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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · p. Seite 105

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 105 (sequence 18)
Language
German
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Nr. 7. Israelitische Wochenschrift. Seite 105. < I Josef vorgearbeitet, so daß man, wenn man nicht eine besondere Liebe für den edlen Kaiser Josef hätte, den Ausdruck wagen könnte, der große Kaiser Josef war in mancher Hinsicht als Reformator Joses der Zweite, da Joses von Sonnensels der Erste gewesen. Auf die Dämmerungszeit der Kämpfe zwischen Gottsched und den Schweizern folgte die helle und lichte Zeit der Aufklärung, in der die Gespenster des Aberglaubens verscheucht, das menschliche Herz geläutert und der menschliche Verstand gestärkt wurden. Klarheit war das Losungswort. In dieser Zeit leuchtete der Stern Moses Mendelssohns, der für die Literatur vielleicht noch bedeutender als für die Philosophie gewesen. Dieser wirkte gegen die Verunstaltung der Form, sein klarer Geist trug zur Klärung bei und übte auf seinen Freund, dem er so viel zu verdanken hatte, aus Lessing, sehr günstig ein. Mag Kuno Fischer bestreiten, daß Lessings Nathan der Weise das Ebenbild Mendelssohns gewesen, es wird doch nie' gelingen, zu leugnen, daß ohne Mendelssohns Gestalt im Herzenssptegel Lessings, ohne Mendelssohns freies und treues Wesen im Geist Lessings der Nathan nicht entstanden, oder wenigstens nicht so wie jetzt dagestanden wäre. Als Gegensatz zur Ausklärerei, die den Verstand als den Maßstab aller Dinge betrachtet, stürmte jene Schule, die für die Kultur des Herzens und das Recht der Natur eingetreten. Zu den Stürmern und Drängern gehörte teilweise Salomon Maimon, wiewohl er ganz kritischer auslösender Verstand gewesen, insofern er sich in seinem Leben rücksichtslos von den Naturtrieben hat leiten lassen und in seiner Autobiographie mit rousseauischer Kühnheit seine Leiden und Leidenschaften in nackter Natürlichkeit aller Welt schilderte. Maimons Freund und Beschützer, Esraim Kuh war eigentlich der erste Jude des 18. Jahrhunderts, der den Pegasus bestieg. Dieser unstäte, wanderlustige Dichter ist längst vergessen, nur seiner Launen und Eigentümlichkeiten erinnert man sich noch zuweilen. An der klassischen Literatur haben die Juden direkt fast keinen Teil. Wenn man aber in Betracht zieht, wie biblische Stoffe Klopstock, Herder, Goethe u. s. w. angezogen, welche Macht die Bibel aus einige der Klassiker ausgeübt, daß Spinoza der Lieblingsphilosoph Lessings und Goethes gewesen, daß Rachel Lewin als Priesterin des Goethekultus gewirkt, daß im fernen Osten jüdische Jünglinge Schiller wie einen Propheten verehrt, so wird man es begreifen, daß man die klassische Periode nicht zu überspringen braucht, wenn man von Juden in der deutschen Literatur spricht. Die Romantik, die gleichsam dem Uebermenschlichen des Dichters huldigte, der Willkür des schöpferischen Ich Thür und Thor öffnete, der Phantasie das Szepter erwarb, Fichte und Schellung in Poesie umsetzte, das Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln mit neuem Zauber umgab, die Romantik mit ihrer Größe und Kleinheit hatte ihre Juden. Abgesehen davon, daß mit Friedrich Schlegels „Luzinde", Dorothea Mendelssohn, vielleicht auch Henriette Herz, Schleiermachers Seelenbraut, in Verbindung stand, abgesehen vom halbromantischen Robert, war Heinrich Heine trotz aller Gegenbehauptungen der Höhepunkt, der Ueberschreitungspunkt der Romantik. Heine, der trotz seiner Taufe, trotz mancher übermütigen Auslassungen gegen das Judentum ein Vollblutjude gewesen und besonders in den letzten, ernsten Jahren seines Lebens das Judentum gefeiert hat, war ein eigenartiger Romantiker — wenn der Ausdruck gestattet ist — ein „Ueberromantiker". Sein Dichterruhm als Lyriker und poetischer Prosaist wird nicht nur, wie er scherzhaft gesagt, durch die monumentalen Gebäude seiner Verleger bezeugt, sondern auch durch den mißlungenen Sklavenaufftand der Antisemiten gegen seine Geistesherrschaft, durch das Monument der Schande, das sich die wütenden Gegner des Heinedenkmals gesetzt haben. Aus dieser Zeit wäre noch der Dichter Michel Beer, der Bruder Meyerbeers, zu nennen. Michel Beer ist jung gestorben. Er hat zwar in seinem Paria den winselnden, weinenden, sich selbst erniedrigenden Ton angeftimmt, wie später der Ueberläufer Joel Jacoby; dessenungeachtet ertönt aus ihm auch der wilde Schrei des unterdrückten Juden. In der Zeiten Flucht ging die Romantik unter und tauchte das junge Deutschland aus. Mehrere Literaten von verschiedenem Temperament, verschiedener Art, mannigfacher Tendenz hatten das Gemeinsame, daß sie literarisch jugendlich waren. Sie zerstörten kühn, um neues auszubauen, sie kämpften mutig gegen das Alte und rangen nach besserem Neuen. Sie waren besonders starke Kritiker, mächtige Verneiner, rücksichtslose Umwerter, geschickte Zerbrecher der alten Tafeln und wurden wie gefährliche Verbrecher behandelt- Das Oberhaupt oder richtiger noch der Vater des jungen Deutschlands ist, trotz aller Zunft-Historiker, Ludwig Börne. Mehr noch als Jean Paul aus die Romantik, wirkte Leib Baruch aus das junge Deutschland. Der jüdische Verstand herrschte bei Börne, für den „dumm" der Ausdruck der größten Beleidigung war. Die prophetische Wahrhaftigkeit schmückte diesen charaktervollen Kämpfer. Als dramatischer Kritiker wie als sozial-republikanischer Politiker hatte bei ihm das ethische Moment das Uebergewicht, das er nicht dem Christentum, dem er immer fremd geblieben, sondern dem Judentum, von dem er sich seelisch nicht losreißen konnte, zu verdanken hatte. Börne wird auch als Begründer einer realistischen Aesthetik gefeiert. Zum jungen Deutschland gehörte später in einem gewissen Sinn auch Fanny Lewald, die die^Frauensrage behandelte. Das Jahr 1848 wäre ohne das junge Deutschland undenkbar. In der Literatur dieses Jahres haben sich mehrere besonders österreichische Juden ausgezeichnet. Moritz Hartmann, der in das Frankfurter Parlament gewählt wurde und mit Robert Blum als Revolutions-Apostel nach Wien ging, Beck, dessen Lieder eines fahrenden Poeten schon früher großes Aufsehen erregten, den Goethes Schwiegertochter in ihren Zauberkreis gezogen, Isidor Heller und Ludwig August Frankl sind Heroen der Literatur des Jahres 1848. Frankl hat das erste zensurfreie Blatt herausgegeben. Sein Gedicht „Die Universität" wurde in einer halben Million Exemplaren verbreitet und von 27 Komponisten in Musik gesetzt. Nach dem Jahr 1848 bis zur Begründung des Deutschen Reiches thaten sich viele Juden in.verschiedenen Zweigen der Literatur hervor. Das Reich des Witzes, das Saphir schon früher erobert hatte, das Doktor Märzroth zu erben suchte, wurde von den Juden behauptet. Wir nennen nur die beiden

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