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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · p. Seite 100

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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Seite 100. Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. schrieben. Von einem höhern und edlern Standpunkt kann das geistige Vermögen eines Menschen, was wir als Talent, Genie, Kunstsinn bezeichnen, nicht ausgefaßt werden, als durch solche Zurückführung auf Gott. So zeugt es auch von der tiefen Verehrung für den Geist und seine Macht, für jede ausgezeichnete Fähigkeit und Gabe, daß unsere Lehrer noch in später» Jahrhunderten eine Segensformel festgestellt haben zu Ehre und zu Dank dem, der von feiner Weisheit den Sterblichen mitgeteilt hat. War also für die plastische Kunst von dem religiösen Standpunkt den Hebräern keine Gelegenheit zur Entwicklung gegeben, so lag es dagegen im Wesen der hebräischen Religion, Dichtkunst und die mit ihr zusammenhängende Musik und Beredsamkeit im höchsten Maß zu begünstigen und alle Stimmen des begeisterten Gemüts nach dieser Seite hin wachzurusen. Ein treffender Ausdruck ist es, wenn der Psalmist sagt: „Alle meine Glieder mögen es aussprechen, Herr, wer gleicht dir!" Denn in der That, der Hebräer wurde gleichsam zum Ton und zum Bilde seines Gedankens, er holte ihn tief aus der Brust heraus, und sein ganzes Selbst vibrierte gleichsam unter ihrem Eindruck. Die Lyrik der Psalmen ist gewiß nicht der Ausdruck der religiösen Stimmung Einzelner; sie mußte sich aus Anfängen entwickeln, die in dem allgemeinen Zug, in dem herrschenden Bedürfnis des Volkes gegeben waren; und so wenig wir in irgend einer Literatur das früheste poetische Werk, das die Zeiten überdauert, als die erste und einzige Regung des poetischen Genius in einem Einzelnen ansehen dürfen, so wenig stehen die Psalmen als abgerissene Gedichte bevorzugten Talents einer dumpfen regungslosen Masse gegenüber. Die Wurzel und den Stamm sehen wir vielmehr in dem nationalen Gesamtgeift, der in seinen religiösen Dichtern und Sängern seine duftigen, unverwelklichen Blüten trieb; und wir können die Psalmen nicht treffender bezeichnen, als indem wir sagen, daß der Psalter das „Gesangbuch der Synagoge" sei. Gleich wie die Poesie, so stand auch die Musik schon seit den frühesten Zeiten bei den Hebräern in höchster Ehre. Das religiöse Gefühl bemächtigte sich dieser Kunst nach dem Maß ihrer damaligen Ausbildung in dem weitesten Umfang. Die Chronik bezeichnet einigemale die Tempelgesänge der Leviten als ein Prophezeien auf Harfe und Psalter. Die Gesänge, mit denen die Prophetenschüler unter Begleitung von Harfen und Zithern einherzogen, müssen etwas sehr Ergreifendes gehabt haben, da diejenigen, die unter eine solche Schar gerieten, sich von der Teilnahme von dem erhebenden Gesänge nicht losreißen konnten. Von David wurde die Musik beim Gottesdienst nach einem großen Maßftab eingesührt. Gemäß den betreffenden Schilderungen bestand der Tempelchor aus viertausend Musikern und Sängern, die in vierundzwanzig Ordnungen geteilt, unter Aussicht von je zwölf Sangsmeistern ihres Amtes im Tempel walteten. Und als im Mittelalter Denker sich erhoben, die noch heute unser Stolz sind, die aus dem Boden der jüdischen Religion die Rätsel des Lebens zu lösen übernahmen, da gesellten sich ihnen sofort die Dichter und Sänger hinzu, die in kunstvollen Rhythmen von allem, was unser Gemüt bewegt, den Sang begannen. Während der finstern Zeiten des Mittelalters war den Gehetzten und Verfolgten, von Land zu Land Gejagten natürlich der Sinn für die Verwendung der Kunst im Dienst der Religion abhanden gekommen. In den Gesängen herrschte kein Maß, kein Gesetz und keine Regel, trotzdem die weisen Lehrer den israelitischen Gemeinden die bittersten Vorwürfe machten, daß sie den feierlichen Choral aus den Gebethäusern verbannten und bunt durcheinander schrieen und lärmten. Als im 19. Jahrhundert Israel aus seiner Erstarrung erwachte, erwachte zugleich das tiefsittliche, nicht mehr abzuweisende Bedürfnis, Gotteshaus und Gottesdienst zu verschönern. Jndeß überschätzte man durchaus nicht die ästhetische Gestaltung des Gotteshauses und des Gottesdienstes. Es ist durchaus nicht jener Prunk und jener Glanz, der wirkt, nicht jene Schaustellung der Eitelkeit, wie man sie oft in Andachtshäusern hat, die bloß dem sinnlichen Schönheitsgesühl schmeichelt; nein, in unfern Gotteshäusern soll jene einfache Erhabenheit, jene prunkvolle Größe gefunden werden, die das einfach erhabene Wesen unserer Seele so mächtig anspricht und so gewaltig anzieht. Namentlich gilt dies hinsichtlich unserer Gebete. Es ist durchaus nicht der ästhetische Geschmack, die Schönheit des Gebets, die wirkt, sondern dessen Wahrheit und Schlichtheit. Es sind die einfachsten Accente, die das Gemüt am tiefsten ergreifen und am meisten erheben. Nun darf nicht geleugnet werden, daß auch heute und in aller Zukunft solche Gebete gedichtet werden können. Das thatsächliche Verhältnis ist aber das, daß die Worte, an denen unsere Bäter Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch ihre Erbauung gesunden haben, auch über unser Gemüt eine eigene Kraft ausüben. Wir sind nicht von heute und von gestern, sondern wie körperlich, so geistig mit einer langen Vergangenheit zusammen. Die Welt entwickelt sich; wir haben gegen unsere Ahnen vor Jahrtausenden in der Erkenntnis große Fortschritte gemacht. Was ihnen als eine neue tiefe Wahrheit vorgetragen war, ist uns nun endlich trivial geworden. Aber hat denn die Wahrheit, weil sie trivial geworden, ausgehört, erhabene Wahrheit zu sein? Ist sie dadurch, daß sie Gemeingut aller geworden ist und auch aus den Lippen des Kindes ertönt, weniger tief geworden? Wer da glaubt, solchen allbekannten Gedanken durch künstliche Wortgebilde eine neue Gestalt geben zu müssen, den nennen wir thöricht; immer und ewig aber werden wir die alte Wahrheit in ihrer ursprünglichen Form, in der sie zuerst dem Geist erschien, mit ungeschwächter Andacht hören; da werden wir meinen, den lautgewordenen göttlichen Gedanken unmittelbar zu empfangen, und die Mahnungen unserer dahingeschiedenen Väter in ihrer eigenen Stimme zu vernehmen. Darauf beruht der Vorzug der alten Gebete. Was von den alten Gebeten gilt, das läßt sich ohne weiteres auch auf die alte ehrwürdige, hebräische Sprache ausdehnen. Für den gläubigen Israeliten ist die hebräische Sprache an sich, als Form des geoffenbarten göttlichen Geistes, ein hochwertes Heiligtum, von dem er sich ebenso wenig, als von dem Inhalt lossagen kann. „Die Tafeln sind die Tafeln Gottes und die Schrift ist die Schrift Gottes." Wie könnte er sie mit einer profanen vertauschen? Wir dürfen Gott in keinem Abbild verehren, wir wollen auch sein Wort in keinem Abbild

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