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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-03-14 · 11 (14.3.1902) · p. Seite 169

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
Seite 169 (sequence 14)
Language
German
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Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 169. Es liege einmal im Zug der Zeit, für Handwerk und Ackerbau unter den Juden viel Propaganda zu machen, um den Antisemiten eine Angriffswaffe zu nehmen, diesen aber werden wir wohl es nie recht machen können. Der Gegenstand wird nunmehr verlassen und Kollegen Haase- Rosenberg zu seinem Vortrag: „Ueber die Weckung und Belebung des religiösen Sinns in den kleinen Gemeinden" das Wort erteilt. Die Versammlung hörte die humorvoll gehaltenen Ausführungen des Vortragenden mit großem Interesse an. Seine Ausführungen, so bemerkt Redner, sollen nur einen geringen Beitrag liefern zur Lösung der Frage, wie der Niedergang des religiösen Lebens in den kleinen Gemeinden aufzuhalten wäre. Nicht vom Standpunkt des philosophisch geschulten Gelehrten will er das Thema behandeln, sondern von dem des einfachen Kultusbeamten, den eine mehr als 20jährige praktische Thätigkeit in verschiedenen kleinen Gemeinden unseres Vaterlandes manches habe beobachten und erfahren lassen. Soll die Quelle dieser trüben Erscheinungen beseitigt werden, so müssen zunächst Männer an der Spitze der Gemeinde stehen, die die Anforderungen der Gegenwart mit den Ueberlieferungen der Vergangenheit vereinen. Sie müssen als Vertreter der Gemeinde warmen Anteil nehmen an allen Fragen, die das Judentum betreffen, und ferner darauf achten, daß der Kultusbeamte, der das Wort Gottes predigt und die Kinder in religiöser Beziehung unterweisen soll, geehrt und geachtet und standesgemäß besoldet werde. Ist es doch vorgekommen, daß in einer kleinen Gemeinde innerhalb 40 Jahren 26 Kultusbeamte amtierten. Daß ein so häufiger Stellenwechsel ein Krebsschaden für die Gemeinden sein muß, liegt auf der Hand. Gerade die geringe Stetigkeit der Beamten, die die Förderung des religiösen Lebens in den Gemeinden zur Aufgabe haben, ist eine ernste Ursache des stetigen Niedergangs der Religiosität. Wie kann ein Beamter seiner Aufgabe leben, wenn er nur danach trachten muß, eine neue Stelle zu erlangen; wie kann ihm das Wohl der Gemeinde am Herzen liegen, die er nur recht bald wieder zu verlassen strebt? Die Wurzel dieses Uebels liege zum großen Teil an der völlig unangemessenen Stellung der Beamten in der kleinen Gemeinde gegenüber den Mitgliedern und deren Vertretung. Hier können neben den Vertretern der Gemeinden unsere Rabbiner helfen; sie sind die Träger der religiösen Forschung und sollten, um den religiösen Sinn zu wecken, mit den Kultusbeamten Hand in Hand gehen, sie sollten auf ihrer Höhe niemals geringschätzig auf sie blicken und stets daran denken, daß, was sie dem Ganzen sind, der Kultusbeamte in seinem kleinen Wirkungskreis ist. Die Herren Rabbiner sollten bei gelegentlicher Anwesenheit in den Gemeinden Veranlassung nehmen, die Stellung der Beamten zu festigen, damit sie mit Lust und Freudigkeit ihres Amtes walten können. Der Kultusbeamte kann aber selbst vieles thun, um die Religiosität in den Gemeinden zu fördern: Durch gewissenhaft erteilten Religionsunterricht an die Jugend, durch Abhalten von religiösen Vorträgen bei allen die Gemeinde berührenden Veranlassungen und durch sein Wirken in Literaturvereinen und Wohlthätigkeitsinstituten. Für all die genannten Punkte bringt der Vortragende eine Reihe humoristisch dargestellter Beispiele aus dem Leben der kleinen Gemeinde. Der Redner schließt seinen Vortrag mit den Worten: Stützet ein Glied im Organismus das andere, gehen Hand in Hand Theologe und Pädagoge, Vorstand und Kultusbeamter, dann wird ein jeder an seiner Stelle wirken können zu Nutz und Frommen des Ganzen, dann werden auch die religiösen Verhältnisse in den kleinen Gemeinden besser werden, ja sie werden sich neu heben und beleben und die „Blüten werden sich zeigen am Boden!" Reicher Beifall belohnte den Redner für seine Ausführungen. Der Vorsitzende dankt dem Redner im Namen der Versammlung. Bon einer Diskussion wurde wegen der vorgerückten Zeit Abstand genommen. Rabbiner Dr. Kaatz dankt Herrn Prof. Dr. Badt für die umsichtige Leitung der Verhandlungen im Namen der Versammlung. Die Versammlung wird um 6'/^ Uhr geschlossen. Der Schriftführer. Moops. Eugen Mrnllifl. Am vorigen Sonntag, 9. März, abends 10 Uhr, ist in Meran, wo er Genesung zu finden hoffte, Eugen Rosenstiel gestorben. Er hat ein Alter von noch nicht 59 Jahren erreicht. Sein Ableben bedeutet einen großen Verlust. Er gehörte zu den allzu seltenen Männern, bei denen Wollen und Vollbringen dicht bei einander wohnen, die in der Rauhheit des Lebens nicht hart werden, die die Klugheit nicht kalt werden läßt. Mit Werken half er, nicht mit Worten; im Thun ging er aus, und verachtete das Gethue. Ein wackrer Mann ist mit ihm dahingegangen, ein Herz voll Milde und ohne Falsch hat mit seinem Herzen zu schlagen ausgehört. Seine Seele finde Willkommen an des Himmels Pforten! Die Politik. (Der Name thuts!) In der „Staatsbürgerzeitung" lesen wir: „Wunderbare Wirkungen werden in der nationalsozialen „Zeit" dem Börsengesetz angedichtet. Bei der Aufwärtsbewegung habe es die retardierende Tendenz der Börse beschränkt, bei der Abwärtsbewegung die Krisis verschärft, und als ruchbar wurde, daß die Regierung einer Revision des Börsengesetzes geneigt sei, da hätten sich an der Börse die ersten Anzeichen der Umkehr und in der Industrie die ersten Anzeichen des wiedererwachenden Vertrauens gezeigt! Der Verfasser dieses phantastischen Aufsatzes in der nationalsozialen „Zeit" nennt sich Ludwig Eschwege, heißt aber in Wirklichkeit Levi. Es kann nicht überraschen, daß die kleine nationalsoziale Gruppe in wirtschaftlichen Fragen dem jüdischen Einfluß verfällt." Die kongeniale „Deutsche Tageszeitung" übernimmt die grausige Meldung und fügt hinzu: „Wir müssen selbstverständlich der „Staatsbürgerzeitung" die Verantwortung für die Nichtigkeit dieser Angabe überlassen. Uns ist ein Ludwig Eschwege unbekannt." Man beachte diese humane Vorsicht! Wenn aber Ludwig Eschwege wirklich Levi heißt, so wird hoffentlich die „Deutsche Tageszeitung" hieraus die unausweislichen Folgerungen zu ziehen wissen. * * * (Der wahre Patriotismus.) Wenn man wissen will, worin der wahre Patriotismus besteht, so braucht man sich nur an die „Krcuzzeitung" zu wenden, die sich in der Rolle

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