Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 104 Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. Was die I. C. A. in ihren 193 Unternehmungen thut, hat vor ihr bereits die Alliance Universelle gethan, und Baron Hirsch hat sicher nicht gewünscht, eine Konkurrenzgesellschaft zu etablieren. Die I. C. A. soll ihr Geld in Palästina anlegen, so wie man in aller Welt, auch Seitens der Juden, sein Geld in Aegypten angelegt hat. Wenn in Rußland die Juden hungern, Hilst ihnen die I. C. A., wenn in Palästina die Juden hungern, heißt es: Die I. C. A. ist kein Almosen» bureau. Und ist den russischen Juden ernstlich geholfen worden, ist ein staatsmännischer Plan zu ihrer Regenerierung in Anwendung gekommen, der in seiner natürlichen Entwicklung Selbstrettung und Kräftigung zur Folge hat? Denn dies verspricht ihnen der Zionismus. Baron Hirsch und Baron Edmond Rothschild sind Wohlthäter, denen wir ewige Dankbarkeit schulden, aber die größte Dankbarkeit erweisen wir ihnen, indem wir ihr Werk vor Mißerfolg wahren. Ich behaupte ja nicht, daß das zionistische Projekt, auch wenn wir den Charter schon hätten, des Erfolges absolut sicher ist. Die Ausgabe, die dann vor uns liegt, wird immer noch zu den schwierigsten gehören." Nach der mit großem Beifall aufgenommenen Rede Zangwills sprach Mr. Herbert Bentwich kurz über die schlechte Verfassung der Rothschildkolonien; dann nahm Rabbiner Dr. Gafter das Wort. Er fragte, ob sie hier als Zionisten zusammengekommen wären oder als Demagogen, ob sie an der Rettung des Judentums arbeiten oder streiten wollten. Nach seiner Meinung wolle man dem Judentum aushelsen mit großen Mitteln und großer Arbeit, aber nicht mit verletzenden Worten und Schriften. Man solle mit den Erfolgen der letzten fünf Jahre zufrieden sein, die die Opposition zum Schweigen gebracht haben. Die Welt spottet nicht mehr über die Zionistenbewegung, sondern bringt ihr Achtung entgegen. Die Juden haben mit der Vergangenheit gebrochen und wollen nicht länger vom Parneß oder Gabbe oder von der Börse einiger reichen Leute abhängig sein. Herr Zangwill scheint die Vergangenheit zurückzuwünschen; er hat die Gestalt des Saran Mekatreg in die Literatur eingesührt und wünscht nun, die Rolle des „Anklägers" zu spielen. Anstatt die Millionen Geldes zu verlangen, sollte man lieber die Millionen Juden dem Zionismus zuzusühren suchen, die ihm noch fern stehen. Die Sache des Zionismus kann nicht dadurch gewinnen, daß man Beschuldigungen aus andere häuft, und die teuer erworbene Unabhängigkeit darf nicht für ein paar Pfund auf's Spiel gesetzt werden. Herr Zangwill erhob sich zu einer Entgegnung mit der heiteren Begründung, man dürfe seinem Gegner nicht das letzte Wort lassen. Wenn er der Satan Mekatrig der Zionistenbewegung ist, so sei Dr. Gaster der Teuselsadvokat der I. C. A. Dr. Gaster meint, ein einzelner Jude habe nicht das Recht, für die ganze Judenheit zu sprechen. „Das gebe ich zu — es müßte denn Lord Rothschild sein. Wenn ich auch nicht das Recht habe, im Namen der Judenheit zu sprechen, so darf ich doch im Namen der Wahrheit vor dem Richterstuhl der ganzen Welt reden. Dr. Gaster sagt, ich solle die I. C. A. nicht angreifen, bevor ihr Werk zu Ende geführt ist. Aber die Zionisten wollen garnicht, daß ihr Werk weitergesührt wird, wir brauchen kein Armenschema für Kolonisierung, wir brauchen keine Puppen- Kolonien. Wir wollen einen Judenstaat. Nachdem ich nun Dr. Gaster offen bekämpft habe, wollen wir uns zum Schluß des Kampfs die Hand reichen." Dies geschieht unter dem Jubel der Versammlung, und nach einem kurzen Schlußwort des Rabbiners Dr. Gaster schließt die Versammlung mit einem Dankvotum für Dr. Gaster und Israel Zangwill. Jüdische Schriftsteller in der deutschen Literatur. Von Rabbiner Dr. I. Ni emiro wer-Jassy. Das Deutschtum hat in der letzten Epoche der jüdischen Geschichte aus die Entwicklung des jüdischen Geistes bedeutsamen Einfluß ausgeübt. Die deutschen Juden errangen sich die Führung in Israel und übermittelten die Errungenschaft der deutschen Philosophie und Literatur der Gesamtjudenheit. Das Judentum hat aber auch dem Deutschtum Kräfte und Säfte geliefert. Jüdischer Verstand grübelte in der deutschen Philosophie, jüdische Begeisterung arbeitete an dem Werk der politischen Einigung Deutschlands, jüdische Gefühle ertönten in der deutschen Musik, und israelitischer Jdealrealismus schuf in der Literatur und Kunst Deutschlands. Dieser Aussatz soll sich mit den jüdischen Schriftstellern der deutschen Literatur befassen. Da in dieser Arbeit die Schriftsteller bloß verzeichnet werden sollen, ist es wohl gestattet, auch die getauften Juden auszuzählen. Es sollen hier philosophischwissenschaftliche Schriftsteller einerseits und reine Journalisten andererseits ausgeschlossen werden. Das Ziel, das ich mir gesteckt habe: zu zeigen, daß die Juden mit dem Fortschritt ihrer Freiheit in der wertvollen Mitarbeit an der deutschen Literatur sortschreiten, wird erreicht, wenn ich gleichsam mit dem Blitzzug durch die deutsche Literatur eile und Stationen nenne, an denen der jüdische Geist sich einen Altar errichtet hat. Der Ruhm der deutschen Literatur ist noch jung. Die Weltherrschaft des deutschen Geistes zählt kaum zwei Jahrhunderte. Was früher erzeugt wurde, ist von Bedeutung, errang sich aber nicht den Geislesthron der Menschheit. Aus alter Zeit ist uns nur ein Jude bekannt, Süßkind von Trimberg im 13. Jahrhundert, der zu den Minnesängern gehörte. In Israel wurde das edle Weib mehr wahrhaft geehrt, als theatralisch gefeiert, mehr als Priesterin der Religiosität und Sittlichkeit geschätzt, als konventionell verhimmelt. Unsere Ritter des Geistes und des Herzens, Salomon Gabirol und Jehuda Halevy, stimmten ihre prächtigen und mächtigen Lieder aus ihre Geliebte an, die, wie Heine hervorhebt, Zion und Jerusalem war. Anders Süßkind, der zu den uns bekannten 160 Minnesängern gehörte; er war wohl nicht bedeutend, ist jedoch der erste jüdische Schriftsteller in der deutschen Literatur. In der neuen Zeit begegnen wir vielen Juden in der deutschen Literatur. Die Erzeugnisse der Gottsched'schen Schule suchte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Josef von Sonnenfels bekannt zu machen. Wenn es auch zu viel ist, ihn den österreichischen Lesfing zu nennen, so hat er doch um das Theater, um die Literatur Oesterreichs große Verdienste und hat in Bezug ausdie Geistesresorm dem Kaiser