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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. Seite 153

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 10. Israelitische Wochenschrift. Seite 153. Unsere Stttengesetze sind wohl von einzelnen Juden übertreten worden, wie die christliche Moral von einzelnen Christen übergangen wird. Da der Jude aber nicht das Recht aus „Jmmoralität" wie andere Menschen hat, so wurde die jüdische Gesamtheit für die Vergehen Einzelner verantwortlich gemacht. In Wirklichkeit hat Israel als Ganzes genommen im Geist der dargelegten Sittenlehre gewirkt und den jüdischen Moralprinzipien der Heiligkeit, Gottähnlichkeit und Menschenliebe gehuldigt. Diese Moral, die die Sklaven des Golus zu Sittlichkeitshelden erhoben, bildet den Kern des jüdischen Schrifttums, das seitens der Jugend immer mehr studiert werden soll. Dieser Moral verdankt Israel seinen Fortbestand in der Menschheit, seine geschichtliche Riesenkraft, die alles überwindet und überdauert. Diese Moralprinzipien sollen auch in der Zukunft unsere Leitsterne sein, im Leben als Einzelne und im Wirken in der Geschichte. Die Politik. („Selbst Juden".) In einem an sich recht belanglosen Artikel über den russischen Adel erwähnt die „Kreuzzeitung", daß auch der Grundadel in Rußland in solcher Abhängigkeit stehe, daß er jeden in seine Organisation aufnehmen müsse, „der eben erst durch den Dienst geadelt wurde und sich eine Besitzung erworben hat." Das Blatt fährt fort: „Selbst Juden wurden ausgenommen, und es bedurfte eines kaiserlichen Ukases, um die provinziellen adeligen Grundbesitzerverbände von der Pflicht zu lösen, mißliebige Personen in ihre Geschlechtsbücher zu verzeichnen." — Wir schaudern bei dem Gedanken, daß „selbst Juden" in die Adelsbücher eingetragen werden mußten, und es erfüllt uns mit neuem Glauben an die fortschreitende Vervollkommnung, daß Zar Nikolaus II. sich als Zar-Befreier bewiesen hat, indem er die provinziellen adeligen Grundbesitzerverbände von jenem Zwang erlöste. * * * (Gras Pückler-Kleintschirne.) Graf Pückler aus Kleintschirne hielt in vergangener Woche in einer stark besuchten Berliner Antisemitenversammlung wieder einmal eine Rede. „Landgras, werde hart!" — das war sein Thema. Seine Ausführungen galten anfangs den roten und den goldenen Ratten (Sozialdemokraten, Juden), deren vollständige Ausrottung er vom Kaiser forderte. „Deutscher Kaiser! Seihart gegen die Ratten, namentlich gegen die goldenen! Schon hat es ZU12 geschlagen, um 12 Uhr geht das Reich zu Grunde. Willst du warten, bis es noch mehr Judengenossen giebt? Siehst du nicht, wie deine Beamten und Ojfiziere von den Juden geschunden werden bis aufs Blut? Die Höflinge sind Judengenossen und Jammerlappen, wie auch die Behörden und Gerichte längst'unter dem Einfluß der Juden stehen. (Tosender Beifall.) Ich hätte für mein forsches Auftreten gegen das Judenpack eher einen hohen Orden verdient, als eine Verurteilung. (Bravo!) Der König sollte die Behörden anhalten, Spitzbuben und anderes Gesindel zu verhaften, aber den unschuldigen Pückler unbehelligt zu lassen. Sollte sich wieder einmal ein Polizeikerl herausnehmen, mich verhaften zu wollen, schieße ich ihm eine Portion Schrot in den Bauch. „Landgraf — Landgraf — Landgraf! Du gehst einem dunkeln Schicksal entgegen!" Es wird endlich Zeit, daß die Fürsten Buße thun im Sack und in der Asche. Wir aber müssen endlich einmal ansangen, aus die Judenbande wirklich loszugehen. Wenn euch auf dem Heimweg schwarzgelockte Jünglinge und Damen begegnen, tretet aus sie zu und gebt ihnen — patsch, patsch — rechts und links ein paar Ohrfeigen, hebt dann den Fuß und versetzt den Schwarzgelockten noch einen tüchtigen Fußtritt. Aus diese Weise muß der Anfang gemacht werden. (Mit Pathos:- „Mein Vaterland, wache aus!" (Tosender Beifall.) Das alles sind — ein Gerichtshof hat es bestätigt — nur „blumige Bilder". Wir möchten aber Keinem raten, sich in solchen „blumigen Bildern" anders als in antisemitischem Sinn auszulassen. Im preußischen Abgeordnetenhaus ist der Versuch gemacht worden, den Minister des Innern zu einer Aeußerung über die dem Dreschgrasen gegenüber geübte polizeiliche Langmut zu bringen. Freiherr von Hammerftein schwieg. * * * (Ein scherzhafter Landrat.) Der Landrat des Kreises Grimmen, Freiherr von Maltzahn, hat im Kreisblatt für die Gemeindevorsteher Muster zur Ausstellung von Wählerlisten veröffentlicht und in dieser Musterliste als Namensbeispiele angeführt: Meyer Cohn, Schankwirt, und Hirsch Cohn, Handelsmann, und bei diesem letzteren Namen noch hinzugefügt, daß er in Konkurs geraten und daher gestrichen worden sei. Die „Freisinnige Zeitung" flndet dieses Musterungehörig, die antisemitische „Deutsche Tageszeitung" verteidigt ihren landrätlichen Gesinnungsgenossen gegen die Vorwürfe des freisinnigen Blattes wie folgt: „Wie konnte auch der Landrat den Namen Cohn und noch dazu solchen Vornamen wählen? Wie konnte er in seiner Liste die Möglichkeit andeuten, daß ein Handelsmann Cohn in Konkurs geraten sei? Das ist ein unverzeihliches Vergehen. Wenn er den Namen Müller oder Richter gewählt hätte, so würde kein Mensch ihm einen Vorwurf gemacht haben. Der Name Cohn steht aber zu hoch, um als Beispiel für solche Listen gewählt zu werden. Hoffentlich wird man im Abgeordnetenhaus den fürchterlichen Fall zur Sprache bringen und den Minister des Innern veranlassen, die Landräte anzuweisen, bei der Veröffenrlichung solcher Listen ja nicht die Namen Cohn, Levysohn, Jtzig oder ähnliche anzuwenden." Diese Art der Verteidigung ist der Sache selbst würdig, sie ist eine jämmerliche Feigheit. Wenn die Namen von Bülow oder von Jtzenplitz oder von Maltzahn oder von Hammerstein beispielshalber als die Repräsentanten von gewissen Verfehlungen genannt worden wären, — hätte die „Deutsche Tageszeitung" das dann auch gebilligt und ironisch bemerkt, es sei unschicklich, unterzustellen, daß etwa ein von Hammerftein mit Fälschungen und Unterschlagungen umgeht? * * * (Furcht vor der Konkurrenz.) Ein jüdischer Handelsmann, Isaak Betschkowsky, ist in Berlin in Untersuchungshaft genommen worden, weil er auf falsche Papiere hin sich als Armer Fahr- und Zehrgeld von den Behörden geben ließ, während man bei ihm eine größere Summe fand. Die antisemitische „Deutsche Tageszeitung" bemerkt hierzu:

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