Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- Seite 170 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 170. Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. eines Cato Censorius gefällt und die Eigenschaft des Patriotismus zuerkennt und abspricht. Ihre Auffassung vom Patriotismus hat im Laus der Zeit manche Wandlung erfahren. Sie verlangte vom wahren Patrioten bald, daß er vor Rußland aus dem Bauch rutsche, bald, daß er Engländer hasse oder Franzosen spieße oder Amerikaner anremple; nur Eines verlangte sie unter allen Umständen von ihm: daß er Juden fresse. Von Zeit zu Zeit bringt sie diese Vorbedingung in Erinnerung, indem sie an leuchtenden Beispielen zeigt, wie unnational der Jude und wie ihm alles Geschäft sei. Ihre jüngste Auslassung dieser Art sei hier wiedergegeben: „Wir haben soeben gesehen, mit welcher Unverfrorenheit jüdisch-geschäftliche Organe im besonderen Interesse der von ihnen vertretenen Sache dem deutschen Volke zumuten, seiner Teilnahme für ein hart bedrängtes Volk Schweigen zu gebieten, um den stockenden Absatz von Berliner Mänteln in England wieder freie Bahn zu schaffen. Solche Beobachtungen kann man auch im Innern machen, wenn man sich die Mühe giebt, gewissen Erscheinungen nachzugehen, die von der liberalen Presse allerdings sorgfältig totgeschwiegen werden. Das Organ des „Deutschen Ostmarken-Vereins" hat kürzlich die Namen einer langen Reihe von deutschen Firmen, nicht etwa im Osten, d. h. in den Gebieten mit national gemischter Bevölkerung, sondern im ganzen Reiche veröffentlicht, die polnisch sprechende Verkäufer suchen, d. h. also den Bestrebungen entgegen kommen, die darauf gerichtet sind, überall, wo sich einzelne Gruppen von Polen finden, eine Art Staat im Staate zn schaffen und so uns zum Pfahl im Fleische zu werden. Das genannte Blatt hat sich dabei jeder Bemerkung enthalten und auch nicht etwa eine tendenziöse Auswahl getroffen, denn unter den mitgeteilten Namen finden sich auch solche, deren deutscher Charakter kaum zweifelhaft ist. Die große Mehrzahl aber läßt deutlich erkennen, daß wir es mit Juden zu thun haben, die also auch in diesem Fall zeigen, daß ihnen das Geschäft weit über dem nationalen Interesse und der nationalen Würde steht. Ueberall, wo Polen und überhaupt Nichtdeutsche in deutscher Umgebung leben und dort ihr Fortkommen suchen, darf und muß man von ihnen verlangen, daß sie sich auch unserer Sprache bedienen und nicht etwa Ansprüche erheben, die im umgekehrten Fall niemand schärfer zurückweisen würde, als gerade sie. Den Juden ist das aber gleichgültig; sie haben gar kein Verständnis dafür, und leider läßt sich ja nicht leugnen, daß es auch heute noch recht viele Deutsche giebt, die ihrem Beispiel folgen. Um so bedauerlicher ist es, das müssen wir hier wiederholen, daß der Vorstand des „Ostmarken-Vereins", statt neutral zu bleiben, sich veranlaßt gefühlt hat, vor dem Judentum ohne besonderen Grund eine Verbeugung zu machen und ihm einen deutschnationalen Eifer zuzuschreiben, den es in Wirklichkeit nirgend bethätigt, während es an Beispielen für das Gegenteil förmlich wimmelt." Es klingt furchtbar forsch, daß man von Polen und überhaupt von Nichtdeutschen, die in deutscher Umgebung leben und dort ihr Fortkommen suchen, verlangen dürfe und müsse, daß sie sich auch unserer Sprache bedienen. Aber diese Forschheit ist, wie recht oft, nur der grobe Verlegenheitsausdruck der Unkenntnis. Der polnische Arbeiter, der zum Kanalbau nach dem Nordwesten gerufen wird, kann nicht erst deutsch lernen, wenn er es in der Jugend verabsäumt hat, und bedarf bei seinen Einkäufen^ eines Dolmetschers. Aber auch der Kaufmann bedarf eines solchen Dolmetschers, denn er selbst kann nicht polnisch sprechen und lernt es nicht. Er engagiert einen Gehilfen, der der polnischen Sprache mächtig ist, und allen Teilen ist gedient. Wenn die „Kreuzzeitung" sagt, daß die christlichen Deutschen, die gerechte nationale Ansprüche aufgeben, dem jüdischen Beispiel folgen, so verletzt sie die Wahrheit in gröblichster Weise. Wären die christlichen Deutschen dem Beispiel ihrer jüdischen Mitbürger wirklich gefolgt, so stünde es um das Deutschtum in der Welt besser, es wären nicht ganze große Zweige des deutschen Stamms verkümmert und verdorrt. Die „Bamberger", die unter König Friedrich II. in dem Bezirk Bromberg angesiedelt worden sind, waren nach wenigen Generationen vollständig polonisiert; die Juden haben 600 Jahre lang allen Polonisierungsversuchen widerstanden. * * * (Der Juden Anteil an der höheren Schulbildung.) Von der Bevölkerung Preußens sind etwa 64,2 v. H. evangelisch, 34,2 v. H. katholisch und 1,24 v. H. jüdisch; von den 136 803 Schülern, die im Winterhalbjahr 1892-93 die höheren Lehranstalten besuchten, waren rund 70 v. H. evangelisch, 21 v. H. katholisch, 8,6 v. H. jüdisch und von den 162 057 Schülern des Winterhalbjahrs 1900-01 69 v. H. evangelisch, 23,5 v. H. katholisch, 7,3 v. H. jüdisch. — Die Abnahme ist bedauerlich. * * * (Otto Böcklers Abschied.) Herr Otto Böckler von der „Staatsbürgerzeitung" ist, um mit Herrn von Puttkamer zu reden, „verduftet". Die Berliner Staatsanwaltschaft hat gegen ihn einen Haftbefehl erlassen. * * * (Vom Dreschgrasen.) Am vorigen Samstag Abend hielt Gras Pückler-Kleintschirne in einer Berliner Antisemitenversammlung wieder seine „blumige" Rede. Als er an die Stelle gekommen war, in der er zum „Verhauen der Judenkerle" einlud, wurde die Versammlung ausgelöst. -i- * * (Wieder Einer.) Vor einem Monat etwa hat eine Frau Pons von der Galerie der Deputiertenkammer ein Packet Eier aus die französischen Volksvertreter hinabgeworsen. Sie ist dafür zu 50 Francs Geldbuße und 24 Stunden Hast unter Zubilligung der Strafaussetzung verurteilt worden. Das eigentliche Ziel des wunderlichen Projektils war der Deputierte Paulmier, auf den Frau Pons die öffentliche Aufmerksamkeit richten wollte. Dieser Parlamentarier hat ihr unter falschen Vorspiegelungen 5000 Francs abgeborgt und sie überdies zu ruinösen Spekulationen verleitet. Ein Strafantrag gegen Paulmier wurde mit der Begründung zurückgewiesen, daß die Handlungen des Herrn Paulmier zwar unehrlich, aber nicht strafbar seien. — Der wackere Deputierte ist eine der Zierden und Stützen der nationalistisch firmierenden antisemitischen Partei. — So sehen sie Alle aus. Alle ohne Ausnahme. _ Literarisches. Der echte Hiob. Von Eugen Müller, Pastor zu Rostock. Fr. Rehtnuyers Verlag in Hannover. Der Verfasser hat den Zusammenhang beträchtlicher Teile des Buches Jjob nicht verstanden. Was ihm widerspruchsvoll