Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 109 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7. Israelitische Wochenschrift. Seite 109. Die Anstalt beabsichtigt, in nächster Zeit einen Neubau in » vergrößertem Umfang auszuführen. Graudenz, 9. Februar. (Neuer Literaturverein.) Vor einigen Wochen hat sich hier ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur gebildet. Der Vorstand setzt sich folgendermaßen zusammen: Rabbiner Dr. Loevy, Vorsitzender, Lehrer Mannheim, Schriftführer und Bibliothekar, Kantor Bernstein/' (stellvertretender Schriftführer und Kaufmann I. Holzmann, (.Kassenführer. Am Montag voriger Woche fand die erste größere Versammlung statt, die von über 100^ Personen besucht war und von Herrn Geheimrat Dr. Wolf eröffnet und geleitetlwurde. Herr Rabbiner Dr. Loevy hielt einen mit Beifall ausgenommenen, an Form und Inhalt gleich vollendeten Vortrag über das Thema: „Ein Gang durch die jüdische Geschichte und Literatur," in dem er daraus hinwies, daß das Judentum seit uralten Zeiten von seinen Bekennern keinen blinden, sondern einen von Wissen und Erkennen gegründeten Glauben verlangt. Diese Forderung sowie das Bedürfnis, auch Andersgläubige über das Wesen und die Lehren des Judentums auszuklären, habe in neuester Zeit zur Begründung von Vereinen zur Pflege jüdischer Geschichte und Literatur geführt. In der nun folgenden skizzierenden Darstellung der sechs Zeitabschnitte des Judentums, beginnend mit der biblischen und endend mit der Ausklärungsperiode, wurden die hervorragendsten Ereignisse und Persönlichkeiten unter Beifügung einiger Literaturperioden vorgesührt und dabei gezeigt, wie das Judentum mit seinen religiös anerkannten Erzeugnissen stets aus dem Boden der Gerechtigkeit und Humanität gestanden, daß man seinem Altertum die Bibel und zwei monotheistische Weltreligionen, seinem Mittelalter zum größten Teil die Scholastik und die Erhaltung der Wissenschaft mit verdankt, und daß es in neuester Zeit durch Mendelssohm und andere einen nicht unwesentlichen Teil zur Förderung wissenschaftlicher Forschungen und kultureller Bestrebungen beigetragen. Der Redner kommt zu dem Schluß, daß das Judentum sich seine unverwüstliche Lebenskraft und Frische dadurch erhalten hat, daß es zu allen Zeiten die edelsten geistigen Zeitbestrebungen intensiv in sich verarbeitet hat und so beitragen konnte, immer wieder neue segensreiche Saaten für die Zukunft auszuftreuen. Köln a. Rh., 11. Februar. (Hilssverein der deutschen Juden.) Am Sonntag voriger Woche hat sich hier ein Lokal- Komitee des Hilssvereins der deutschen Juden gebildet. An seiner Spitze steht Herr Albert Simon. Mit ihm bilden den Vorstand die Herren Dülken, Rechtsanwalt Eltzbacher, Rabbiner Dr. Rosenthal, Dr. me6. Auerbach, Louis Eliel und Landgerichtsrat Rothschild. In der konstituierenden Versammlung, zu der etwa 30 hiesige Herren und gegen 10 Vertreter auswärtiger Gemeinden erschienen waren, hatte Herr Dr. Paul Nathan aus Berlin die Ziele des Hilssvereins in sehr'cheifällig ausgenommener Mede,dargelegt. London, 9. Februar.^,» (Die neuen Dajonim.) Der Vorstand der United^Synagogue hat in seiner jüngsten Sitzung die Anstellung zweier neuer Dajonim, beschlossen und gleichzeitig bestimmt, 'das Gehalts des Dajans, der die Funktion eines Bibliothekars der^Beth Hamidrasch-Bibliothek übernimmt, auf 550 L. St/'zu erhöhen. Für die Posten der » beiden Dajonim sind in Aussicht genommen: Rabbiner M. Hyamson, Prediger an der Dalston-Synagoge, als Dajan und Bibliothekar, und Rabbiner A. Feldmann, Prediger an der New Dalston-Synagoge. als Dajan und Rabbiner im Ostend. Wann die endgiltige Wahl stattfindet, ist noch nicht bestimmt. Christiania, 9. Februar. ' (Brandes-Fest.) Aus Anlaß des 60. Geburtstages von Georg Brandes hatte die Vorstandschast der studentischen Gesellschaft gestern Abend ein Fest arrangiert, das ein sehr reichhaltiges Programm hatte. Die Rede für Brandes hielt Professor Gran, der in malerischen Ausdrücken Brandes Entwicklung in den Kämpfen der Jugendjahre schilderte. Er gab ein Bild vom geistigen Zustand im Norden vor Brandes Hervortreten und erwähnte, wie alles so friedlich und stille aussah in bloßem Nachdämmern der geistigen Kämpfe, die da draußen in Europa ausgesochten wurden, bis Brandes wie ein Sturm kam und die alten Mauerwerke niederftürzte, mit denen man sich eingezäunt hatte, und die Geister im Norden weckte. Hieraus schilderte der Herr Professor Brandes' Bedeutung für die Gegenwart und für die Jugend, und charakterisierte ihn ganz besonders als ein polemisches Genie ersten Ranges, das auf allen Gebieten zuhause ist. Der Vortrag wurde mit kräftigem Beifall belohnt. Stud; phil. Kyrre-Olsen brachte hieraus den Dank der Studentenschaft für den Redner, und schloß mit einem Hoch auf Herrn Professor Gerhard Gran. Es folgten noch Deklamationen und musikalische Darbietungen. Das Fest schloß erst spät in der Nacht bei sehr gehobener Stimmung. (In der Mitteilung der vorigen Nummer von hier ist der „Repräsentant" Herr Hermann Feinsilber irrigerweise zum „Präsidenten" gemacht worden.) Warschau, 9. Februar. (Jüdische Haushaltungsschule. — Geldnot in der Armenkasse. — Volksunterhaltung.) Das hiesige jüdische Waisenhaus hat mit der Einrichtung einer Koch- und Wirtschastsschule für junge Mädchen gute Erfolge erzielt. Die jungen Mädchen werden nicht nur in den notwendigsten Haus¬ und Näharbeiten unterwiesen, sondern erhalten auch Unterricht in Obst- und Blumenzucht, so daß sie nicht nur für Haushaltungen in der Stadt sondern auch für Landwirtschaft geeignet werden. Jüdische Familien nehmen die so gründlich vorgebildeten jüdischen Mädchen gern als Dienstmädchen ins Haus. Augenblicklich befinden sich dreißig junge Mädchen zur Ausbildung in dieser Wirtschaftsschule. — Die hiesige jüdische Gemeinde ist in großer Geldnot, weil die Zahl der unterstützungsbedürftigen Juden immer zunimmt. Von den 270000 jüdischen Einwohnern Warschaus ist die Mehrzahl arm, und wenn auch der Einzelne nur eine geringe Unterstützung erhalten kann, so sind doch auch dafür schon bedeutende Mittel nötig. Im abgelausenen Jahr hat die Armenkommission der jüdischen Gemeinde 325000 Rubel für Unterstützungen ausgegeben, und wenn nicht bedeutende private Zuwendungen an die Armenkasse gelangen, wird der Vorstand die Gemeindesteuern erhöhen müssen. — Man plant hier die Errichtung eines jüdischen Volksunterhaltungshauses, in dem jüdische Handwerker und Arbeiter mit ihren Familien eine Stätte für zwanglose Zusammenkünfte, eine freie Bibliothek und ein Lesezimmer finden sollen.