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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-03-14 · 11 (14.3.1902) · p. Seite 168

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
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Seite 168. Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. sämtliche berufliche und wirtschaftliche Interessen dieses Standes wirksam vertreten werden. Dazu bedürfe es jedoch keines besonderen Vereins, eine solche Einrichtung lasse sich sehr wohl auch im Rahmen der Lehrervereine treffen, denen ja 90 % der Kultusbeamten angehörten. Diese müßten nach dieser Richtung ergänzt werden, es müßten innerhalb eines jeden Lehrervereins eine Sektion zur Vertretung und Wahrung der Kultusbeamten-Jnteressen gebildet werden. Allerdings müßten als Mitglieder dieser Sektion auch solche ausgenommen werden, die dem Verein nicht angehören können, und nach dieser Seite hin seien die Statuten zu ändern. Redner bittet nun die Versammlung, seine Anträge anzunehmen und damit den Kultusbeamten Gelegenheit zu geben, ihre Kraft zu entfalten und für ihre Jntereffen einzutreten. Es läge dies im Interesse der Kultusbeamten, denen durch das wohlwollende Entgegenkommen der Lehrer die Begründung einer eigenen Organisation erspart bleibe; es läge dies auch im Interesse der Lehrervereine selbst, die durch ihr Entgegenkommen Spaltungen und Reibungen innerhalb der israelitischen Lehrerschaft verhüten würden, die ihnen durch eine event. selbständige Kultusbeamten-Organisation entstehen müßten; es läge dies aber noch mehr im Interesse unsers heiligen Judentums, das durch einen kräftigen, zielbewußten Beamtenstand nur gewinnen könne. Der Vorsitzende dankt dem Referenten für seinen formvollendeten Vortrag und erteilt Oberkantor Dawidsohn-Gleiwitz, der als Gast erschienen war, das Wort. Dieser dankt Kollegen Bähr für seine warmen Bestrebungen zur Besserung der Lage des Kultusbeamtenstandes, bittet aber doch, von seinem Antrag, eine Sektion zu gründen, abzusehen, um nicht die beabsichtigte Gründung eines Kantoren-Vereins zu stören. Er erklärt weiter, daß die von dem Vortragenden gerügte Verbindung mit dem Ausland gar nicht besiehe; die Kantoren wollen sich selbständig organisieren, und er weise auf den Erfolg hin, den die Vereinigung bereits erzielt habe, indem sie drei Kollegen von einer bereits erfolgten Kündigung ihres Amtes zu befreien in der Lage gewesen sei. Er bitte, dem Verein Zeit zu lassen, sich zu entwickeln, wozu die besten Aussichten vorhanden wären. Brock-Hirschberg erklärt sich im Prinzip gegen eine Kultusbeamten-Sektion und will einen selbständigen Kantoren- Verein. Rabbiner Dr. Guttmann bedauert lebhaft, daß die Versammlung den Streit zwrschen Kultusbeamten-Sektion und Kantoren-Verein zum Austrag bringen solle. Er müsse sich gegen den Antrag Bähr wenden, dessen Absichten wohl gut gemeint seien. Man habe doch nicht zu vergessen, daß, wenn man den Antrag Bähr annähme, in den Verein, so hoch Redner den Stand der Kultusbeamten auch würdige und schätze, gelegentlich Elemente Zutritt fänden, die nicht hineingehörten. Er bitte Herrn Bähr, seine Ziele auf dem Verbandstag als Delegierter im Namen des Vereins nicht zu vertreten, und erkläre, keine Klarheit über seine Bestrebungen zu haben. Prof. D. Badt erwidert, die Anregung, eine Sektion innerhalb des Vereins zu gründen, sei von ihm im vergangenen Jahr ausgegangen. Er wollte den vielen Kultusbeamten, die nach den Statuten nicht in den Verein ausgenommen werden könnten, eine Vertretung schaffen. Sie sollten nur als außerordentliche Mitglieder dem Verein angehören, innerhalb der Sektion ihre Interessen zu beleben und zu fördern suchen. — Kollege Bähr bemerkt, daß diese auch von ihm acceptierte Gründung einer Sektion jedenfalls das Gute hätte, die Kräfte nicht zu zersplittern. Ein Kultusbeamten-Bund oder allgemeiner Kantoren- Verein könne nicht gut sich selbständig ausbilden, dazu wären die Elemente zu schwach; nur in Anlehnung an eine bereits bestehende, kräftig entwickelte Organisation, wie der Lehrerverein es sei, könne etwas Ersprießliches geschaffen werden. Er betrachte daher auch die in Oberschlesien begründete Vereinigung von Kantoren als eine solche, die nicht auf festen Füßen stehe. Sachs-Breslau bemerkt zur Geschäftsordnung, daß, bevor man sich für oder wider die Bildung einer Sektion entscheide, die Versammlung Dawidsohn- Gleiwitz höre, wie die Vereinigung der Kantoren in Oberschlesien zustande gekommen sei. Auf Ersuchen des Vorsitzenden erklärte sich Herr D. bereit, über die Gründung zu berichten. Er giebt nun Aufschluß darüber, berichtet über Zweck und Ziel der Vereinigung, namentlich über Anstellungs- und Pensionsverhältnisse, sowie über die Bestrebungen zur Herbeiführung einer einheitlichen Liturgie. Wohl sei bei der Versammlung der Kantoren in Gleiwitz die Frage betreffs einer Anlehnung an den Lehrerverband zur Erörterung gelangt, von dem größten Teil der Anwesenden aber abgelehnt worden. Er bitte daher nochmals Kollegen Bähr, von seinem Antrag abzusehen, um die beabsichtigte Gründung eines Kantorenverbandes nicht zu stören. Für den Antrag Bähr sprachen die noch zum Wort gemeldeten Graf-Breslau und Rabbiner Dr5 Königsberger-Pleschen, dagegen Rabbiner Dr. Kaatz Zabrze, Tintner- Bunzlau, Singermann-Ratibor und Dr. Galland-Guhrau. In seinem Schlußwort führt Kollege Bähr noch einmal kurz an, was ihn zur Stellung seines Antrags bewogen, und bittet die Versammlung, sich für seinen Antrag zu erklären. Es werden für die Bildung einer Sektion 17 gegen eine solche 19 Stimmen abgegeben, zwei Kollegen enthalten sich der Abstimmung. Der Antrag ist somit abgelehnt, ebenso fällt damit auch der Eventual-Antrag Punkt 6 der Tagesordnung: Zusatz zu den Statuten. Der Vorsitzende erteilt nunmehr Kollegen Ster-Kempen zu Punkt 8 der Tagesordnung das Wort: Referat über das Berbandsthema: Die Thätigkeit des Lehrers für kulturelle Bestrebungen innerhalb der Judenheit, insbesondere für Erweckung des Interesses für Handwerk und Bodenkultur. Redner begründet die Notwendigkeil der gegenwärtigen Strömungen für Handwerk und Bodenkultur: 1) durch den Zuzug in die Großstädte, 2) durch die Ueberfüllung des Kaufmanns- und Gelehrtenstandes. Der israelitische Lehrer kann die humanen Bestrebungen fördern, 1) indem er mittelst Belehrung, hauptsächlich durch das edle Beispiel unserer Ahnen und durch die Grundsätze unserer Weisen die Liebe zu Handwerk und Ackerbau weckt, 2) soll er in seiner Gemeinde Hinweisen, die jüdischen Handwerker durch Arbeitsvermittlung in jeder Weise in ihrem Gewerbe zu unterstützen, 3) bei besonderen Gelegenheiten für Lehrlingsheime, zu ihrer Erhaltung rc.-Sammlungen veranstalten. Der Lehrer müsse aber ernst auf die Heilighaltung der Religionsgesetze Hinweisen und auch die Institutsleiter solcher Anstalten, die zur Förderung des Handwerks und des Ackerbaus errichtet sind, die Satzungen unserer heiligen Lehre nicht außer acht lassen. Zum Schluß betonte Redner, daß der Lehrer nur dann segensreich wirken könne, wenn seine Stellung eine gefestigte sei. Der Vorsitzende dankt dem Referenten für seine fleißige und durchdachte Arbeit. Herr Rabbiner Dr. Königsberger spricht seine Genuggthuung aus, daß der Vortragende in so warmer und überzeugungsvoller Art das religiöse Moment so scharf hervorgehoben habe. Redner streift weiter die Oldenburger Affaire und bedauert lebhaft, daß das Lehrer-Verbandsorgan ohne Klarlegung der Verhältnisse in so einseitiger Weise Partei gegen den Rabbiner Dr. Mannheimer ergriffen habe. Dr. Brann bemerkt zu dem Referat, daß, so schätzenswert die kulturellen Bestrebungen für Ackerbau und Handwerk wohl sind, doch ein großer Erfolg gänzlich ausgeschlossen sei. Man habe nicht zu vergessen, daß die Existenzbedingungen für die Juden sehr schwierig sind, wie der Jude zwei Ruhetage halten müsse. Dr. Kaatz bittet, sich darauf nicht zu versteifen, die Jugend zu Handwerkern und Ackerbauern heranzubilden. Wer Neigung, und Fähigkeit habe, der soll es werden.

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