lippen, dann an das Herz des Mädchens. „Alter, dein Kind lebt! Es ist in einer tiefen Ohnmacht befangen, wird aber bald zur Besinnung kommen." Der Rabbi war wie betäubt vor Freude und bedeckte die Hände des Arztes mit Küssen, erst die Thränen verschluckend, schließlich aber doch laut ausschluchzend. „Und ich bin überzeugt", näselte Pater Benediktus, „daß dieses Kind kein jüdisches, kein Kind dieser verfluchten Rasse ist." „Wie meinen Sie das, Pater Benediktus?" „Wahrscheinlich ist sie einer Christensamilie geraubt worden — zu bekannten Zwecken. Die ungewöhnliche Schönheit des Mädchens bemerkend, ließ man sie am Leben, um sie später an den Harem irgend eines Sultans gegen schweres Geld zu verschachern. Das kam bei „ihnen" schon häufig vor." „Leicht möglich." „Alter!" sagte der Doktor zum Rabbiner, „dein Kind hat sich schon völlig erholt. Führe sie nach Haus. Ich werde abends hinkommen und nachschauen." „Ich habe dir gegen meinen Willen viel Kummer bereitet", wandte sich Potocki, Don Pedro anblickend, an den Greis. „Verzeihe mir!" „Freud und Kummer kommen von Gott. Und aus der Tiefe meines Herzens danke ich den erlauchten Herren und den guten Damen für die Mühe, die sie sich um meine Enkelin gemacht und für die Freundlichkeit, die sie ihr erwiesen. Lohne Ihnen der Allmächtige Ihre Gutthat hundertfach", sagte der Rabbi, sich nach allen Seiten verbeugend, und näherte sich mit seiner Enkelin dem Ausgang. „Halt, Alter!" ries Potocki tief erschüttert. „Du und deine Enkelin, ihr seid von uns gröblich insultiert worden. Fordere von mir, was dir beliebt! Pan Potocki kann fehlen, kann aber auch seine Fehler gut machen. Fordere!" „Danke", sagte der Rabbiner, „wir brauchen nichts. Ich bin vielleicht arm, aber wir haben das Notwendigste, und an