Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- Seite 127 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 8 Israelitische Wochenschrift. Seite 127. „Wollen der erlauchteste Pan seinem unterthänigsten Diener ein freies Wort erlauben?" frug Woickowski, sich fast dis zur Erde verneigend. „Natürlich. Rede." „Dieser abgefeimte Spitzbube hier hat die Zwantzer Arrende über drei Jahre inne gehabt. Dank meinen Vorgängern, zahlte er eine kaum nennenswerte Pacht. Schon von dem Ausschank seines Fusels ist er reich geworden. Aber das schien ihm noch nicht genug. Er begann die Bauern zu tränken und bis aus den letzten Faden auszuziehn." „Außerdem reizte er die Leibeigenen zum Ungehorsam aus. Ich habe mich deshalb entschlossen, ihn unter allen Umständen davonzujagen. Dieser Gauner hat nämlich die Pacht nicht zur rechten Zeit gezahlt und ich jagte ihn fort. Er wollte aber aus mich nicht hören, ich war darum gezwungen, heute meine wichtigsten Arbeiten bei Seite zu legen und persönlich ihn durch die Haiduken an die Lust setzen zu lassen. Das bedeutet nach seine^Meinung, daß ich seine Frau geschlachtet habe, seine Kindermund sogar ... ihn selbst", schloß Woickowski, nunmehr ebenfalls lächelnd. „Wozu die kostbare Zeit mit solchen Dummheiten verbringen!" sagte Wirginski ungeduldig, „laß den Hund durchpeitschen und die Sache ist erledigt." „Störe mich nicht, Wirginski!" erwiderte Potocki, die Brauen zusammenziehend. „Gerechtigkeit ist die Devise meiner Ahnen . . . Steh auf, Jud, du hast nicht zur rechten Zeit gezahlt und die Abmachung verletzt; deinx Sache ist verloren." „Erlauchtester Herr! Ich Hab an dem richtigen Tag gezahlt; gestern war der Erste und gestern Hab ich gezahlt." „In dem Vertrag heißt es, die Pacht sei zu zahlen an jedem Ersten, bevor das Licht angezündet wird. Er brachte aber das Geld, als die Lichter schon brannten", erläuterte Woickowski. „Erlauchtester Herr! Der Herr Verwalter haben die Lichter angezündet, noch bevor der Abend dachte anzubrechen . . . Und wenn der Herr sie schon früh Morgens anzündet, was kann ich dafür?" „Hieraus folgt, daß du am Vorabend jedes Ersten die Pacht zahlen müßtest. Du wußtest ja, was du unterschrieben hast", bemerkte Woickowski. Die Gesellschaft lachte; Pfiffigkeit des Verwalters imponierte ihr. „Ich gratuliere dir. Pan Stephan, zu einem solchen Verwalter; das ist ja ein wahrer Schatz!" sagte Bolepolski entzückt. „Zum ersten Mal in meinem Leben treffe ich einen Schlachziz, der einen Juden überlisten kann. Prachtkerl, Woickowski! Hundert Schafe von mir als Geschenk, — laß fie holen, wann du willst." Der entzückte Woickowski verbeugte sich dreimal; der Jude aber ließ den Kops aus die Brust sinken und stand da, wie ein zum Tode Verurteilter. „Bei dieser Gelegenheit erdreiste ich mich, meinem Gebieter noch einen Umstand mitzuteilen, der dazu angethan ist, die Einnahmen meines Herrn zu schmälern. Ich hatte schon an Stelle dieses Gauners einen anderen Juden gefunden, der den doppelten Pachtzins mit Freuden zu zahlen bereit war und heute früh war er hier mit Sack und Pack angelangt^ um die Schenke zu beziehen. Da kamen aber die Juden mit ihrem Rabbiner aus dem Städtchen und trieben ihn fort. Der Rabbiner drohte dem Juden mit seinem Cherem und dieser lies von dannen. Die Schenke steht^nun leer und es ist sehr fraglich, ob und wann wir wieder einen Pächter finden." „Den Judenrabbiner her!" kommandierte Potocki. Zwei Haiduken stürzten davon, um den Befehl ihres Herrn zu vollziehen. Der unglückliche Schenker, das Gefahrvolle seiner Lage begreifend, begann sich nach rückwärts zu konzentrieren. „Ich begreife nicht. Pan Stephan, wozu du überhaupt einen Rabbiner duldest!" sagte Bolepolski. „Kuriose Frage! Wenn wir aus unseren Besitzungen Juden dulden, so müssen wir uns wohl oder übel auch ihre Rabbiner gefallen lassen." „Bitte sehr — durchaus nicht." „Und wie ist das nach deiner Ansicht zu machen?" „Ich will dir erzählen, wie ich es gemacht habe. Ich ließ alle Juden meines Dorfes kommen und stellte sie vor die Alternative, entweder ohne Rabbiner zu bleiben, oder sich zu allen Teufeln zu scheren." „Nun?" „Allerdings schrien und lärmten sie: Wie sollen wir leben ohne Rabbiner? Dobrze, sagte ich, ich werde euer Rabbiner sein." „Freund Jan, scherzest du, oder was sonst?" sagte Potocki, sich zu ihm niederbeugend. „So wahr Gott lebt — nein. Ich bin Rabbiner und alle Juden sind entzückt von mir." „Wie machst du es denn? Ha ha ha!" „Ich mache es folgendermaßen. In Geld- und Handelsstreitigkeiten urteile ich nach bestem Gewissen, wie es Gott mir eingiebt. Allerdings, hier kann ich beide Parteien nicht befriedigen — das ist ganz natürlich. Nun, hol sie der Kuckuck! Aber meinem Urteil müssen sie sich unterwerfen, ob sie wollen oder nicht." „Und in Religionssragen?" fragte Pater Benediktus lächelnd. „Aeußerst einfach. Da kommt z. B. ein Judenweib zu mir: „Herr, ich Hab in einen Fleischtopf einen Milchlöffel gethan!" — „Was schadet das?" frage ich. — „Wir dürfen es nicht; das ist trese!" — „Weißt du es ganz gewiß, daß es trefe ist?" — Woher sollte ich, dummes Weib, es wissen? Ich bin gekommen zu fragen den Pan Rabbiner." — „Und wenn es nun trese wäre?" — „So wär der Tops kaput und auch der Löffel." — „Wieviel kostet dein Tops?" — „Ich hatte auch ein ganzes Huhn darin, auch das Huhn wäre kaput!" — „Gut. Trage das Huhn, den Topf nebst dem Löffel in meine Küche und laß dir ein lebendes Huhn, einen neuen Topf und einen neuen Löffel geben." -- Das Judenweib empfiehlt sich mit zahllosen Segenswünschen, denn wenn es der Judenrabbiner ^trese gesprochen hätte, wäre alles verloren." „Sehr geistreich", lobte Panna Oda. „Kommt da wieder ein Jude voller Verzweiflung: „Pan! Ich Hab einen Ochsen geschlachtet, und da hat er aus der