Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 106 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 106. Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. Kalisch. Im Tendenzdrama zeichneten sich der ungarische Jude Klein, dessen Theatergeschichte noch heute von Wichtigkeit ist, und Mosenthal aus, dessen Debora lange Zeit viele Bühnen beherrschte. In der Lyrik war stark und originell Julius Mosen, eigentlich Moses, der auch als Dramatiker viel geleistet. Die Romane des deutschen Scott, Karl Spindler, aus früherer Zeit stammend, werden noch immer gelesen. Den Juden war es auch vergönnt, eine neue Literaturpflanze hervorzubringen: Berthold Auerbach, Alexander Weil uno der Oesterreicher Silberstein gehören neben Jmmermann und Gotthels zu deu Schöpfern der deutschen Dorfgeschichte. Auerbach, der vom Theologen, Juristen und Philosophen zum Schildercr des Bauernlebens geworden, in dessen Dorfgeschichten man sich allerdings manchmal erinnert, daß er ein Spinoza-Uebcrsctzer mar und gern philosophierte, hat Palast und Hütte erobert und lieferte den Beweis, daß der Jude auch der Dolmetsch des Dorslebens sein kann. Die Ghettoliteratur, die das Leben des Juden poetisch verklärt und festhält, entstand in dieser Epoche. Schon früher wurde oft das jüdische Leben zum Gegenstand dichterischer Schilderung genommen. Es fällt mir gerade Schiffs Wilde Rebbezin ein. Aber allgemeines Interesse für den Farbenwechsel des Ghettolebens errang Leopold Kompert mit seinen Mustererzählungen. Auch Aron Bernstein, der sich im Journalismus durch seine Dialektik und in der Naturwissenschaft durch die Kunst der Popularisierung auszeichnete, hat Meisterwerke wie: Mendel Gibbor und Vögele der Maggid hervorgebracht. Das sogenannte silberne Zeitalter der fünfziger Jahre mit seinen großen Dichtern Grillparzer, Hebbel und Otto Ludwig, auf die übrigens biblische Stoffe einen mächtigen Zauber ausgeübt, ist leider schnell vergangen. Die bürgerlichrealistischen Zeitromane und die^Kunstnovelle beherrschten die bürgerliche Gesellschaft. Paul Heyse wurde als Goethe der Novelle gefeiert; dieser Meister der Form stammt mütterlicherseits von Juden ab. Man hoffte, daß mit der Entstehung des deutschen Reichs eine neue Blüteepoche für die deutsche Literatur beginnen werde, daß dichterischeDismarcks und Moltkes entstehen, moderne Schiller und Goethe emporwachsen würden. Diese Hoffnung ist bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen. Jndeß läßt sich das ^neue deutsche Reich ^der Literatur noch nicht charakterisieren. Die beliebte Verurteilung mancher Schriftsteller als Nachahmer, die aus den ausgetretenen Bahnen der Größen früherer Zeiten wandeln, als Alltagsgrößen der Philisterwelt, als bemitleidenswerte^Epigonen, das Herausftreichen anderer Schriftsteller als^Vorkämpfer der Modernen, als Vorahner der Zukunft, Bahnbrecher und „Progonen", kann nichts ernst genommen werden. Während in der Welt der.Praxis die^ Nächstenliebe leicht und die Fernftenliebe fast unerreichbar ist, ist es in der Literatur7umgekehrt. Fernftenliebe, Wertschätzung .-von Geistesträgern weiter, ferner Zeitabschnitte^ istleicht^möglich, Nächstenliebe, liebevolle ' Beurteilung cher jZeitgrößen, der uns nächsten Schriftsteller ist^uns oft schwerer. Freilich für unsere Lieblingsdichter haben wir Liebe genug; cs mangelt aber an der sogenannten „geistigen Feindesliebe", wenn es sich um zeitgenössische Schriftsteller handelt, mit denen wir politisch, religiös, national, sozial oder künstlerisch differieren. Aus dem großen Gebiet des Journalismus, der leider noch nicht wissenschaftlich-literarisch gewürdigt ist, hat das Feuilleton manchmal eine ernstere, bleibendere Form angenommen. Daß im Feuilleton Juden eine hervorragende Stellung einnehmen, ist allbekannt. Ich beschränke mich daraus, zu erwähnen, daß in der „Neuen freien Presse" Nordau, Herzl und Goldbaum Ausgezeichnetes leisten, daß der rumänische Jude Brociner in Wien eine geachtete Stellung im Feuilleton errungen. Was aus der Tagespresse ins große Meer der Literatur besonders hereinströmt, ist die Kritik, der die Juden Meister geliefert. Spitzer mit seinen „Wiener Spaziergängen", Georg Brandes mit seinen nordischen, Oskar Blumenthal mit seinen Berliner und Max Nordau mit seinen Pariser Spaziergängen sind Kritiker ersten Ranges. Brandes, Blumenthal und Nordau sind sehr verschieden in ihrer Art und doch einander ähnlich durch die ihnen angestammten Fähigkeiten zur Kritik. Der nichtdeutsche Brandes, der auf die dänische Literatur einen so mächtigen Einfluß ausgeübt, der als Kulturmissionar a'en großen Menschen und erhabenen Werken als Apostel gedient und die verschiedenen Literaturen mit einander in Verbindung gebracht — worin sich bekanntlich viele kleinere Talente jüdischer Abstammung, als Uebersetzer und Erklärer hervorgethan — hat auch auf die deutsche Literatur einen nicht zu unterschätzenden Einfluß ausgcübt. Seine „Zeitströmungen", „Menschen und Werke" u. s. w. hatten eine nachhaltige Wirkung. Oskar Blumenthal, der im leichteren Lustspiel Verdienste erworben, der in Verbindung mit Kadelburg oder in heiterer Einsamkeit prächtige Witze feilt, ist als Kritiker von Bedeutung. Schon in den 70 er Jahren wurde er als Kritiker viel geliebt und viel gehaßt. Die Titel seiner verschiedenartigen Schriften und Dramen „Ungezogenheiten", „Aus der Bank der Spötter", „Vom Hundertsten ins Tausendste", „Teuselsfelsen", „Ein Tropfen Gift" kennzeichnen ihn. Er versteht es, liebenswürdig ungezogen zu sein; man fühlt bei ihm, daß er auf der Bank der Spötter sitzt. Er besitzt die Kunst, die im Feuilleton wie im jüdischen „Pilpul" vorhanden ist, vom Hundertsten ins Tausendste in geschickter Weise zu gelangen, im Entferntesten Verwandtes und im Verwandten Entferntes herauszufinden; eine Teuselsinsel hervorzuzaubern und den für die Kritik unentbehrlichen Tropfen Gift zu erzeugen, fällt ihm leicht. Die Witzliteratur höherer und niederer Art ist vielfach in jüdischen Händen geblieben. Freilich sind nicht alle Witzepigonen Ritter vom Geist und bietet manches Wortspiel ein trauriges Schauspiel einer geistlosen Geistreichelei. Aber so manche jüdischen Witze wirken wie Geistesblitze. Ein Meister des Humors und des Witzes sei hier genannt: Julius Stettenheim. Der Wippchenschöpser ist besonders wegen seiner Ein- und Zweizeiler zu feiern. In der Lyrik ist der blinde Seher Hyeronimus Lorm hervorzuheben, der seiner kritischen wie schöpferischen Schriften wegen sich in der Literatur einen Tempel errichtet. Dieser Dichterphilosoph, der den „grundlegenden Optimismus" predigt, hat für uns Juden gewissermaßen einen symbolischen Wert. Trotzdem er vom Schicksal verfolgt, von der Natur mißhandelt! wird, bewahrt er sich einen grandiosen Optimismus.