Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. Seite 116

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605727--8494-9605731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 116. Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. daS eine Mitglied der Rheydter Gemeindeverwaltung (durch Tod) ausgeschieden war, das für das Schächtverbot mit agitatorischem Eifer gewirkt und gegen das Schächten ein erregtes Vorurteil erst geschaffen hatte, dessen Künstlichkeit durch sein Nachlaffen nach Aushören des Schürens dargethan wird. Auch möchten wir der persönlichen Auffassung Ausdruck geben, daß Urheberschaft und demgemäß Wert der Erregung gegen das Schächten in den meisten Fällen von gleicher Art find. Doch während in Rheydt der Streit beigelegt ist, haben die kommunalen Behörden von Angermünde, auf dem Oberverwaltungsgerichtsurteil vom 11. Januar 1901 fußend, für den dortigen Schlachthos ein Schächtverbot erlassen. Unsere Glaubensgenossen in Angermünde sind seitdem darauf angewiesen, ihren Fleischbedarf von außerhalb zu beziehen, was mit erheblichen Mehrkosten verknüpft ist, oder auf Fleischnahrung zu verzichten, wofern sie nicht der Versuchung unterliegen, ein religiöses Gebot zu übertreten, dessen Befolgung ihnen Opfer auferlegt, die sie für allzuschwer halten. Noch in anderer Beziehung machen sich die Folgen für unsere Angermünder Glaubensgenossen in empfindlichster Weise fühlbar: Die arme Gemeinde vermag den Religionslehrer nur so karg zu besolden, daß er die Nebeneinnahmen aus den Schächtgebühren nicht entbehren kann. Der frühere Lehrer hat seine Stelle aufgegeben, ein neuer will sich nicht finden. Indem wir dem Vorstand der jüdischen Gemeinde in Angermünde Vorbehalten, die örtliche Angelegenheit in der Weise zu verfolgen, die ihm gut scheint, erlauben wir uns. Euere Exzellenz davon in Kenntnis zu setzen, daß an vielen Orten durch eine eifrige und in den Mitteln nicht eben wählerische Agitation auf Nachahmung des Angerwünder Beispiels hin gearbeitet wird, und somit ein Notstand für weitere Kreise unserer Glaubensgenossenschaft sich vorbereitet. Aus diesem Grund haben wir uns befugt gehalten, in dringendster Weise unser gehorsamstes Gesuch zu wiederholen, das der Gerechtigkeit entsprechen würde, auch wenn es sich nicht, wie wir überzeugt sind, aus das Gesetz stützen könnte. Der Einfluß der staatlichen Aufsichtsbehörden ist den Kommunen gegenüber so groß, daß seine volle Anwendung ausreichen würde, die kommunalen Behörden von Versuchen abzuhalten, die der verfassungsmäßig verbürgten freien Religionsübung zuwiderlausen. Eine gleichlautende Eingabe geht an die mitbeteiligten Herren Minister. Euerer Exzellenz gehorsamste Die Beauftragten des Rabbiner-Verbands." §rr offene Kries -es Dr. Münz. Der offene Brief des Rabbiners Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz über „Ritualmord und Eid" hat eine mächtige Bewegung hervorgerufen. Die mutigen, unverfälschten Worte, der innersten Glut des Geistes entsprungen, haben, so schreibt der „Oberschlefische Wanderer", wie eine Elementargewalt gewirkt. Aus immer weiteren christlichen und jüdischen Kreisen gehen zustimmende Kundgebungen ein. Zu den von uns bereits früher angeführten Stimmen fügen wir aus der Fülle der Eingänge noch folgende hinzu: Dr. Cornill, der berühmte Professor der evangelischen Theologie an der Universität Breslau, macht in finniger Gedankenverbindung daraus aufmerksam, daß der Tag, an dem der offene Brief erschienen, der 22. Januar, der Geburtstag Lessings sei. Prof. Cornill richtet an Dr. Münz folgende Zeilen: „Hochwürdigster Herr Doktor! Innigsten Herzensdank. Das war ein rechtes Wort zur rechten Zeit und die herrlichste Geburtstagsfeier des herrlichen Gotthold Ephraim Lessing." In einer anderen Zuschrift an Dr. Münz erklärt Prof. Cornill mit Bezug auf die Blutanklage, daß es einfach Christenpflicht, doppelt Theologenpflicht sei, in dieser Schmach Israel bei der Hand zu fassen. Der christliche Inhaber einer hochangesehenen Fabrikfirma in Schleswig-Holstein richtet an den Verfasser ein Schreiben, welches so ergreifend und überzeugungskrästig wirke, daß es von den weitesten christlichen Kreisen gelesen und beherzigt zu werden verdiene. Das Schreiben lautet: „Welch ein tiefer, erhabener Glauben spricht aus Ihrem offenen Brief „Ritualmord und Eid!" Ihr Schwur ist so überzeugend und beweiskräftig, daß ich heute, selbst wenn ich früher einmal gezweifelt haben sollte, nie mehr an die Schuld der Juden in sämtlichen Blutanklagen glauben werde. Ich schreibe Ihnen, dem beherzten Mann, dies als ein überzeugter Christ und nehme zur Ehre meiner wirklich christlichen Mitmenschen an, daß dieselben in Zukunft hinsichtlich der Ritualmorde den bisherigen blödsinnigen Behauptungen, die ja bei dem geringsten Anlaß von gewissen Seiten aus bestimmten Gründen immer wieder mit erneutem Fanatismus vorgebracht werden, keine Beachtung mehr schenken, sondern dieselben, wie sie es in der That verdienen, niedriger hängen werden, genehmigen Sie, unerschrockener, für die Wahrheit kämpfender Mann, meine größte Hochachtung." So spricht ein deutscher Christ! Um den Eindruck zu kennzeichnen, den die Schrift des Dr. Münz auf jüdische Kreise gemacht hat, seien aus den zahlreichen Kundgebungen folgende hervorgehoben: Die israelitische Gemeinde in Zerbst richtet an den Verfasser folgenden Brief: „Die heute versammelte israelitische Gemeinde in Zerbst kann es sich nicht versagen, Ihnen, Hochwürdiger Herr, nicht nur ihre volle Zustimmung zu dem an Herrn Liebermann von Sonnenberg gerichteten offenen Brief zu geben, sondern Ihnen auch ihre Bewunderung ob dieses Meisterwerkes eines Schriftstückes, das Millionen Israeliten aus dem Herzen geschrieben ist, auszudrücken. Mögen die Worte Ihres offenen Briefs, die alle Menschen von Herz und Gemüt bis ins Innerste ergreifen, dazu beitragen, diese traurigste aller Beschuldigungen gegen die jüdische Religion für ewige Zeiten zu begraben." Die Gotha-Loge zu Gotha schreibt folgendes: „Ihr offener Brief an den Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg ist eine hochbedeutsame That. Sie haben damit dem Judentum einen Dienst erwiesen, der Ihnen die aufrichtige Dank-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.