Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- Seite 174 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 174 Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. Ueberfluß sind wir nicht gewöhnt. Wenden Sie, edler Herr. Ihre Großmut denjcuigen zu, die bedürftiger sind, als wir." „Bist ein guter Mensch", sagte Don Pedro, sich vor dein Rabbiner verneigend und ihm kräftig die Hand drückend. „Und du, mein Herzchen?" sagte Potocki, das Mädchen auf die Stirn küssend, „wünschest du ebenfalls nichts?" „Nein." „Das ist nicht wahr, Estherchen!" sagte der Rabbiner lächelnd. „Du könntest ja den erlauchten Herrn für die unglücklichen Kinder Zodeks bitten, die ohne Obdach und Nahrung sind." Das Mädchen verstand den Greis nicht, richtete aber seine bezaubernden Augen zu Pan Potocki empor. „Von welchen Kindern sprichst du, Alter?" „Von denen des schuldlos vertriebenen Pächters, erlauchter Herr. Es sind deren elf, eins kleiner als das andere." „Danke, Alter, danke, daß du mich erinnert hast. Warte ein Weilchen; dein Wunsch soll erfüllt werden . . . Bogdan, bring den Juden, der dort aus dem Platz geblieben ist, und schicke^Woickowski her." — Lange lag Zodek im bewußtlosen Zustand auf dem Boden. In der allgemeinen Verwirrung kümmerten sich die Haiduken um den daliegenden Juden wenig. „Führt den Juden ins Schloß zum Herrn. Aber nicht hauen! Einer von euch lause zu Woickowski, daß er sofort zu dem Herrn komme!" Zodek wurde ausgerichtet und widersetzte sich. „Und da soll man so einen Hund nicht hauen! Geh Jud, oder ich treibe dich mit der Peitsche an!" „Wohin schleppt ihr dieses Judenaas?" srug Woickowski, der, dem Rus seines Herrn folgend, ins Schloß eilte. „Zu dem Herrn. Der Pan wünscht den Juden zu sprechen." „Woickowski!" ries Potocki. „Deine Lift mit dem Lichten ist gemein und nichtswürdig. Pan Potocki braucht solche Diener nicht. Fort aus meinen Augen! . . . Und du, Jude, hast Recht in der Sache. Nimm die Arrende wieder aus. Man hat dich aber ruiniert und insultiert, und dazu noch diesen ehrwürdigen Greis beschimpft und sein Kind fast getötet. Der Greis verzichtet aus eine Entschädigung, ein Potocki bleibt aber Niemandem etwas schuldig. So lange du lebst sei darum die Arrende dein — unentgeltlich. Danke dafür aber nicht mir, sondern deinem Rabbiner, diesem ehrwürdigen Greis, und bete für das Wohl seines Kindes!" Fünftes Kapitel. Eine alte Wunde. In der Zwantzer Schenke schlief man nicht. Dort richtete sich der Rendar Zodek in seiner „lebenslänglichen" Arrende wieder ein, ordnete das alte Gerümpel und den unbeschädigt gebliebenen Rest seiner ärmlichen Wirtschaft. Zodek war womöglich noch blasser und zerzauster als zuvor, allein in jedem seiner Blicke, in jeder seiner hastigen Bewegungen lag so viel Freud und Glück, in den stürmischen Liebkosungen, mit denen er seine Kinder überhäufte, so viel Liebe und Zärtlichkeit, daß seine mit ihm schaffende und kramende Frau jede Minute in der Arbeit innehielt, glückstrahlend ihre Augen und Hände ji zum Himmel erhob und inbrünstige Danksagungen zu Dem sandle, der in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihr Leid in Freud verwandelt. „Frau!" rief Zodek, in der Arbeit innehaltend. „Was sagst du zu alledem? Wach ich oder träum ich?" „Was soll ich sagen. Zodek? Danken wir Gott für das uns gesandte große Glück. Aber wie wird das jetzt sein? Werden wir wirklich keinem etwas für die Arrende zahlen? Also wahr und wahrhaftig, keinem Menschen einen Gulden?" „Was denkst du denn, Thörtn. Wie heißt, nichts zahlen? Eine Arrende haben und nichts zahlen — wie ist denn das möglich?" sagte der Rendar, übermütig werdend. „Du sagtest ja, daß . . . daß der Pan geschenkt . . . fürs ganze Leben . . .?" „Sieh mal, Alte," und der Schenker umarmte sein Weib. „Ich werde der Schenker Zodek sein und du mein Pan Woickowski. Und jeden Freitag, bevor die Schabbeslichter angezündet werden, werde ich meinem Pan Woickowski zwanzig neue Guldenstücke bringen; das macht in einem Monat achtzig, in einem Jahr neunhundert und sechzig Gulden. Außerdem werde ich jedes Jahr meinem Pan Woickowski zweihundert Gulden Bestechung geben. Und du wirft all die blinkenden, neuen Guldenftückchen in einem besonderen Beutel aufbewahren . . . Hu—u! was werden sich ihrer in einigen Jahren ansammeln!" Die Frau und die Kinder lachten über die Gesten, die das phantasierende Familienhaupt dabei machte. „Frau!" fuhr Zodek schäkernd fort, „was denkst du, wieviel Jährchen kann ich wohl so noch leben?" „Geb dir Gott noch hundertzwanzig Jahr." „Hu! Hundertzwanzig Jahr! Das macht ja hundertzwanzigtausend Gulden! Und die Zinsen, und die Zinseszinsen, und die Zins. . . Weib, nähe drei große Säcke! . . ." „Nun genug des Unsinns, Zodek!" „Und daß du mich jetzt besser pflegst; mit Fisch und Fleisch mußt du inich füttern, dann werde ich lange leben. Und wenn du mich mal ärgerst, leg ich mich hin und sterb dir vor der Nase weg, dir zum Possen, und deine Arrende ist futsch." „Hab ich gestern, als du aus Dummheit sterben wolltest, es nicht zugegeben, so werde ich es auch künftig nicht thun. Und stirbst du dennoch, dann weck ich dich mit der Peitsche aus; — ich bin doch jetzt dein Pan Woickowski!" Und auch die Rendarin lachte und die Kinder sekundierten die aufgeräumten Eltern. „Aber all dieses Glück verdanken wir nur dem Rabbi und seiner Enkelin!" ... — — An der Außenthür der Rabbinerhütte klopfte es. Die Greise fuhren zusammen. „Wer mag da sein zu nachtschlafender Zeit?" srug Rahel zitternd. „Am Ende der herrschaftliche Leibarzt." „Haft du ihn denn gerufen?" „Gerufen habe ich ihn nicht, aber er versprach zu kommen." „Unbegreiflich. Du verheimlichst mir etwas, Benjamin." Doch der Rabbi antwortete nichts und eilte hinaus, um die Thür zu öffnen.