Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605744--8520-9605757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10. Israelitische Wochenschrift. Seite 187. Reihenfolge zu erteilen, wobei den Kleinen die Geschichten aus der 5 Büchern Moses zufallen; vielmehr habe die Auswahl auf dieser Stufe ganz frei nur nach pädagogischen Momenten zu geschehen und sich aus die ganze Bibel zu erstrecken. Dem eigentlichen praktischen biblischen Geschichts- Unterricht habe solcher Art gewissermaßen eine Vorstufe voraufzugehen, wobei die Form der Erzählungen die kleiner, selbständiger Monographien zu zeigen habe. Bezüglich der methodischen Behandlung empfiehlt Redner die Verwertung begrifflicher Ueberschristen für die einzelnen Teile der Geschichten. Sie helfen dem Gedächtnis der Kinder und erleichtern die Auffassung. Jeder Geschichte sei auch eine einfache, dem kindlichen Verstand zugängliche Lehre beizugeben, die in einen schönen Bibelspruch zu fassen sei. — Ein Lernbuch sei auch für die Kleinen schon notwendig. Leider besitzen wir noch keins, das für diese Vorstufe geeignet wäre. Das Buch müßte 1) die wichtigsten Erzählungen, die für das Fassungsvermögen dieses Alters geeignet seien, aus dem ganzen Gebiet der Bibel enthalten; 2) die Erzählungen müßten die Form kleiner Monographien haben, also in beliebiger Reihenfolge behandelt werden können; 3) sie müßten eine scharfe Gliederung des Inhalts zeigen, durch Zahlenreihen markiert; 4) die biblischen Namen und manche passenden Bibelsprüche sind unter dem Strich des Textes in hebräischer Sprache zu bringen; 5) das Buch soll auch Anschauungsbilder enthalten, 6) in großer deutlicher Schrift gedruckt, 7) nicht zu teuer sein und endlich auch im Anhang eine kurze Beschreibung der Feste, ihre Namen und Bedeutung enthalten. Die Herausgabe eines solchen Buches hält Redner für ein dringliches Bedürfnis unserer Religionsschulen, — Die Versammlung beschloß die Diskussion über das letzte Thema aus die nächste Sitzung zu verschieben. Diese soll am 13. März stattfinden und außer dem Vorgenannten noch ein Referat des Herrn Birnbaum über ein musikalisches Motiv: „Judenschul-Christenschul" enthalten. — Nach Schluß des offiziellen Teils berichtete Herr Dr. Vogelstein noch über die Verhandlungen aus dem ostpreußischen Gemeinde-Verbandstag und aus dem Delegiertentag desD.-J.G.-B- Memel, 2. März. (Aus dem Literaturverein.) Bereits in einem früheren Vortrag ist das bedeutendste und tiefsinnigste Werk der modernen Literatur, Göthes „Faust", mit einem der biblischen Bücher, dem „Prediger Salomonis", verglichen und Göthes „Faust" als „Evangelium der That", im Gegensatz zum „Logos"-Evangelium des Johannes, geschildert worden. Diesen Gedanken hat Herr Rechtsanwalt Jacobsohn in seinem vorwöchigen Vortrag weiter ausgeführt, indem er den „Faust" mit einem andern biblischen Buch, dem „Hiob" verglich. Der Verfasser des „Hiob" ist uns nicht bekannt, aber es ist mit ziemlicher Bestimmtheit anzunehmen, daß dieses Buch geschrieben wurde, ehe das Judentum von dem persischen Teufelsglauben Kenntnis erhielt, also vor dem Exil. — Die altjüdische Religionslehre kannte keinen Teufel. Der „Teufel" im „Hiob" ist ein „Diener Gottes", ein Engel, wenngleich ein anklagender Engel. Eine ähnliche Auffassung vom Teufel hat auch Göthe. Er läßt den Herrn sagen: „Von allen Geistern, die verneinen, ist mir der Schalk am wenigsten verhaßt". Im „Hiob" wie im „Faust" ist der Teufel der Skeptiker, der an der uneigennützigen Frömmigkeit der Menschen zweifelt, die Menschen daher in mancherlei Versuchung führt, aber schließlich doch „das Gute schafft", indem der Mensch durch Versuchung und Trübsal geläutert wird. Weil Hiob seine Wege Gott befiehlt, so hilft ihm dieser aus aller Not. Weil Faust seinen Jugendthorheiten entsagt und „immer strebend sich bemüht", hat der Teufel schließlich keine Gewalt mehr über ihn. Er ist „erlöst". Mit den Worten: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis", deutet Göthe an, daß Gott eine andere Ausfassung von unserm Wollen und Handeln hat, als wir kurzsichtige Menschen. Reicher Beifall der zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste dankte ihm. Der stellvertretende Vorsitzende Herr Scheinhaus gab diesem Dank in einigen tiefgefühlten Worten Ausdruck. § Memel, 2. März. (Ergänzung.) In Ergänzung der Mitteilung von hier in der vorigen Nummer dieses Blattes sei hervorgehoben, daß der hiesige Verein für jüdische Geschichte und Literatur in seiner Bibliothek schon seit zwei Jahren das elsbändige Grätz'sche Geschichtswerk in der Originalsprache besitzt. Die deutsche Ausgabe wird ebenso wie die hebräische, die wir jetzt aus Befürwortung des Herrn Rabbiners Dr. Frank-Köln durch die Munifizenz der Alliance Jsraelite erhalten haben, von den Mitgliedern eifrig gelesen. Marienbad, 2. Februar. (Vortragsabende.) Am Sonntag, 23. vor. Mts., fand der letzte jener schönen Vortragsabende statt, die in diesem Winter unsere Gemeindemitglieder mit ihren Familien stets fast vollzählig zur Pflege edler Geselligkeit vereinten. Die bisher veranstalteten Abende waren der Behandlung ernster jüdischer Themen gewidmet. Den Reigen der Vorträge eröffnete am 23. November unser vom Geist des Judentums ebenso wie vom Geist der Zeit erfüllter Seelenhirt Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Ph. Goldberger mit einem gleichermaßen populären wie inhaltsreichen Essay: „Volksideale und Jdealvolk". Am 15. Dezember folgte Herr Dr. Ruff aus Karlsbad der an ihn ergangenen Einladung und bot eine gemütstiefe Darstellung jüdischer Sitten und Bräuche in seinem Vortrag: „Leid und Freud im jüdischen Haus". Am 29. Dezember würdigte unser Vorsteher-Stellvertreter, Herr Alois Kohn, Redakteur der „Marienbader Zeitung", anknüpsend an die Denkmalsenthüllung in Paris, „Heinrich Heine" als deutscher Dichter, den wir mit Recht den unsern nennen können. Am 26. Januar gab uns unser Gemeindemitglied, Herr I. U. Dr. Joseph Steiner, eine Uebersicht über „Rechtsverhältnisse der Juden mit besonderer Berücksichtigung des Privatrechts", die lebhaftem Interesse begegnete. Am 23. Februar endlich folgte der erwähnte Vortrags- und Unterhaltungsabend, an dem besonders die weibliche Jugend zu Wort kam; es wurden deklamatorische und szenische Vorträge, sowie musikalische Darbietungen der zahlreichen Zuhörerschaft zu Dank zu Gehör gebracht. An den Vorträgen waren beteiligt: Frau Kantor Goldenberg, deren geradezu klassisches Klavierspiel besondere Erwähnung verdient; ferner die Damen Hermine Fantes. Louise Hecht, Hedwig Kraus, Bertha Kraus, Anna Lang, Sophie Pichl, Louise Schneider, Elsa Steiner, Louise Stern und Herr Kantor Goldenberg. Hierauf las Herr Rabbiner Dr. Goldberger nach einer kurzen literar-historischen Einleitung eine Auswahl von „Juda, Gesänge von Börries Freiherrn von Münchhausen", die durch