Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 6. Israelitische Wochenschrift. Seite 89. Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg hat mich zu Heller Begeisterung für Sie hingerissen. Ihre Worte haben meinen vollen Beifall gefunden und werden ihn noch bei vielen Millionen Mitmenschen, welche unbeeinflußt von Parteihader mit offenem Herzen dieselben lesen werden, finden. Verzeihen Sie meine Kühnheit und gestatten Sie den Ausdruck begeisterten Beifalls und ehrfurchtsvoller Bewunderung." Diese spontanen Auslassungen, die so recht vom Herzen kommen, sind Lichtpunkte in unserer dunklen, von Parteileidenschast stürmisch bewegten Zeit. Leider ist es ja nicht zu verkennen, daß überall dort, wo jüdische Angelegenheiten in Frage stehen, daß Gefühl für Recht und Wahrheit in manchen Kreisen abgestumpft oder erloschen ist. Die Juden, die zu den treuesten patriotischen Staatsbürgern gehören und gleich den andern wackeren Söhnen des Vaterlandes in den Jahren 1870 und 1871 Gut und Blut für Kaiser und Reich einsetzten und allezeit einzusetzen mit Freuden bereit sind, werden von einer irregeleiteten Zeitströmung als Bürger zweiter Klasse betrachtet. Desto erfreulicher sind die freimütigen Kundgebungen gesinnungstüchtiger christlicher Männer, die auch in unserem nüchternen Zeitalter die Begeisterungsfähigkeit für Recht und Wahrheit allerwege sich erhalten haben. In den treuen Herzen solcher Bürger ruhen die edlen Keime, aus denen eine schönere Zukunft erblühen wird. Aus vielseitigen Wunsch ist der offene Brief des Dr. Münz als Broschüre erschienen und von Neumann's Stadtbuchdruckerei in Gleiwitz zu beziehen. Preis eines Exemplares 5 Pfennige; IO Exemplare 35 Pfennige." Dir Politik. (Die Juden in den Ostmarken.) Der Führer des Ostmarkenvereins, Herr v. Tiedemann-Seeheim, veröffentlicht eine Erklärung, die mit folgenden Sätzen schließt: „Von jeher habe ich den Standpunkt öffentlich vertreten, daß man einerseits von unseren jüdischen Mitbürgern ein offenes Bekenntnis zur deutschen Sache verlangen, ihnen andererseits aber auch ehrlich eine gleichberechtigte Stellung einräumen soll. — In der Provinz Posen Antisemitismus treiben heißt nichts anderes, als mit sehenden Augen einen Teil des Bürgertums von der deutschen Partei absprengen!" Das „offene Bekenntnis zur deutschen Sache" ist von den Juden seit mehr denn sechshundert Jahren durch die That abgegeben worden. Im Uebrigen ist die Ausführung des Herrn v. Tiedemann-Seeheim von selbstverständlicher Klugheit und Billigkeit. Dem entspricht es nur. daß er die entschiedenste Mißbilligung der Organe des verlogenen und verbohrten Antisemitismus findet. * * * (Herr von Maffow.) Die „Königsbcrger Hartung'sche Zeitung" erzählt, daß der Abgeordnete von Maffow, der jüngst im Reichstag eine Rede im Pücklerstil gehalten, als Rittmeister bei den Wrangel-Kürassieren sich vergeblich um die Tochter eines sehr reichen jüdischen Großkausmanns beworben habe. — Ist die Erzählung zutreffend, so enthält sie eine Warnung an alle, die sich versucht fühlen könnten, den Werbungen irgend eines von Maffow nachzugeben. * * * (Einfalt oder Absicht?) Die antisemitisch-agrarische „Deutsche Tageszeitung" schreibt: „Die Ausweisung zweier russischer Studenten, der stud. phil. Johann Augustynowicz und Jbignew Brodzki, welche sich durch ihre Teilnahme an dem hiesigen „Universitätskrawall" „lästig" gemacht haben, wird jetzt amtlich publiziert. Ihr Schicksal teilen außer dem russischen „Gesangschüler" Jsaac Werblun, einem 24jährigen „stud. mus.“, noch der aus Dänemark gebürtige Barbier Böckel, der amerikanische Staatsbürger Kaufmann Max Heymann und sieben österreichische Staatsangehörige, darunter die Kaufleute Sandor Steiner und Jacob Hirschhorn, sowie der Korrespondent Oskar Silberberg. An ihren Namen erkennt man die „Ausländer" ausnahmslos als Juden." Wenn man diese Mitteilung ohne besonders geschärfte Aufmerksamkeit liest, so gewinnt man den Eindruck, als ob es sich bei den hier angeführten Ausgewiesenen allen um Teilnehmer an dem Universitätskrawall handelte. Erst bei besserem Zusehen merkt man, daß solcher Teilnehmer nur zwei sind. Wir müssen natürlich annehmen, daß hier nicht Absicht gewaltet hat. Die Wahrheit aber hat bei der Abfassung der Notiz auch nicht Gevatter gestanden, eher das Gegenteil. Die wegen Teilnahme an dem Universitätskrawall ausgewiesenen russischen Studenten sind nämlich nicht Juden. Herr Oertel, der Leiter der „Deutschen Tageszeitung", wird das untergeordnete Redaktionsmitglied, zu dessen Ressort die kleinen antisemitischen Phantasien gehören, belehren können, daß Augustinowitsch kein jüdischer Name und Jbignew kein jüdischer Vorname ist. Daß aber die übrigen Ausgewiesenen sämtlich Juden sind, glauben wir gern, denn das liegt in dem System der regierenden Weisheit. * * * (Gerechte Strafe.) Das Märchen von der Fleischbesudelung durch israelitische Metzger war Gegenstand einer Verhandlung vor der Strafkammer in Schweinsurt. Angeklagt war der Bäckermeister Johann Schmidt von Nordheim v. Rh. Ihm wurde zur Last gelegt, anfangs August 1901 öffentlich verbreitet zu haben, daß Metzger Baum vor mehreren Jahren Fleisch besudelte. Hierin wurde eine falsche Anschuldigung erblickt, und Metzger Baum stellte außerdem noch Nebenklage wegen verleumderischer Beleidigung. Schmidt will nach seiner Aussage vor 5 bis 6 Jahren eines Abends beim Eintritt in das Schlachthaus des Baum gesehen haben, wie Baum das Hinterteil eines frisch geschlachteten Stück Viehes verunreinigt habe. Aus dem weiteren Verlaus der Verhandlungen ging hervor, daß der Angeklagte auch nach dem behaupteten Vorgang Fleisch von Baum bezogen hat, bis im Jahr 1898 der Angeklagte Schmidt eine Kuh gegen ein Pferd von dem Metzger Baum eintauschen wollte. Dieser Tausch soll erst nach längerem Streit zu Stande gekommen sein und den Angeklagten nicht befriedigt haben, weshalb dieser dem Baum etwas aufsässig geworden sei. Aus den Aussagen des Metzgers Baum sowie dessen Ehefrau und Tochter ging ferner hervor, daß Schmidt nie im Schlachthaus Baums gewesen sei. Dem Baum wird allseitig bezüglich seines Geschäftes