Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 88 Israelitische Wochenschrift. dir. 6. R. Jomtob zum Tod. Er wurde aus seiner bisher innegehabten Privatwohnung in das Gefängnis für Kriminalverbrecher gebracht und mußte einen Tag und eine Nacht hindurch die Gesellschaft von Mördern, Räubern u. dgl., die ihn übrigens alle mit großer Achtung behandelten, teilen. Später gelang es den Bemühungen seiner Freunde, ihm eine eigene Zelle zu verschaffen und für einige der Angesehensten unter ihnen den Zutritt zu ihm zu ermöglichen. Von welchem Gottvertrauen R. Jomtob beseelt war, zeigt uns am besten die Szene im Gefängnis, als sein ahnungslos von der Jeschiwoh zu Metz über Wien nach Prag zurückkehrender Sohn, der erst in Wien das Schicksal seines Vaters erfuhr, ihn besuchte. Der aus den Tod gefaßte Mann bat seinen Sohn, ihm doch eine Probe seines talmudischen Wissens mttzuteilen, und segnete ihn dann. Dank den Bemühungen des Kanzlers und des französischen Gesandten am Wiener Hof, des nachmaligen Feldmarschalls Turenne^), wurde R. Jomtob zu einer Geldstrafe von 12 000 Thaler rheinisch begnadigt. Doch wurde ihm verboten, fernerhin ein Rabbinat zu bekleiden. Später wurde die Strafe noch einmal gemildert, nämlich aus eine in Raten zahlbare Geldstrafe von 10000 Thaler rheinisch und das Verbot, das Prager Rabbinat zu bekleiden. R. Jomtobs Bemühungen, besonders diese letzte Bestimmung rückgängig zu machen, blieben erfolglos. So verließ er denn 40 Tage nach jener unheilvollen Nacht, in der ihn der kaiserliche Richter besucht hatte, Wien^), in den wenigen Wochen um Jahrzehnte") gealtert, seines ganzen Vermögens beraubt. Zur Bezahlung des sein Vermögen weit übersteigenden Strafgeldes stellte ihm außer der Prager und Wiener Gemeinde hauptsächlich der oben erwähnte Jakob Basschewi große Beiträge zur Verfügung. Welchen Demütigungen er auch noch nachher bei den Nichtjuden ausgesetzt war, erhellt besonders daraus, daß der hohe kaiserliche Beamte in Prag, dem er die Ratenzahlungen zu leisten hatte, das Geld nicht direkt von ihm in Empfang nahm, indem er sagte, er wolle einen solchen Verbrecher überhaupt nicht empfangen. Die Juden Prags aber baten ihn, zum Zeichen ihrer Verehrung, er möchte vor seinem Wegzug noch eine Draschah halten, was er auch in der neuen von Mardochai Meisel erbauten Synagoge that- R. Jomtob bekleidete später noch die Rabbinate Nimirov,^) Lodomir'2) und Krakau"), wo er im 75. Jahr seines kummer^ 8) Diesen hatte sich der Sohn R. Jomtobs zu großem Dank verpflichtet, indem er bei seiner Reise nach Wien, eine Stunde vor Wien, seine Gemahlin und sein Kind vor der ihnen durch einen wütenden Ochsen drohenden Lebensgefahr errettete. b) Nach seiner Ankunft in Prag war R. Jomtob infolge der großen Aufregungen über drei Monate schwer krank. Sein Sohn Samuel erzählt uns, er habe Mühe gehabt, seinen Vater, den er vier Jahre nicht gesehen hatte, wiederzuerkennen. ") Gleich nachdem er sein Rabbinat angetreten hatte, setzte er es auf der Vierländersynode durch, daß ein Bann erlassen wurde gegen alle diejenigen, die, wie es damals oft geschah, sich Rabbinate kauften. *2) Durch den in der vorangehenden Anmerkung erwähnten Bann hatte er sich viele Feinde zugezogen, die durch Verleumdungen es durchsetzten, daß der Grundherr von Lodomir ihn seines Rabbinats entsetzte, was aber später widerrufen wurde. vollen Lebens (1659) starb (26. Ellul 414). Zum ewigen Gedächtnis an seine Leidenszeit setzte R. Jomtob den 5. Tamus für alle seine Nachkommen als Fasttag ein, den ersten Neumondstag des Adar zum Freudenfests), an dem seine Nachkommen Gott danken sollten für seine Errettung von dem sicheren Tod. Die meisten der obigen Daten sind der Autobiographie R. Jomtobs, der Megillath Egbah entnommen; einige Angaben jedoch, wie z. B. die Namen seiner gehässigen Feinde, hat uns der Rabbi aus Friedfertigkeit, andere aus allzugroßer Bescheidenheit verschwiegen; diese verdanken wir den Mitteilungen seines zweitältesten Sohnes Samuel. Der offene Kries des Rabbiners Dr. Miiiy. Der „Oberschlesische Wanderer" in Gleiwitz meldet: „Der offene Brief, den der Rabbiner Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz an den Reichstagsabgeordneten Ltebermann von Sonnenberg in Groß-Lichterselde über „Ritualmord und Eid" gerichtet, hat in den weitesten Kreisen einen mächtigen Wiederhall gefunden. Nicht nur von jüdischer Seite, sondern, was hier besonders in Betracht kommt, auch von christlicher Seite liegen zahlreiche Kundgebungen vor, die den tiefempfundenen, schwungvollen Worten des Brieses ungeteilten Beifall zollen und ihr volles Einverständnis mit dessen Inhalt ausdrücken. Der Brief hat eben das ausgesprochen, was Vielen aus der Seele lag. Aus der Fülle der eingelaufenen Kundgebungen heben wir einige hervor. So hat einer der hervorragendsten preußischen Oberbürgermeister an den Verfasser folgende Zuschrift gerichtet: „Genehmigen Sie den Ausdruck meiner bewundernden Anerkennung und Zustimmung zu Ihrem offenen Brief an Herrn Liebermann von Sonnenberg. Zu bedauern ist nur, daß Sie einen solchen Brief zu schreiben nicht schon vor Jahr und Tag Veranlassung genommen haben. Er hätte bei genügender Verbreitung doch schon viel eher so manchen Ehrenmannes Ueberzeugung wesentlich beeinflussen und viel Unheil verhüten können. Daß er jetzt diesen Erfolg bald und reichlichst zeitigen möge, wünsche ich von ganzem Herzen." Eine andere Persönlichkeit, die ihrem Namen die Bezeichnung „evangelischer Christ" hinzufügt, schreibt folgendes: „Ihr Brief an den Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg hat mich so tief ergriffen, daß ich kaum zu schreiben vermag. Trotz meiner Aufregung kann ich es nicht unterlassen. Ihnen meinen warmen Beifall von Herzen zu zollen und Ihnen zu diesem Meisterschreiben zu gratulieren, sowie meine größte Hochachtung auszudrücken. Bravo, Sie braver Mann!" Ein anderer christlicher Bürger richtete an den Verfasser folgende Zeilen: „Verzeihen Sie, wenn ein Ihnen gänzlich unbekannter Mann sich erlaubt, zu Ihnen zu reden. Ihr Brief an den Reichstags- *3) In Krakau wurde er am ersten Neumondstag des Jahres 404 zum Rabbiner gewählt; darin erblickte er wohl eine vollständige Rehabilitierung, und deshalb bestimmte er diesen Tag als Freudenfest. i*) Der Fasttag wird, soweit mir bekannt, nicht mehr gehalten, dagegen wird das Freudenfest, „Tossaphot-Jomtob-Purim" genannt, von vielen seiner Nachkommen, so besonders in Prag gehalten.