Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605685--8458-9605696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 6 Israelitische Wochenschrift. Sette 91. gewählt. Für die Subventions-Kommission war vom Ausschuß Herr Friedländer mit 3 Stimmen und Herr Ignatz Cohn mit 4 Stimmen vorgeschlagen. Dieser erhält nach einer ganz besonders heftigen Debatte mit 12 von 19 Stimmen die absolute Mehrheit. In die Kommission zur Veranstaltung der Festgottesdienste wird Herr Aron Hirsch, in die Veranlagungskommission Herr Ignatz Cohn gewählt. — Es folgen Bewilligungen für Reparaturen in der Oranienburgerstraße, sowie für den Abbruch der Gebäude in der Auguststraße. Den Koscherfleischhändlern werden die Beiträge zum Pensions- und Unterstützungssonds auch in diesem Jahr erlassen. Der Etat des Krankenhauses wird mit M. 61480 für ein Jahr bewilligt; eine dazu eingebrachte Resolution des Herrn Blumenthal, den Gemeindevorstand zu ersuchen, neue Abteilungen im Krankenhaus einzurichten, wird in der nächsten Sitzung zur Beratung stehen. Diese Resolution wird den Antrag des Herrn Professor Landau wegen Errichtung einer gynäkologischen Abteilung wieder zur Debatte bringen, die auch heute schon zwischen den Herren Landau und Louis Sachs teilweise recht erregt geführt wurde. — Für das jüdische Kinderheim und die jüdische Lesehalle werden je M. 300 Subvention bewilligt. Es folgt der Rechnungsabschluß der Hauptkasse, der eine Mehreinnahme von M. 80 000 und eine Minderausgabe von M. 57 955 ausweist. Die Censiten (23171) haben sich in diesem Jahr um 513 vermehrt, während im Vorjahr der Zuwachs ca. 1400 betrug. Die Decharge wird erteilt. Die Mitglieder der Armen- und Waisenkommission werden ausnahmslos wiedergewählt. Die Schutzkommission hat ihre Ausgaben aus privaten Mitteln gedeckt bis aus M. 3450, die die Gemeinde übernimmt. Die weiteren Punkte der Tagesordnung werden in der geheimen Sitzung erledigt. Berlin, 3. Februar. (Hebräische Sprachkurse.) Die hebräischen Sprachkurse, von denen an dieser Stelle wiederholt gemeldet ist, haben begonnen. Sie finden in der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde, Heidereutergasse 5, statt, in der oberen Abteilung am Donnerstag Abend 8 Uhr, in der mittleren Mittwoch Abend 81/9 Uhr und in der unteren Montag Abend 81/» Uhr. An den Unterrichtsabenden werden auch weitere Anmeldungen entgegengenommen. Berlin, 4. Februar. (Genesungsheim Lehnitz.) Mit Rücksicht aus die große Anzahl bereits vorliegender Aufnahme- Gesuche hat der Vorstand des Vereins Jüdisches Genesungsheim Berlin beschlossen, die Anstalt zu Lehnitz in diesem Jahr schon Mitte März — einen Monat früher als im Vorjahr — zu eröffnen. Es dürfte sich für weibliche Rekonvalescenten und Erholungsbedürftige, die eine Freikur nachzusuchen beabsichtigen, daher empfehlen, sich mit ihren schriftlichen Anträgen, denen ein ärztliches Attest beigesügt sein muß, baldigst an die Geschäftsstelle des Vereins, Gr. Präsidentenstr. 31, zu wenden. Berlin, 3. Februar. (Brandenburgischer Lehrerverein.) Am Bußtag fand in Berlin die zweite diesjährige Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg im Sitzungssaal des Gemeindehauses. Oranienburgerstr. 29, unter Vorsitz des Herrn Dr. Fiegel statt. Kollege Goldschmidt-Königsberg (Neum.) referierte über „Die Thätigkeit des Lehrers für kulturelle Bestrebungen innerhalb der Judenheit, insbesondere für Erweckung des Interesses für Handwerk und Bodenkultur". Der Referent führte etwa folgendes aus: Die Juden sind die ersten und vorzüglichsten Kulturträger aller Völker und Zeiten. Verschiedene Organisationen haben sich gebildet, um die Judenheit nach innen zu festigen, nach außen zum Kamps zu stählen. Nicht zum wenigsten sind die Lehrer dazu berufen, bei der Erhaltung des Judentums und Förderung seiner Kulturbestrebungen mitzuwtrken. Um ihrer Ausgabe gerecht zu werden, bedarf es einer erhöhten Vorbereitung, besonders durch stetes Studium oer Pädagogik. Der jüdische Lehrer muß sich auch die Forderungen der Sozialpädagogik zu eigen machen. Daher ist von dem jüdischen Lehrer Teilnahme an den Fürsorge-Bestrebungen (Kindergärten, Waisenhäuser, Volksküchen, Haushaltungs- und Handfertigkeitsschulen) zu verlangen. Seine Hauptthätigkeit liegt aber naturgemäß in der Schule, in der jüdischen Schule, deren Erhaltung im eigensten Interesse der Judenheit notwendig ist. Durch Belehrung und Aufklärung der Eltern und Gemeindevorstände muß dem drohenden Verfall der jüdischen Schulen Einhalt gethan werden. Die Religionsschule muß durch stärkere Betonung der Ethik zur Verbreitung derKultur innerhalb der Judenheit mehr als bisher beitragen. Um die jüdische Schule und die Religionsschule müsse sich eine wirkliche Schulgemeinde bilden. Innerhalb solcher Gemeinden kann durch Familien-, Unterhaltungs- und Vortragsabende, Bibliotheken das geistige und sittliche Niveau gehoben werden. Notwendig ist für kleine, nicht leistungsfähige Gemeinden ein. Zusammenschluß, um Wanderprediger anzustellen. — Im Hinblick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse ist es dringend erforderlich, daß sich die Juden in größerer Zahl dem Handwerk und Ackerbau zuwenden. Die Vorteile solcher Berufe sind bekannt. Noch bessere Aussichten als beim Handwerk bestehen bei der Landwirtschaft. Daß sich die Juden zum Handwerk und Ackerbau eignen, beweist die Geschichte der alten Zeit und die Erfahrungen der neuen Zeit. Um die Bestrebungen für Handwerk und Bodenkultur fördern zu können, muß der Lehrer in geeigneter Weise vorbereitet sein. Erforderlich ist daher die Ausnahme von Handfertigkeits- und Gartenbau-Unterricht in den Plan der Lehrer-Bbildungs- Aanstalten, Ferienkurse. In den Schulen muß den Kindern die Liebe zu Handwerk und Landwirtschaft eingeflößt werden. Es muß aber den Kindern auch Gelegenheit zu praktischer Bethätigung gegeben werden. Da die Volksschule den hieraus sich ergebenden Forderungen nicht gerecht werden kann, müssen Fürsorgeanstalten, Waisen- und Erziehungshäuser dafür eintreten. Bei der Propaganda für diese Bestrebungen soll der Lehrer sogenannte Gewaltspolitik vermeiden und sich auf vorsichtiges, taktvolles Ueberführen geeigneter Elemente zum Handwerk und zur Bodenkultur beschränken. — Reicher Beifall folgte den Ausführungen des Referenten, an die sich eine lebhafte Diskussion anschloß. Einer Kommission, bestehend aus dem Referenten Dr. Fiegel und Dr. Gutmann, wurde die Formulierung der Thesen übertragen. Die Thesen erhielten folgende Fassung: I. Der jüdische Lehrer ist verpflichtet, nach besten Kräften den kulturellen Bestrebungen innerhalb der Judenheit seine Thätigkeit zu widmen. II. Er kann dies, indem er a) sowohl während der Schulzeit im Unterricht als auch im nachschulpflichtigen Alter