Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. Seite 118

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605727--8496-9605733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 118. Israelitische Wochenschrift. 4!r. 8. Ein altrr Chmm. Vor Kurzem ist in einer Vorstandssitzung der Anglo- Jewish Association in London der Antrag angenommen worden, bei den aschkanasischen Rabbinern in Jerusalem eine Sistierung des vor vielen Jahren gegen die Alliance-Schulen in Palästina ausgesprochenen Cherems nachzusuchen. Dieser Antrag hat die Geschichte des Cherems und ein Buch „Emek Brachah" in Erinnerung gebracht, das der berühmte fromme russische Gelehrte, Rabbi David Friedland, über den Cherem geschrieben hat. „Emek Brachah" behandelt die Form, die Gewalt und die Giltigkeit des Cherems im Allgemeinen unter Anführung der talmudischen und anderer Autoritäten, und im Besonderen die Giltigkeit des von den Jerusalemer Rabbinern gegen modernen Unterricht ausgesprochenen Cherems. Der Verfasser führt den Nachweis, daß dieser Cherem ungesttzlich gewesen und im günstigsten Fall nur für jene bindend war, die sich ihm seinerzeit gefügt haben. Der Cherem hatte weder den Zweck, ein bestehendes Gesetz zu bekräftigen, noch als Schutz zu dienen — denn eine gründliche Bildung im Allgemeinwissen kann die Religion nur stärken. Der Verfasser rät den Jerusalemer Rabbinen, den Cherem für die zu widerrufen, die sich ihm irrtümlich unterworfen haben. Für die Juden, die den Cherem überhaupt nicht anerkannt haben, und für die später zugekommenen Ansiedler — und das ist die überwiegende Mehrzahl — hat der Cherem ebensowenig Geltung wie für die sephardischen Gemeinden. Das Buch führt als Beispiel die Entscheidung des großen Gelehrten Rabbi Eliahu Misrachi an, der im Mittelalter wegen seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit großes Ansehen genossen hat. Rabbi Eliahu Misrachi war das behördlich anerkannte kirchliche Oberhaupt der Juden in der Türkei, wo er segensreich wirkte und 1526 starb. Fanatische Juden in Konstäntinopel hatten einen Cberem gegen alle geschleudert, die die Karaiten in profanen Wissenschaften und in der Religion unterrichten wollten. Rabbi Eliahu bewies in seiner Entscheidung, daß der Cherem keine Berechtigung habe und widerrief ihn. Die Geschichte des voiliegenden Jerusalemer Cherems liegt weit zurück. Schon vor fünfzig Jahren wurde der Gedanke angeregt, als eben Sir Moses Montestore in Jerusalem eine Handarbeitsschule für Mädchen begründet hatte, in der auch hebräischer Elementarunterricht erteilt wurde. Drei Jahre später eröffnete Ludwig August Frankl die Von Laemel- Schule, und nun wurde die Bewegung gegen den Unterricht schon kräftiger. L. A. Frankl berichtet über diese Agitation in seinem Buch „Nach Jerusalem". Ein förmlicher „Jsfur" wurde erst später, nach der Begründung der Evelina von Rothschild-Schule und der Landwtrtschaftsschule in Jaffa, erlassen. Vor zweiundzwanzig Jahren wurde dieser Jsfur durch eine bestimmte Partei in Jerusalem gegen den Willen vieler Rabbiner noch verstärkt. In den lktzten Jahren erlaubte man in vielen Fällen eine Umgehung des Cherems, da auch viele Gemeinden auf Wunsch ihrer Auftraggeber den armen Leuten, die ibre Kinder in moderne Schulen schickten, ihren Anteil an der Chalukah nicht mehr entzogen. Nur die Vorsteher der Suwalki- und der ungarischen Gemeinde beharren noch in der Verfolgung der Mitglieder, die ihren Kindern die Vorzüge der modernen Bildung nicht entgehen lassen. Wenn man die Leiter der europäischen Heimatsgemeinden dieser Jerusalemer Fanatiker veranlassen könnte, ihre Tochtergemeinden zu einer gerechten Stellungnahme in der Cherem-Frage zu bewegen, würde man einer erheblichen Anzahl von Mitgliedern dieser Gemeinden und der Sache der Verbreitung von Bildung einen dankenswerten Dienst erweisen. Gchult-Orgauisalionku in drr Diaspora. (Einblicke in die jüdische Geschichte.) Bortrag von Leon Scheinhaus -Memel. I. Der jüdische Staat hatte in Judäa seine Existenz verloren; doch aus seinen Trümmern, den zersprengten Gemeinden, erblühte neues jüdisches Leben, gehalten und gefestigt von einsichtsvollen Lehrern und Führern. In innigem Zusammenhang mit der Lehre des Judentums, dieser unvergänglichen Volksseele, die das zerstreute Volk ohne Land aus der Lichthöhe des Gedankens unsterblich erhalten konnte, hat sich auch der Volkskörper entwickelt, der Widerstandskraft gegen alle Leiden aufzubieten und die alte Eigenart in der Diaspora aufzubewahren vermochte. Dank diesem selbstbewußten Zusammenwirken des Volksleibes und der Volksseele, diesem Zusammenschluß der Einzelnen zu organisierten Gemeinden, hat der jüdische Stamm inmitten der gewaltigen Völkerströmung sein Wesen unverändert behalten, „gleich dem mächtigen Strom, der durch große Wassermassen seinen eigenen Lauf einhält und seine Farbe nicht wechselt. Er nahm mehr oder weniger Anteil an der Geistesarbeit der Völker, unter denen er angesiedelt war, ohne darum auszuhören, seine eigene Literatur, seine altehrwürdige Sprache nach Maßgabe der Kulturstufen auzubauen und sie zu einem neuen Mittel zu schaffen, das die zerstreuten Glieder für die einheitliche Gesamtheit Zusammenhalten hals>)." Als die aus dem Boden der Urheimat Judäa nach Auflösung der Staatsverfassung noch über vier Jahrhunderte erhalten gebliebene einheitliche Organisation durch Verfolgung seitens des römischen Christentums vernichtet und das Patriarchat ausgehoben war (Grätz Bd. IV p. 450), schien das Judentum der Verkümmerung und Auslösung unrettbar verfallen, wenn sich nicht in Babylonien für lange Jahrhunderte die rettende That in der jüdischen Geschichte und Literatur vollzog. Die unschuldig Verfolgten und Gehetzten haben mit aller Entschiedenheit dahin gestrebt und es auch erzielt, in ihrer Diaspora Mittelpunkte zu schaffen, von denen aus geschichtliches Leben über den weit ausgedehnten Umkreis ausftrömte. Babylonien wurde das Erbe Judäas, von da aus sind neue hellleuchtende Centren für die gesamte jüdische Diaspora entstanden, eine einheitliche und einigende Organisation, die *) Grätz, Geschichte der Juden, Bd. V (sä. 1860), Einleitung P. 4.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.