Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- Seite 121 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 8. Israelitische Wochenschrift. Seite 121. Abendschimmer der ältesten glorreichen Akademie. Die allein gebliebene Schwesterschule zu Pumbadita konnte noch infolge ihrer besseren geographischen Lage und ihrer zwei aus einander folgenden großen Gaonim, Vater und Sohn, Rabbi Scherira, der 70 Jahre, und Rabbi Hai, der 40 Jahre präsidierte, bis 1038 existieren. Das Centrum des Judentums und der Juden in Babylonien war nun ausgelöst. Das jüdische Gemeinwesen, wie es in Babylonien geordnet war, ist bis in die spätesten Zeiten Muster geblieben, zum Teil als Bestandteil der Gemeinde-Ordnungen in der gesamten Diaspora ausgewahrt geblieben, wie auch die Gebetstücke JpnDülp'i, Segenssprüche für die Häupter der Gesamtheit, der Hochschulen, der Gemeinden und deren Glieder, bis auf diesen Tag in unserem sabbatlichen Gebeteyklus erhalten sind. (Fortsetzung folgt.) Die Politik. (Die Antisemiten und die Schnorrer.) Die antisemitischen Organe beneiden sogar die Schnorrer und machen selbst diese Armen zum Gegenstand verleumderischer Nachrede. Dem Wiener „Deutschen Volksblatt" wird angeblich aus München geschrieben, und die „Kreuzzeitung" druckt es diensteifrig nach: „Welche Einnahmen die nach dem Westen in stets steigender Zahl zuwandernden jüdischen Bettler (Schnorrer) erzielen, davon liefert wieder einmal den Beweis die Verhaftung eines solchen herumlungernden polnischen Juden in Ettenheim in Baden. In seinem schmierigen Kaftan fand man 43 M. in Silber, 1600 M. in Gold und Banknoten und einen Check in Höhe von 4000 Rubel auf eine russische Bank. In Städten wie Frankfurt, Nürnberg, Fürth u. s. w., wo viele reich gewordene Juden wohnen, kann man das Schnorrer-Unwesen genau betrachten. Die Schnorrer reisen mit der Eisenbahn planmäßig von Stadt zu Stadt, nehmen erst das selten unter 10 bis 20 M. betragende Ortsgeschenk der israelitischen Kultusgemeinde in Empfang und fechten dann alle jüdischen Wohnungen und Komptoire ab. Hier erhalten sie wieder reichliche Geschenke. Dabei wird flott gelebt. Man hat in Fürth in einer Kaschemme solche verlumpte Gestalten getroffen, wie sie um ganze Rollen Goldes spielten. Erfährt die Kultusgemeinde, daß von den sauberen Stammesgenoffen einer wegen irgend eines Verbrechens von der Polizei gesucht wird, so wird ihm schleunigst ein Billet gelöst und er auf der Bahn weiter befördert. Hat der Schnorrer dann in wenig Zeit ein kleines Vermögen zusammengebettelt, so läßt er sich in München nieder, macht einen „Kladerladen" auf, arrangiert einige „faine Platten", worauf er bald ein gemachter Mann ist." Wenn die antisemitischen Urheber und Verbreiter dieses Märchens nicht wüßten, daß es ein Märchen ist, sie ließen es sich eine kleine Operation kosten, um selbst das Schnorrerleben führen zu können, das ihnen in so verführerischem Licht erscheint. * * * (Nebbich!) Die „Kreuzzeitung" bejammert den Niedergang des französischen Volks, das nach ihrer Meinung gänzlich in Judenbanden liegt: „Daß das Judentum in Frankreich dem unseren an Einfluß um mehrere „Nasenlängen" voraus ist, lehrt ein Vorgang, über den das „Verl. Tgbl." gehobenen Hauptes telegraphisch berichtet. Der Direktor eines staatlichen Lyceums ist abgesetzt worden, weil er nicht wegen einiger antisemitischer Aeußerungen eingeschritten war, die sich verschiedene Schüler gegen den Sohn eines höheren, jedenfalls jüdischen Beamten erlaubt hatten. Dasselbe Schicksal soll dem Schulvorsteher bevorstehen, der das Lyceum zu überwachen hat. Das verdient „schneidig" genannt zu werden, nicht wahr? Weil ein paar dumme Jungen „Hep, Hep" gerufen haben, werden zwei Familien unglücklich gemacht, und die Schulautorität überdies schwer erschüttert. Welche Achtung kann ein Direktor künftig beanspruchen, der vor der Angeberei jedes Judenjungen zittern muß? Welche platte Kriecherei muß dadurch großgezogen werden, und auf der anderen Seite welcher ingrimmige Haß! Ganz ähnliche Zustände herrschen übrigens, wie schon wiederholt berichtet worden ist, in der Heeresverwaltung. Auch dort wird jede gegen das Judentum gerichtete Aeußerung, wenn sie in die Oeffentlichkeit dringt, mit Dienstentlassung oder doch mit Strafversetzung geahndet, so daß der Atem nachgerade jedem ausgeht, der nicht zu den sog. Dreyfusards, d. h. Juden und Judengenossen gehört. Von unserem Standpunkt haben wir ja gar keinen Grund, den Sturz dieser Gesellschaft und die Herrschaft der Nationalisten herbeizusehnen, die uns noch weit ingrimmiger hassen, als sie. An sich aber ist es ein jämmerliches Schauspiel, eine sonst so selbstbewußte Nation vom Judengeld dermaßen geknechtet und ausgebeutet zu sehen." Es ist allerdings tief traurig, daß ein Schuldirektor nicht mehr ungestraft die konfessionelle Verhetzung der Schuljugend soll dulden und durch Duldung fördern dürfen. Man könnte am Leben verzagen, wenn man dergleichen hört. Auch daß die französischen Offiziere Antisemitismus (als eine unanständige Gesinnung) nicht mehr zur Schau tragen dürfen, ist überaus traurig — für die Genossen solcher Gesinnung. Daß aber die „Kreuzzeitung" diese tief betrüblichen Erscheinungen bei der „sonst so selbstbewußten Nation" sofort und einzig durch das „knechtende Judengeld" zu erklären weiß, das — läßt tief blicken, sehr tief, in die Tiefe einer Seele, die sich von Grund aus entrüstet über jedes Trinkgeld, das nicht sie selbst erhält. * -i- (Das Bismarck-Denkmal in Posen.) Die antisemitische „Deutsche Tageszeitung" läßt sich aus Bromberg melden, daß die Posener Juden für das dem Fürsten Bismarck in Posen zu errichtende Denkmal „überhaupt nicht beigesteuert haben." „Es mögen ganz vereinzelte Beiträge von Juden beim Komitee eingegangen sein, die Judenschaft als solche hat sich ostentativ und zielbewußt serngehalten. Warum ist dies geschehen, so fragt man. In der Provinz und in der Stadt Posen ist man sich darüber ganz klar. Die Juden wollen es mit den Polen nicht ganz verderben, sie wollen sich die Möglichkeit eines Kompromisses mit den Polen für passende Gelegenheiten (Wahlen u. s. w.) für alle Fälle offen halten." Wir wissen nicht, ob die Juden für das Posener Bismarckdenkmal viel oder auffallend wenig beigesteuert haben. Die Angabe des antisemitischen Blattes ist an sich unglaubwürdig. Charakteristisch aber für die Antisemiten ist es, daß sie, aus der Tiefe ihres Gemüts schöpfend, für jede Handlungsweise immer nur die schäbigsten Beweggründe zu finden wissen. Wer sittlich nicht ganz in den Antisemitismus versunken ist, würde am Ende aus den Gedanken gekommen sein, es könne Juden geben, die sich nicht bewogen fühlen, zu einem Denkmal für den Förderer des Antisemitismus beizusteuern. * * *