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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · p. Seite 101

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7. Israelitische Wochenschrift. Seite 101. vernehmen. Wir fragen nur beispielsweise, welche Sprache hüllt für den frommen Israeliten einen so allumfassenden Geist, eine so reiche Fülle des Gemüts in sich, um das wiederzugeben, was er bei dem heiligen, unaussprechbaren, vierbuchstabigen Namen Gottes denkt und empfindet? In der Sprache, in der sich Gott zu erkennen gab, wollen wir ihn kennen lernen; in der Sprache, in der unser himmlischer Vater zu uns geredet, wollen wir zu ihm reden, ihn verehren und anbeten! So entfernt wir daher auch find, das erwachte Bedürfnis, Gotteshaus, Gottesdienst und Andacht würdig und kunstgerecht zu gestalten, als ein Kind des Tages, als ein Erzeugnis bloß der Gegenwart zu tadeln — da es vielmehr aus urhistorischer Grundlage des Judentums fußt — so wenig ist jener Kunst- und Prachtaufwand, der so häufig in Andachtshäusern angetroffen wird, zu billigen. Jener Prunk und Glanz, der bloß das irdische Auge ergötzt, jene Pracht, die bloß dem sinnlichen Schönheitsgefühl wohlthut und schmeichelt, zieht unfern Geist ab von dem, was uns not thut, von dem Gebot, von dem Zwiegespräch des Geschöpfs mit seinem Schöpfer. In diesem Rausch der Sinne geht die Andacht verloren. Wir verlangen für die würdige Ausgestaltung des Gotteshauses und des Gottesdienstes das, was sich unserm ästhetischen Sinn als edel, einfach, würdevoll, als einem Gotteshaus angemessen darstellt. Nie Zioniste« und dir I. C. A. London, 9. Februar. Am Samstag Abend hat in London in der Shoreditch Town Hall eine große Zionistenversammlung stattgefunden, die die vom Basler Kongreß zurückgekehrten Delegierten begrüßen sollte. Sir Francis Montefiore eröffnete die Versammlung mit der Verlesung einer Zuschrift von Mr. Hall Eaine, der sein Bedauern darüber aussprach, daß er aus Gesundheitsrücksichten von London abwesend und deshalb verhindert sei, der Versammlung beizuwohnen. Er begrüße die heimgekehrten Delegierten, wünsche ihnen gute Förderung ihrer Bestrebungen und gebe der Hoffnung Ausdruck, der englische Staat werde seinen wohlverdienten Rus als Förderer und Beschützer der Freiheit nicht durch eine Gesetzgebung auss Spiel setzen, die den zu ihrem eigenen und zu Englands Heil aus dem Ausland Einwandernden den Eintritt in das Inselreich verbiete. Sodann berichtete Sir Francis Montefiore über den Kongreß, schilderte den tiefen Eindruck, den die aus allen Enden der Welt zusammengekommenen Juden der verschiedensten Lebensstellungen in ihrer gemeinsamen Arbeit für das gleiche Ideal auf ihn gemacht, und wies als englischer Bürger und als Vorsitzender des englischen Zionistenbunds den wiederholt vorgebrachten Vorwurf zurück, daß die Agitation der Zionisten die von der englischen Judenheit zum Besten ihrer Namensbrüder geleistete Arbeit untergrabe. Der Zionismus^bietet die einzig mögliche Lösung der immer brennender werdenden jüdischen Frage. Der Antisemitismus greift immer,Isweiter um sich; und in den Ländern, die in ihren Gesetzen keine Ausnahmen gegenüber den Juden machen, genießen in der Praxis die Juden doch nicht dieselben Rechte wie ihre christlichen Mitbürger. Die englische Judenheit, die immer als erste zur Hilfe bei ihren bedrängten Glaubensbrüdern bereit gewesen, müsse sich der zionistischen Bewegung anschließen, die allein Hilfe bringe. Die Sympathie für den Zionismus sei überall gewachsen, nur mache man immer den Einwand, daß er nicht durchführbar sei. Der deutsche Kaiser und der Sultan würden Dr. Herzl nicht empfangen haben, wenn sie seine Pläne nicht für durchführbar und heilsam erachtet hätten. Auch sei die vielseitig geäußerte Befürchtung zurückzuweisen, daß die christlichen Nationen sich weigern würden, die Heiligtümer des gelobten Landes jüdischen Händen zu überlassen. Diese Heiligtümer sind jetzt im Besitz der Mohamedaner, und die christlichen Regierungen hatten nichts dagegen einzuwenden. Zum Schluß seiner Ansprache erklärte Sir Francis Montefiore, daß er ein begeisterter und ehrlicher Zionist sei, der es immer als einen großen Vorzug ansehen werde, seiner Sache mit aller Kraft dienstbar zu sein. Nach ihm betrat Israel Zangwill die Rednertribüne. Er dankte der Versammlung für ihren freundlichen Empfang und, anknüpsend an die am 14. Dezember vor der Abreise nach Basel stattgehabte Versammlung, wies er die Vorwürfe zurück, die in Verbindung mit jener Versammlung ihm gemacht worden waren. Die Absingung von Liedern, die Ausschmückung mit Fahnen, die Ausstellung eines Phonographen seien mit der Würde einer jüdischen Versammlung nicht vereinbar. Der Phonograph sei allerdings dort gewesen, aber er. Zangwill, habe nichts hineingesprochen. Nicht, daß er es für eine Schande halte, in den Phonographen zu sprechen; durchaus nicht, es wäre viel beschämender, ein Phonograph zu sein und nur nachzusprechen, was andere in uns Hineinreden. Gesänge und Fahnenschmuck giebt es auch in ernsthaften politischen Versammlungen und — in den Synagogen am Simchath- Thora, am Fest der Gesetzessreude, wo man sich an Fahnen, Süßigkeiten und allerhand kindischen Dingen freut. Der Zionismus ist die Freude Israels — Simchath Zion. Ueber den Zionismus will ich heute nicht sprechen; ich habe einen viel beredteren Fürsprecher Ihnen vorzusühren, nämlich einen Artikel der Jewish Ehronicle von vor zweiundzwanzig Jahren. In ihrer Ausgabe vom 9. Januar 1880 begeistert Jewish Ehronicle sich für das Projekt des verstorbenen Laurence Oliphant, der die Armen aus aller Welt nach Palästina verpflanzen und dort dem Ackerbau wieder zusühren wollte. Herr Zangwill liest einen Teil des betreffenden Artikels vor und fährt dann fort: „Kann man die Sache des Dr. Herzl und des Basler Programms besser führen, als es hier geschieht? Ein halbes Jahr wird in demselben Blatt über das Kolonisationsprojekt geschrieben und mit Bedauern sestgestellt, daß Mr. Laurence Oliphant immer noch nicht den Charter vom Sultan erhalten habe, wahrscheinlich, weil der Sultan prinzipiell jeder Reform abgeneigt sei. Seitdem sind zweiundzwanzig Jahre verflossen, die Lage der Juden in Europa ist eher schlechter als besser geworden, Palästina ist in Gefahr, von anderer Seite weggeschnappt zu werden, das nötige Kapital ist in dem Nachlaß des Baron Hirsch vorhanden, die Opposition des Sultans ist besiegt — und was sagt nun unser „Ehronicle"? Warum zeigt jetzt Jewish Ehronicle, an-

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