Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 163. Der Achte Gemeindetag hat auch die Einsetzung einer Kommission beschlossen, die über eine einheitliche Regelung der Altersversorgung der Gemeindebeamten und der Fürsorge für deren Hinterbliebenen in Beratung treten und über das Ergebnis dem Gemeindetag berichten sollte. Ehe man diesen Beschluß faßte, waren sehr schöne Reden gehalten worden über die Not der Gemeindebeamten, und wie man für sie unbedingt etwas thun müsse. Die Kommission hat dem Neunten Gemeindetag keinen Bericht erstattet, sie ist überhaupt niemals zusammengetreten! Der Neunte Gemeindetag hat daran keinen Anstoß genommen — ein Beweis, daß jener Antrag gar nicht ernst gemeint gewesen, auch nicht in den Augen derer, die ihn gefaßt haben! Wenn nun der Gemeindetag seine eigenen Beschlüsse so gering achtet, welche Achtung kann er für sie bei anderen zu finden hoffen? Aus dem Neunten Gemeindetag brachte Herr Prediger B ähr-Waldenburg die Klagen und Nöte der Kultusbeamten wieder vor. Man ließ ihn kaum ausreden, man erstickte die Kultusbeamten förmlich mit allseitigen Sympathiebezeigungen, man beschloß auch irgend etwas, was den Kultusbeamten genau so wenig Hilst, wie der vergessene Beschluß des Achten Gemeindetags — aber das Einzige, was man hätte thun sollen und können, das that man nicht: man bewilligte nicht eine Summe von einigen hundert Mark, die den Kultusbeamten ermöglicht hätte, sich eine eigene Organisation zu schaffen, die die unerläßliche Voraussetzung einer Besserung ihrer Lage ist! Diese kritischen Bemerkungen, das sei wiederholt gesagt, haben nicht die Absicht, irgendwen zu kränken, seine Thätigkeit oder sein Verdienst zu verkleinern; sie wollen vielmehr den Weg zeigen, auf dem die vorhandenen willigen Kräfte nutzbar gemacht werden können, und wollen warnen vor der Gefahr der bloßen Wortmacherei und Vereinsmeierei. Insth und I»stiMlmI1i»lg. Im Sommer vorigen Jahres hat, wie unsere Leser wissen, der „Germanische Volksbund Berlin" an fünfzig „hervorragende Männer der Wissenschaft und des praktischen Lebens" die Frage gerichtet: „1. a) Giebt es nach Ihrer Ansicht Juden, die zu rituellen, religiösen oder sonstigen anderen Zwecken Menschenblut gebrauchen und darum den Ritualmord oder den Blutmord begehen? d) Und womit begründen Sie Ihre Ansicht? ' 2. Wenn Sie von der Wahrheit dieser Beschuldigung überzeugt sind, a) wodurch erklären Sie deren Berechtigung und welche Beweggründe nehmen Sie (seitens der Juden) an? d) Was halten Sie für das geeignetste Mittel zur Ausrottung dieser entsetzlichen Verbrechen?" Unter den befragten „Männern der Wissenschaft und des praktischen Lebens" befand sich der Reichstagsabgeordnete Bindewald, der erwiderte, die erste Frage sei gar keine Frage; nicht der Blut- oder Ritualmord sei zw'^selhast, sondern nur die Verwendung des abgezapften MeNschenbluts durch die Juden noch nicht vollständig geklärt. Die Blutbeschuldigung gegen die Juden sei berechtigt. Man müsse die Kinder „vor diesen Mördern" schützen. Es gehe nicht an, daß Juden Mordsreiheit genießen. Herr Btndewald weiß „zur Ausrottung dieser entsetzlichen Verbrechen" ein geeignetes Radikalmittel. Da aber dieses „bei unserer heutigen Verziehung zur Menschlichkeit nicht gutgeheißen würde", so empfiehlt er Landesverweisung aller Juden auf ewige Zeiten, „damit wir wenigstens in unserem Deutschland vor dieser Mörderbande sicher sind." Einstweilen fordert er: „1. Polizeiaufsicht in der allerschärfsten Form für die unter uns lebenden Juden, 2. Duldung derselben nur in ganz kleiner kontrollierbarer Anzahl (kein Anhäufen der Juden in den Großstädten!), 3. Schächt- und Schlachtverbot für Juden überhaupt, 4. Isolierung in Schule und Gesellschaft, Entfernung aus Staatsämtern, 5. Bei Vorkommen eines Mordes, wo wie in Könitz und Xanten alle Spuren auf Juden weisen, wird die Hälfte des Vermögens aller Juden Staatseigentum, entsprechend der Verbrechersolidarität der Juden, 6. Hohe Kopfsteuer." Das Votum des Herrn Bindewald hat in diesem Blatt eine kurze Besprechung erfahren. Herr Bindewald hat die Besprechung für beleidigend gehalten. Herr Bindewald hat deshalb bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet. Hieraus hat die Staatsanwaltschaft (gezeichnet: Erster Staatsanwalt Jsenbiel) Beleidigungsklage erhoben, nicht gegen Herrn Bindewald, sondern gegen den Redakteur dieses Blattes! Die Justizverwaltung in Preußen ruht in den Händen des Ministers, nach dessen Weisungen die Staatsanwälte Klagen erheben und nicht erheben. Aus die Justiz hat der Minister keinen Einfluß. M. A. Klausner. N«e llroicllufrfiiiiiiiiliiiu} int Londoner Ostend. Die im Ostend in London lebenden russischen Juden haben am letzten Samstag Abend eine Protestversammlung gegen die vom Vorstand der United Synagogue beabsichtigte Ernennung zweier neuer Dajonim für das Ostend abgehalten. Rabbiner L. Frumkin führte den Vorsitz und verstand es ausgezeichnet, die aus 6—700 Männern und Frauen bestehende Versammlung in Ordnung zu erhalten. In seiner Ansprache erklärte er, daß die Juden des Oftends gegen die von der United Synagogue vorgeschlagenen Herren Rabbiner M. Hyamson und A. Feldman persönlich durchaus nichts einzuwenden hätten. Er selbst habe nicht das Vergnügen, diese Herren zu kennen; er kenne aber die Bildung, die sie genossen, und er kenne die Ansprüche, die an die Bildung eines Dajan gestellt werden müssen. Der Vorstand der United Synagogue habe die Absicht, die Lage der Juden im Oftend zu verbessern, wenn er dies aber durch die Anstellung solcher Dajonim zu erreichen hoffe, so solle er den Ostend lieber in seiner jetzigen Verfassung lassen. In London leben mehr russische Juden als in vielen großen Städten Rußlands; deshalb müßte London den größten russischen Rabbiner berufen, der die