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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. Seite 151

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 10. Israelitische Wochenschrift. Seite 161. r. j gogen Europas, damit sie nach Paris Deputierte entsenden möchten. Es heißt in dem Aufruf: „Ein großes Ereignis wird vorbereitet. Was unsere Väter seit einer langen Reihe von Jahrhunderten nicht hoffen konnten, wird in den Augen der erstaunten Welt von neuem erscheinen. Paris wird der Welt das Schauspiel darbieten, und dieses ewig denkwürdige Ereignis wird für die zerstreuten Ueberbleibsel von Abrahams Nachkommen eine Periode der Erlösung und des Glücks eröffnen." . . .») Das so großartig angelegte Werk ist eine vorübergehende Erscheinung gewesen. Nicht aus dem Innern des Volksbewußtseins erwachsen, nur durch einen fremden Willen hervorgerufen, verschwand das Synhedrin bald und ließ keiste Spuren zurück. Es bestand zu zwei Dritteln aus Rabbinern, meistens aus denen, die an der Notabeln-Versammlung beteiligt waren, und zu einem Drittel aus Laien. Seine Sitzungen begannen am (9. Adar) 9. Februar 1807. Rabbiner Sinzheim war Vorsitzender (Naffi). Ihn und zwei Beisitzer hatte der Minister des Innern ernannt. Die Eröffnung war feierlich. Die Synhedrialmitglieder durften im Sitzungssaal in vorgeschriebener Amtskleidung erscheinen, in schwarzer Tracht mit einem seidenen Mäntelchen und einem dreieckigen Hut auf dem Haupt. Die Teilnehmer waren begeistert, aber ihre einzige That war die von Napoleon gewünschte Bestätigung der 12 Antworten der Notablen-Versammlung. Im Uebrigen gab es bis zur Auflösung am 9. März nur Reden, nichts als Reden. Die Notabeln-Versammlung trat wieder zusammen, um für die Bestimmungen die gesetzliche Kraft zu erwirken. Erst nach Jahresfrist (17. März 1808) offenbarte Napoleon den Juden seinen gesetzgeberischen Willen. Er genehmigte die Konsistorialorganisation, die eine Art Polizeibehörde schuf und dem eigentlichen Zweck wenig diente.^) Er regelte die bürgerliche Stellung der Juden weniger günstig, als sie bis dahin war, obwohl er wiederholentlich völlige Gleichstellung ohne jede Beschränkung zusagte. „Er hatte alle Welt getäuscht und die Freiheit überall unterdrückt; warum hätte er den Juden Wort halten und ihre Freiheit allein unangetastet lassen sollen?"^) Der Enthusiasmus, dem sich die französischen, holländischen und italienischen Juden Hingaben, fand selbst während des ersten Aufflackerns keinen aüseitigen Widerhall unter den anderen europäischen Juden. Die Berliner Aufgeklärten, die Schüler Mendelssohns, wohl auch aus patriotischem Zorn, haben von vornherein das Synhedrin für ein Gaukelspiel, das Napoleon seinen Parisern geben wollte, erklärt (Friedländer). Ein englicher Jude hat in einem Sendschreiben an das Synhedrin ihm direkt vorgeworfen: „Hat einer von unser Brüdern in Konstantinopel, Bagdad oder Korfu, oder eine von den englischen Gemeinden Deputierte zu Euch gesendet? Oder haben sie ihre Zustimmung zu Euren Beschlüssen gegeben?"38) * * * * ") und 32) Ibid. 291—3. aa) Jost, Neuere Geschichte der Israeliten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Bd. II p. 165. *) Grätz, Ibid. p. 302. 35) Ibid. p. 294 und 301. Die Konsistorialverfaffung, die vornehmste Folge des Synhedrins, besteht im Wesentlichen noch heute für die Juden Frankreichs. Die Pflichten, die das Gesetz von 1808 den jüdischen Konsistorien zumeist, ergaben jedoch einen höchst dürftigen Wirkungskreis: Die Rabbinen zu überwachen, daß sie nicht Lehren erteilen sollen, die mit den 12 Antworten der Notabeln-Versammlung und des Synhedrins nicht übereinstimmen, die Synagogenordnung zu bestimmen, die Erhebung und Verwendung der für den mosaischen Kultus bestimmten Gelder zu ordnen, und die Israeliten ihres Konsistorial- Sprengels zur Ergreifung nützlicher Gewerbe aufzumuntern u. s. w. Die Oberleitung hatte das Central-Konsistorium in Paris?8) Alles in Allem kam mehr die administrative Leitung zum Vorschein, als eigentlich die Thätigkeit für den inneren Fortschritt und Ausbau. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts sind die Mängel der Konsistoriatordnung nach und nach verbessert worden. Im Jahr 1838 ergriff das jüdische Centralkonsistorium selbst die Initiative, die Organisation der Gemeindeorgane durch die Konsistorien gesetzlich zu erneuern. Diese geplante Neuordnung ries eingehende Debatten hervor, bis der neue Entwurf, unter Mitwirkung des damaligen Vize- Präsidenten (dann Präsidenten) des Central - Konsistoriums Ad. Cremieux am 10. März 1842 dem Ministerium des Innern und der Kulte zur Prüfung übergeben wurde??) Der Minister Martin du Nord verfuhr dabei mit einer seltenen Bedachtsamkeit, überall neben der Staats-Autorität die inneren Interessen der Juden berücksichtigend, und so entstand am 25. Mai 1844 eine allgemeine Organisation des israelitischen Kultus in Frankreich. Diese königliche Ordonnanz besteht aus 37 Paragraphen. Unsere französischen Glaubensgenossen scheinen mit Sinn für Organisation besonders begabt zu sein. Sie haben im Jahr 1860 auch die „Alliance Jsraelite Universelle" gestiftet. Die Absicht ihrer Begründer ging und geht dahin: „Die Verteidigung der Ehre des jüdischen Namens gegen jeglichen Angriff; die Ermunterung zum Betrieb jeglicher Handarbeit, der Kampf gegen Unwissenheit und Laster, die Arbeit an der Emanzipation unserer noch unter einer Ausnahmegesetzgebung seufzenden Brüder durch die Macht der Ueberzeugung und des moralischen Einflusses, und die Beschleunigung und Befestigung ihrer vollständigen Befreiung durch ihre geistige und sittliche Wiedergeburt".38) Auch die deutschen Juden haben sich an den Arbeiten der Alliance beteiligt. _ Die Moral des Iudeatams. Auszug aus einem aus dem Kommunitäten-Kongreß gehaltenen Referat. Von Rabbiner Dr. I. Nie mir o wer -Jassy. II. Die bei der Entstehung des Monotheismus bei den noch unreifen Juden notwendige Ausrottung des Götzendienstes in 36) Jost, Neuere Geschichte der Israeliten, Bd. II p. 166. Ibid. p. 168, 171 und 183. 28) Allgemeine Israelitische Allianz, Bericht über die ersten 26 Jahre (Berlin 1886) p. 5.

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