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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · p. Seite 103

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7. Israelitische Wochenschrift. Seite 103. Briese tragen die Firma und Unterschrift der I. C. A., die Beamten gehören zur I. C. A., die I. C. A. muß also auch die Vorwürfe hören. Nach dem Bericht sind im vergangenen Jahr 130 Familien mit 305 Köpfen durch die I. C. A. von Palästina weggeschickt worden, nicht etwa Schnorrer, sondern Arbeiter, und nur, weil nach der neuen Politik keine Neuanlagen mehr gemacht werden sollen. Man beschuldigt mich der Unkenntnis. Aber gerade, weil ich ihr Werk so genau geprüft habe, muß ich es angreifen. Die I. C. A. kann nicht reüssieren, weil ihr Plan ein falscher und dem jüdischen Geist feindlicher ist. Wenn so viel Geld wie Samen über die ganze Welt verstreut wird, muß es natürlich hier und da etwas Ertrag geben, aber mit diesen Millionen ließe sich mehr erreichen. Millionen ohne eine Idee sind nutzlos; mehr kann eine gute Idee ohne Millionen wirken. Baron Hirsches Idee hat keinen Erfolg gehabt, und seine Verwalter können nichts, als gutes Geld dem schlechten nachzuwersen. Die Kolonisten in Palästina beschweren sich darüber, daß keine ihrer Klagen gehört wird, daß der Direktor der Kolonien nicht einmal in Palästina, sondern in Syrien lebt. Darüber beschweren jene sich, nicht ich; meine Vorwürfe sind ganz andere und sind bisher ohne Antwort geblieben. Der Bericht der I. C. A. wird überall mit Entzücken ausgenommen. Gegen seine Ehrlichkeit ist nichts einzuwenden. Hier lesen wir: „Der Gesundheitszustand in unserer Kolonie Cypern ist durchaus zufriedenstellend, trotzdem fast alle Kolonisten am Fieber gelitten haben", dann wieder, „einige der abreisendcn Ansiedler haben ihr Vieh verkauft, so daß jetzt nur noch sechs Kühe vorhanden sind, die nur wenig Milch geben," und Aehnliches mehr. Die Berichte über Argentinien sind auch nicht sehr erhebend; nur die Kolonie Moisesville ist einigermaßen zufriedenstellend, und auch hier wird die fernere Entwickelung von etwaigen Eisenbahnen und Märkten abhängig gemacht. Und wie viele Kolonisten giebt es überhaupt in diesen vielgerühmten Kolonien? 906 mit ihren Familien; sie hätten insgesamt in diesem Saal Platz. Der Berg hat eine Maus geboren. In den Vereinigten Staaten hat die I. C. A. nach ihrem Bericht auch wenig gethan „infolge der Abwesenheit des Vorsitzenden und der Krankheit des Direktors". Die Hirsch-Kolonie in Kanada mit 22 Familien „konsolidiert sich ohne großen Zuschuß". Hier hat die 1897 angekauste Dreschmaschine still stehen müssen, weil die Menge des Getreides nicht einmal die Kosten des Maschinenarbeiters deckte. Nun die Schulen. Für die 906 Ansiedlerfamilien in Argentinien sind 20 Schulen vorhanden mit 20 Direktoren, 20 Lehrern ohne die Lehrerinnen und Inspektoren. Das scheint mir nicht sehr ökonomisch zu sein. In Rumänien geht es ähnlich zu. Dort haben die Juden die Hölle aus Erden, und keine europäische Regierung rührt die Hand zur Besserung ihrer Lage. Wie saßt die I. C. A. hier ihre Aufgabe an? Sie errichtet Schulen. Aber trotz dieser 25 Schulen der I. C. A. in Rumänien fliehen die unglücklichen Juden ihr Vaterland und bringen die jüdischen Gemeinden in aller Welt in Verlegenheit, nicht am wenigsten die I. C. A., die krampfhaft bemüht ist, die Flüchtlinge von London und den Vereinigten Staaten sernzuhalten. Und wenn 1 die Gefahr wieder beseitigt ist, stößt man einen tiefen Seufzer aus und — baut wieder eine Schule! So endet Baron Hirsch's großes Unternehmen zur Rettung Israels! Die Gesamtzahl der von der I. C. A. errichteten und subventionierten Unternehmungen ist 193. Wie viel Kräfte werden hier zersplittert. Die zur Beratung des vorliegenden Berichts nach Paris berufene Versammlung war nicht einmal von allen Aktionären besucht und war in wenigen Minuten beendet. Die 193 Unternehmungen waren im Nu erledigt, und die Herren waren sofort wieder aus den Boulevards. Sie sehen, wie sehr es der I. C. A. an Opposition fehlt. Und wenn selbst alles gut funktionierte, was ist die Thätigkeit der I. C. A.? Ein Dampshammerwerk, das Nüsse knackt. Und was könnte mit diesem Geld geleistet werden, wenn es in national-jüdischem Geist angewendet würde! Warum hat man von Seiten der I. C. A. den Dr. Herzl, nachdem er hier im Verein der Makkabäer von seinem Empfang beim Sultan gesprochen, nicht einmal zur Konferenz eingeladen? Dr. Gaster sagte, wenn erst der Weg geebnet sein wird, wird es uns auch an sinanzieller Unterstützung nicht fehlen, und Grand-Rabbin Zadok Kahn, einer der Vorsteher der I. C. A., sagte kürzlich, „wenn der Gedanke des Judenftaats realisiert sein wird, wird die I. C. A. ihn mit allen zu seiner Existenz nötigen Elementen versehen". Warum zu seiner Existenz und nicht zu seiner Geburt? Wenn der Weg gepflastert sein wird, will die I. C. A. uns einen Wagen geben? Ich glaube, wir werden lieber zu Fuß gehen. Jetzt brauchen wir Geld, bte guten Vorsätze nützen uns nichts. Was har denn die I. C. A. mit ihrem Geld schon geleistet? Den wievielten Teil ihres Einkommens giebt sie aus? Wieviel kostet das Nüsseknacken? Das einzige, was wir wissen, und zwar aus den Zeitungen, ist, daß die I. C. A. eine Million Erbschaftssteuer gezahlt hat und 800 000 Kronen an zwei Wiener Advokaten. Die Rumänen, die 1900 auf ihrer Durchreise hier im jüdischen Obdach Zuflucht gesunden, waren tüchtige Handwerker, die jetzt in Kanada in den Bergwerken arbeiten. Wie viel lieber hätten diese Rumänen, die in Glace Bay in Kanada bereits einen Zionistenverein begründet haben, in Palästina als Minenarbeiter gearbeitet. So gut wie die I. C. A. die Rothschild-Kolonie ausgesogen hat, kann der Zionismus die I. C. A. verschlucken. Die Statuten, die mir vorgehalten worden sind, sprechen durchaus nicht dagegen. Darin steht, daß die Gesellschaft den Zweck hat, die Auswanderung von Juden aus Ländern, in denen sie bedrückt werden, zu unterstützen und zu fördern, damit sie in verschiedenen Teilen von Nord- und Südamerika und in andern Ländern Kolonien zu landwirtschaftlichen, Handels- und anderen Zwecken begründen. Ferner um von Regierungen, Staaten, städtischen Behörden rc. in allen Teilen der Welt Land zu erwerben und alle Konzessionen und Privilegien, um es zu Kolonisationszwecken auszunutzen u. s. w. Jedenfalls steht in den Statuten von allen Dingen mehr als von Schulen. Es soll ja an sich nichts gegen die Schulen gesagt werden: aber eine Kolonisationsgeseüschast, die nicht kolonisiert, deren Politik darin besteht, daß sie nur die bereits existierenden Kolonien unterstützt, und das so, daß sie in die Luft fliegen!

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