Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- Beilage der Israelitischen Wochenschrift Nr. 4 (1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Israelitische Wochenschrift. Seite 23. Vernehmt mein Wort, und was mir ausgestiegen Aus tiesergrimmtem Herzen, das versteht! Wollt ihr vielleicht das Recht, das grade, biegen Und Unrecht thun für Gottes Majestät? Wollt ihr vielleicht um Gottes willen lügen, Daß ihr an seiner Statt zum Streite geht? Könnt ihr, wie einen Menschen, ihn betrügen? Versucht ihrs wohl, ob man chn hintergeht? Er wird sich eurer Vormundschaft nicht fügen, Und strafen, daß ihr gutes Recht verdreht. Fühlt ihr nicht Angst vor ihm und Furcht und Schrecken? Besorgt ihr nicht, daß euer Spruch verweht? Daß Gottes Zorn euch wird zu Boden strecken? Schweigt nur und hört: ich will das Wort jetzt führen. Mag ich damit den Todesengel wecken! Mein Leben wag ich — möcht ichs doch verlieren! — Doch fürcht ich nichts, Gott selbst wird mir verzeihn. Er läßt durch Heuchlerworte sich nicht rühren. Wollt meiner Rede euer Ohr jetzt leihn! Ich bin im Recht und führe meine Sache. Wer tritt vor mich in meiner Gegner Reihn? Und werd ich überführt, biet ich der Rache Mich willig dar. Nur das sei mir gewährt: Daß Rast mir werde unter meinem Dache, Und Gottes schwere Hand sich von mir kehrt. Dann rede du, mich peinlich anzuklagen. Und ich will darthun, daß ich unversehrt Und frei von Schuld in allen meinen Tagen Die Seele hielt. Sag an mein srevlig Trachten, Laß meine Sünden mich von dir erfragen! Was birgst du dich und willst als Feind mich achten? Willst du ein welkes Blatt in Schrecken jagen? Um Jugendthorheit läßt du mich verschmachten Und Bitternis als Speise vor mich tragen! Du hältst den Block für meinen Fuß bereit. Bewachst mein Thun und lässest mich verzagen. Und ich zerfalle, wie zersressnes Kleid! Kapitel 14. Der Weibgeborne — kurz nur ist sein Leben Und unruhvoll. Er. blüht und wird gebrochen Der Blume gleich, muß schattengleich entschweben. Und doch wird strenges Urteil ihm gesprochen. Wärs möglich nur, daß sich ein Einzger fände, Der völlig rein, so dürftest du draus pochen; Doch auch nicht Einer ist, der ganz bestände! Ihm ist der Tage Ziel vorausbemessen. Du selbst verzeichnest seiner Monde Ende — So dulde, wenn er sich einmal vergessen. Dieweil er keuchend seine Lasten trägt! Ein bessres Los gabst du dem Baume, dessen Verdorrten Stamm der Holzknecht niederschlägt. Die alte Wurzel, die sich erdwärts breitet, Vom Wasserhauch schon neuen Schößling hegt. Der grünt, als wär er neu gepflanzt, und weitet Die frischen Zweige. Doch der Mensch vergeht. Sobald zur Gruft er trostlos niedergleitet, Und nie erwacht er wieder und ersteht. Wie ausgetrocknet Wasser nie sich neut. So ist in alle Ewigkeit verweht, Weß Leib zerfallen, wessen Staub zerstreut. Ach, daß du in die Unterwelt mich stießest. Bis hin dein Zorn! Wie wär ich hoch erfreut, Wenn du danach mich wiederkehren ließest! Jsts so, o Gott, geduldig will ich warten. Bis du in neuer Gnade mich begrüßest. Aus deinen Ruf mit wehenden Standarten Zög ich zu dir, der sein Geschöpf verlangt! Jetzt seh ich meinen Richter nur, den harten, Vor dessen Blicken meine Seele bangt. Verzeichnet ist mein Fehl und ausgehoben Bei dir, an dessen Wink mein Hoffen hangt. Ein Berg verfällt, ein Fels wird sortgeschoben, Das Wasser höhlt den Stein, wäscht ab die Erde; Doch keine Hoffnung bleibt dem Menschen droben. Du wirfst ihn hin, daß er vernichtet werde. Er weiß nicht, ob die Kinder stehn in Ehren, Ob nicht. So lang er lebt, hat er Beschwerde, Muß seine Seele sich in Gram verzehren. Kapitel 15. Zur Antwort hob sich Eliphas von Theman: Wird je ein Weiser mit dem Winde rechten Wird mit Orkan er wohl sein Jnnres blähn? Was nützt es denn, mit leeren Worten fechten Und Reden führen, die vergeblich schmähn? Mit Unbesonnenheit willst du der echten Verehrung Gottes Garben niedermähn? Dein eigner Mund verkündet dein Verschulden Und klagt dich an: es ist gerecht dein Dulden! Warst du erzeugt, eh noch die Hügel waren? Bist du denn klüger als die ganze Welt? Hast mehr als wir betrachtet und erfahren? Hat mehr als uns Erkenntnis dich erhellt? Ließ seine Einsicht dir nur offenbaren Der Herr, warst seinem Rat du beigesellt? Es fehlt an Greisen nicht in unsrer Reibe, Die Weisheit schmückt bei hoher Jahre Weihe. Du hast mein Trosteswort gering geachtet, Der sanften Rede widersprachst du wild. Was blickst du stolz, sag an, und wonach trachtet Dein Herz, daß gegen Gott es zornvoll schwillt? In ewger Schuld der Weibgeborne schmachtet. Gerecht und rein ist keines Menschen Schild; In Gottes Aug hat selbst der Himmel Flecken — Wie erst der Mensch, den Fehler ganz bedecken! Bedenke, was die Weisen uns verkündet. Und präg es sorglich deinem Sinne ein! Auf Väterüberliesrung ists begründet Aus jener Zeit, da wir noch ganz allein Im Land gelebt, dem Fremden nicht verbündet; Es wärmt und leuchtet, wie der Sonne Schein: Wer gottlos wandelt, lebt in Furcht und Zagen, Daß Feinde ihn, ob er auch stark, erschlagen.