Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 152. Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. Israels Land und Umgebung spricht nicht gegen die hohe Toleranz des Judentums, und Mendelssohn durfte Lavater schreiben, daß die jüdische Religion ihn nicht veranlasse, über die schönen Seelen zu klagen, die dem Judentum nicht angehören. Toleranz verträgt sich auch mit dem selbstbewußten Glauben Israels an seine Auserwähltheit als religiöses Genie, als Völkerpriester in Bezug auf die Religion, wie die Griechen z. B. es in Bezug aus die Kunst gewesen. Wenn Handlungen der Intoleranz uns in der jüdischen Geschichte begegnen, wenn uns Gutzkows „Uriel Acosta" ausregt, so müssen wir uns sagen, daß selbst die Unduldsamkeit die Juden bei den Nichtjuden gelernt haben. Die spanische Gemeinde zu Amsterdam lernte bei den inquisitorischen Spaniern. Es ist übrigens menschlich verständlich, daß die früheren Marannen, die ihrem Glauben so viele Opfer gebracht, hart werden konnten, wo ihr erhabenstes Gut von Gefahr umgeben war. Nicht jede Zeit kann einen Rabbi Metr hervorbringen, der dem abtrünnigen Acher seine Liebe bewahrt. Toleranz soll aber immer unser Ideal sein. Das Judentum gebietet, Barmherzigkeit gegen Jedermann zu üben. Die Barmherzigkettslehre des Judentums vereinigt in sich die Vorzüge der christlichen und griechischen. Die Lichtseite der griechischen Barmherzigkeit, die als Freigebigkeit bekannt ist, besteht in ihrer Natürlichkeit, und ihre Schattenseite in ihrer Oeffentlichkeit. Der Vorzug der christlichen Barmherzigkeit besteht in der gebotenen Stille und Heimlichkeit. Das Judentum gebietet: Die Arbeit zu ehren; jeder an jevma -otie um u»; der Tbät^eU der Gesamtheit % eigene körperliche oder geistige Arbeit Teil nehmen. Das Judentum gebietet, unverbrüchlich die Wahrheit zu bekennen; Wahrhaftigkeit zu üben, daß unser Ja — ja, unser Nein — nein sei. Es verbietet daher: jede Entstellung der Wahrheit, jede Vorspiegelung, Heuchelei und Gleißnerei und jede Art von falschem Schein. Das Judentum gebietet, in Demut zu wandeln vor Gott und in Bescheidenheit vor den Menschen. Das Judentum fordert: Verträglichkeit, Versöhnlichkeit, Milde und Wohlwollen; es gebietet also: Böses mit Gutem zu vergelten, eher Unrecht zu leiden als Unrecht zu thun. Es verbietet daher: Rache zu üben, Haß zu hegen, Groll nachzutragen und selbst den Widersacher ohne Hilfe zu lassen. Wenn sich im talmudischen Schrifttum auch Wutausbrüche der gequälten Juden finden, so zeigt das nur, daß die Juden Menschen waren, die sich in ihren Aeußerungen gegen die Tyrannei Luft gemacht. Wenn sich in unserem Schrifttum nicht heftige Ausdrücke gegen den Feind gesunden hätten, so wäre es nur ein trauriger Beweis, daß es gelungen, dem Juden alles Menschliche, Starke zu nehmen. Zum Glück aber bewahrten sich die Juden die Kraft, auszuschreien, zu seufzen und manchmal zu fluchen. Jedenfalls haben die Juden mehr Feindesliebe geübt, als diejenigen, die Scheiterhaufen errichtet, Menschenleben vernichtet und dabei Feindesliebe im Mund geführt haben. Wären die Juden im Mittelalter zu Nihilisten geworden und hätten die Welt in Flammen gesetzt und die Menschheit zertrümmert, so wäre es angesichts der Bosheit, die sie gequält und gemartert, fast natürlich gewesen. Die Juden haben aber Feindesliebe geübt und der Menschheit Dienste geleistet. Das Judentum gebietet Keuschheit, Sittenstrenge und Heiligung der Ehe. Es verbietet daher Zuchtlosigkeit, Maßlosigkeit und jede Lockerung der Familienbande. Die Familie war in Israel ein Fels, aus dem sich alles aufgebaut, und Heiligkeit als ernste und tiefe Fassung des Lebens betrachtet Lazarus als Grundprinzip der Moral des Judentums. Heilig zu werden und nicht heilig zu sein, nach Heiligkeit zu streben und nicht als heilig zu gelten, lehrt das Judentum. Der Begründer der ethischen Kulturvereine in Amerika, unser Stammesgenosse Adler, findet in Israels Jamilienheiligkeit den Grundquell seines Monotheismus. Das Judentum gebietet, die Gesetze des Staats gewissenhaft zu befolgen, die Obrigkeit zu ehren und ihr zu gehorchen. Das Judentum gebietet, das Wohl der Mitmenschen zu befördern, dem Einzelnen oder der Gesamtheit nach dem Maß seiner Kräfte zu dienen. Es verbietet daher jede träge Gleichgiltigkeit gegen das Gemeinwohl und jede eigensüchtige Abschließung von den zur Wohlthätigkeit und zur Veredelung der Menschen geschaffenen Einrichtungen der Gesellschaft. Ursprünglich war natürlich Palästina das Objekt der jüdischen Vaterlandsliebe, aber schon seit Jeremias erstreckt sich diese Liebe und Treue der Juden aus ihre jeweilige Heimat. Das Synhedrium gab Napoleon eine feierliche Erklärung nach dieser Richtung hin ab. Die Juden sollen auch jetzt das heilige Land, als ihr „Mutterland", als die Wiege ihrer Kultur, als das Grab ihrer Vergangenheit und als das Zukunftsland eines Teils der Juden lieben, aber ihre Heimat in der Gegenwart, die auch in der Zukunft für viele Juden eine Heimat bleiben wird, soll für sie als Vaterland gelten und von ihnen geliebt werden, nach den Lehren aller Rabbinen, der orthodoxen wie der Reformer, der Assimilanten wie der Zionisten. Das Judentum gebietet, den Namen Gottes durch unser Thun zu heiligen und dazu mitzuwirken, daß jene Zeit herannahe, in der alle Menschen geeint sein sollen in der Liebe zu Gott und in der Liebe zu allen Nebenmenschen. Die jüdische Messiaslehre, die kulturell, religiös, sozial, national gefaßt werden kann, die in rationeller oder in mystischer Form zum Ausdruck gelangt, sanktioniert das Dichterwort, „der Messias der Juden wird der Messias der ganzen Welt" sein. Die gemachten Ausführungen haben sicherlich erwiesen, daß die jüdische Sittenlehre aus der Höhe der allgemeinen steht, daß die Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts als Grundlage unserer Moral, die Nächstenliebe als ihr höchstes Ideal, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als ihre Säulen, und Toleranz als ihr Schmuck zu betrachten sind. Wie der orthodoxe Jude nicht gern von 10 Geboten spricht, sondern das Vorhandensein von 613 Pflichten betont, so wird im Judentum weniger auf die Normalprinzipien, als auf die einzelnen Pflichten gesehen. Daß die jüdische Moral ihre Quelle einerseits im Menschen selbst, andererseits in Gott sieht und somit zugleich das autoritative und freie Prinzip vereinigt, haben die Forscher längst erkannt. In der Schule des Judentums kann die jüdische Jugend die wahre Moral erhalten.