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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. Seite 156

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
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Seite 156. Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. mühl, der jüngst am Breslauer Seminar sein rabbinisches Examen ablegte, zum Schuldirtgenten und Hilssprediger. Breslau, 4. März. (Gedächtnisfeier.) Im hiesigen jüdisch-theologischen Seminar wurde am 16. Februar anläßlich des Todestages seines ersten Direktors Dr. Zacharias Frankel eine Gedächtnisfeier veranstaltet. Die Gedenkrede hielt Herr Dr. S. Tiktin. Nachdem der Redner den Inhalt der Werke Frankels skizziert und so die Zuhöhrer über dessen wissenschaftliche Bedeutung orientiert hatte, ging er zur Besprechung von Frankels 1867 erschienener Abhandlung „Zur Ethik des jüdischalexandrinischen Philosophen Philo", dem Thema seines Vortrags, über. In markanten Strichen entwarf er ein fesselndes Bild von dem Geistesleben der Juden Alexandriens und wies auf die weltgeschichtliche Bedeutung des Zusammenstoßes zweier so großen und so verschiedenartigen Kulturen, wie die jüdische und die hellenische es waren. Die griechische Philosophie hatte den Höhepunkt ihrer Entwickelung damals längst überschritten. An die Stelle großzügiger Systeme war eine matte Skepsis und ein müder Eklektizismus getreten. Aber gerade die Oede und Lehre, die die Juden Alexandriens in den philosophischen Systemen fanden, zwang sie dazu, sich an das Positive zu halten, das ihnen die heilige Schrift bot. Trotzdem waren die Juden unter dem Einfluß des griechischen Denkens weit davon entfernt, die Philosophie gänzlich zu ignorieren. So kam es zu einer Verbindung jüdischer Theologie und hellenischer Spekulation. Die allegorische Schriftdeutung war das Mittel das die Verschmelzung aus so verschiedenen Welten stammender Gedanken ermöglichte. In Philos System begegnet uns zum ersten Mal der geniale Versuch, den ganzen Inhalt des religiösen Glaubens denkend zu durchdringen und mit den philosophischen Anschauungen der Zeit innerlich zu verknüpfen. Der Inhalt seiner Schriften zeigt uns seine tiefe und innige Anhänglichkeit an den Glauben Israels. Die heiligen Schriften seines Volkes sind ihm der Inbegriff alles Wissens. Philo sucht daher keine andere Quelle der Weisheit. Aber auch außerhalb des Judentums erkennt er wahre Weisheit an. Mit der größten Begeisterung spricht er von den griechischen Philosophen. Je größer die Anerkennung war, die er dem Griechentum zollte, desto begieriger mußte er nach dem Hilfsmittel greifen, dessen sich die gebildeten Juden Alexandriens bedienten, um die jüdische Religion mit der herrschenden Zeitphilosophie zu versöhnen. Philo macht von der allegorischen Auslegung den schrankenlosesten Gebrauch. Indem er diese Methode der Exegese auch auf die biblischen Gesetze anwandte, mußte er ihre Verbindlichkeit allmählich auflösen. Mochte Philos pietätvoller Sinn sich gegen diese Konsequenz sträuben, so konnte er doch denen, die sie zogen, keinen stichhaltigen Grund entgegenstellen. Auch der Zauber der biblischen Erzählungen wird der griechischen Weisheit geopfert, die lebensvollen Gestalten der Bibel werden in blutleere Allegorien verwandelt. Ebenso wird die dem Leben zugewandte jüdische Sittenlehre den Lehren Platos zu Liebe in die Predigt weltfremder Askese umgewandelt. Nicht nur Plato, auch die ^ria hat ihren Einfluß auf Philos System ausgeübt. Mit o>n Anschauungen ließen sich die Lehren der Bibel um so stller verschmelzen, als der Ernst ihrer sittlichen Forderungen, Ä soziale Richtung, dem Geist der jüdischen Sittenlehre auss engste verwandt schienen. — Dies die leitenden Gedanken des interessanten Vortrags. Papenburg. 2. März. (Freie Lehrerkonserenz.) Die von den Lehrern des Regierungsbezirks Osnabrück ins Leben gerufene freie Konferenz, deren Hauptaufgabe es ist, in allmonatlichen Zusammenkünften durch entsprechende Vorträge sich im jüdischen Wissen gegenseitig zu bereichern, hielt am 24. v. M. in Papenburg ihre 3. Versammlung ab. Die diesmalige Tagung nahm sehr anregenden, alle Teilnehmer zufriedenstellenden Verlauf. Durch Beschaffung von hebräischen Werken u. s. w. soll zunächst der Grund zu einer Lehrerbibliothek gelegt werden; insbesondere aber wird es das Bestreben der Konserenzmitglieder sein, ihren Gemeinden geeignete, den Sinn fürs wahre Judentum fördernde Schriften u. dergl. zugänglich zu machen. Die nächste Versammlung wird am 8. Mai d. I. in Sögel stattfinden. Der Vorsitzende der Bezirkskonferenz wird einen Vortrag über das Thema: „Der Unterricht in Religionslehre und biblischer Geschichte in den Religionsschulen der Filialgemeinden nach Ziel und Umfang" halten. L. Strauß, Vorsitzender. Königsberg i. Pr., 4. März. (Lehrerverein.) Der hiesige Verein jüdischer Lehrer und Lehrerinnen hielt am 27. Februar eine Vereinssitzung ab.' Die Versammlung erledigte zunächst einige geschäftliche Angelegenheiten. Hieraus referierte Herr Dr. Perles über Harnacks neuste Schrift vom Wesen des Christentums, soweit das Buch auch für Juden Interesse hat. Redner bemerkt, daß Harnack in diesem Buch alles rein dogmatische vom Christentum zu entfernen suche. Dadurch nähere sich seine Auffassung vom Christentum sehr der jüdischen Lehre. Harnack will sich das aber selbst nicht zugestehen, deshalb sucht er gleichzeitig das Judentum in sehr ungünstigem Licht darzustellen. Er verkleinert das alte Testament ebenso, wie das Judentum im Zeitalter Christi, das er offenbar nicht aus den Quellen, sondern nur aus den Evangelien kennt. Das spätere und heutige Judentum ignoriert er vollständig. Daß er daneben dem Judentum auch manche große Zugeständnisse macht, kennzeichnet nur das Widerspruchsvolle in seiner Darstellung, das sich auch sonst vielfach in dem Buch findet. Für uns Juden ist das Buch insofern bedeutsam, als es uns zeigt, daß die wissenschaftliche christliche Theologie heute daraus hinzielt, dem Christentum alles spezifisch Christliche zu nehmen; daß sie aber auch in ihrem geklärten Christentum nichts auszuweisen hat, womit sie den sittlichen Geist des Judentums in irgend einer Weise zu überbieten vermöchte, und endlich, daß auch ihr noch der Wille oder die Fähigkeit abgeht, unserem Judentum in Unvoreingenommenheit und Wahrheit voll gerecht zu werden. — Dem Vortrag schloß sich eine ausgedehnte Debatte an. — Den zweiten Vortrag des Abends hielt Herr Samuel über einige Fragen aus der Methodik des biblischen Geschichts-Unterrichts, speziell der Unterstufe. Redner berührte dabei die Stoffauswahl, den Lehrgang, die unterrichtliche Behandlung und die zweckmäßige Beschaffenheit eines Lehrbuchs für die Kleinen. Bei der Stoffauswahl habe man neben der Art der Schule (ob höhere oder niedere) vor allem den sittlichen Inhalt der Erzählungen entscheiden zu lassen. Deshalb sei es nicht richtig, den biblischen Geschichts-Unterricht von vornherein in pragmatischer

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