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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-02-07 · 6 (7.2.1902) · p. Seite 87

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 Israelitische Wochenschrift. Seite 87. dem populistischen Talmudstudium, dem der Ptlpul Selbstzweck ist, abhold waren und ihre Schüler zu methodischem Studium anhielten. Unter ihrem Einfluß kam R. Jomtob zu der Einsicht, daß das Talmudstudium nur dann zweckmäßig betrieben werden könne, wenn man vorher^ zumindest die Mischnajoth gründlich durchforsch^ habe. Von dieser Anschauung ausgehend, erweckte er die seinerzeit von R. Ltwia bar Bezalel gegründeten Mischnajothvorträge2) zu neuem Leben; er selbst übernahm ihre Leitung, und aus ihnen entstand das größte seiner Werke, sein heute unentbehrlicher Mtschnajothkommentar „Tossaphot-Jomtob", „Zusätze des Jomtvb", der zum ersten Mal im Jahr 1615 veröffentlicht, von da ab säst allen Mischnajotheditionen beigedruckt wurde. Achtundzwanzig Jahre hindurch entfaltete er seine segensreiche Lehrthätigkeit in Prag, dann folgte er (1624) einem Rus als Rabbiner der Gemeinde Ntkolsburg in Mähren. Doch schon nach sechsmonatlicher Thätigkeit nahm er die ihm angebotene Rabbinatsstelle der durch Reichtum und Größe gleich hervorragenden Gemeinde Wien^) an. Hier fühlte er sich allem Anschein nach nicht am rechten Platz; ihm fehlte der Gedankenaustausch mit hervorragenden Gelehrten, deren es in der hauptsächlich aus reichen Kausleuten und Aerzten bestehenden Wiener Gemeinde nicht so viele gab. Jedenfalls nahm er gern die im Jahr 1627 ihm angebotene Prager Rabbinerfteüe an. Bald sollte er diesen Schritt bitter bereuen. In Prag waren durch den dreißigjährigen Krieg, der damals in Böhmen am heftigsten wütete, viele Gemeindemitglieder verarmt; Mardochai^Meisel, der Helfer in der Not, war längst tot, und der Fiskus hatte unter nichtigen Vorwänden sein Vermögen' beschlagnahmt. Daß unter solchen Umständen die Juden Prags sich gern von den hohen Steuern ^) gedrückt hätten, zumal zu diesen noch Kriegskontributionen von geradezu unerschwinglicher Höhe traten, kann nicht Wunder nehmen. Daß ferner unter solchen Umständen die von der Gemeinde eingesetzte Steuerbemessungskommission, die die Steuern und Kontributionen auf die einzelnen Gemetndemitglieder zu verteilen hatte und an deren Spitze der^RabbinerMand, sich viele Gehässigkeiten von Seiten derer zuzog, die sich ungerecht behandelt glaubten, ist ebenso erklärlich. Weniger erklärlich ist 2) Diese Mischnajothvorträge erhielten sich in Prag bis vor ungefähr 40 Jahren in der von R. Livia begründeten großen Klaussynagoge; später wurden sie in ein Privatbethaus verlegt, wo sie noch jetzt täglich abgehalten werden. 3) Die Gemeinde Wien hatte ungefähr 3000 Seelen und war die drittgrößte der damaligen deutschen Judenheit. (Frankfurt a. M. hattelöOOO^Seelen.). 4) Damit man sich einen Begriff von den hohen Steuern, die die Juden zu zahlen hatten, machen kann, will ich bemerken, daß die Juden zu Prag zahlen mußten, im Jahre 1627: 56 OOO fl., ebenso 1628, 1629: 42 OOO fl., 1630: 14 000 Schock Meißnisch, 1631: 21 OOO fl. Dazu kamen noch von 1623—1656 jährlich circa 40 OOO fl. Kriegskontribution. 1662^wurde ihnen „zur IVerpflegung der im Lande subsiftierenden Miliz" eine neue Steuer von 12 OOO fl. aufgebürdet; im Jahr 1653 schreiben die Prager Judenältesten in einer Bittschrift an den Kaiser, daß die Juden^meist verarmt seien daß es früher viele Reiche^gegeben habe, di<mehr Vermögen besessen hätten, als jetzt die ganze Judenstadt insgesamt. es, daß sich gerade gegen unseren R. Jomtob, der sich sonst allgemeiner Beliebtheit erfreute, diese Feindseligkeiten am meisten richteten. Ganz unerklärlich aber ist es, daß man mit Verleumdung und Denunziation gegen ihn vorging. An der Spitze seiner Widersacher stand ein gewisser Rafael ) und Awigdor Reches. Jener hatte, während er in Wien wohnte, zwei hohen Fürstlichkeiten Beträge von 40—50 000 Dukaten geliehen, und entschloß sich, trotzdem er sonst sehr geldgierig gewesen zu sein scheint, einen Teil dieser Schuldforderungen seiner Rachsucht zu opfern und durch Bestechung seiner hohen Schuldner sich bei der Regierung für seine Verleumdungen geneigtes Obr zu sichern. Die beiden Genossen übersetzten einige Stellen des Kommentars R. Jomtobs zum Rttualkodex des Rabenu Ascher, und suchten aus ihnen zu beweisen, daß R. Jomtob die christliche Religion lästere; sie fügten noch hinzu, R. Jomtob habe sich bei seinem feierlichen Einzug in Prag dem Statthalter gegenüber gerühmt, er hätte den Wiener Kanzler in einer Disputation über Glaubensangelegenheiten glänzend widerlegt. Dies alles geschah so heimlich, daß außer den beiden Bösewichtern in Prag niemand davon auch nur die geringste Kunde hatte. Eines Abends wurde R. Jomtob mitgeteilt, der kaiserliche Richter wünsche ihn zu sprechen und sei seinetwegen in das Ghetto gekommen. Bei der darausfolgenden Unterredung teilte dieser dem Rabbi in der schonendsten Weise mit, daß er den Auftrag aus Wien erhalten habe, ihn zu verhaften. Bei der großen Verehrung, die er vor dem Rabbi hatte, konnte er es nicht übers Herz bringen, ihm seinen Auftrag, ihn in Ketten nach Wien zu bringen, mitzuteilen, sondern er eröffnete dies dem überaus angesehenen, später geadelten, kaiserlichen Münzinhaber Jakob Basschewi3 4), dem Vertrauten des Rabbi, der es dem Rabbi schonend beibringen sollte. Jakob Basschewt sandte sofort nach den angesehensten Männern der Judenftadt und ging mit ihnen, obwohl es schon in der Nacht war, zum kaiserlichen Statthalter, den er wecken ließ und von dem er die Zusage erhielt, R. Jomtob dürfe sich, wenn die Prager Juden mit Leib und Gut für ihn bürgen wollten, frei nach Wien begeben; doch müsse er binnen sechs Tagen sich beim« Kanzler in Wien melden?) R. Jomtob reiste in Begleitung der angesehensten Gemeindemitglieder nach Wien, wo er sich sofort beim Kanzler meldete und ihm auch der Inhalt der gegen ihn erhobenen verleumderischen Anklagen bekannt wurde. Durch seine glänzende Widerlegung machte er einen so guten Eindruck aus den Kanzler, daß dieser versprach, sich für ihn zu verwenden. Seine Sache wurde an eine Kommission gelehrter Geistlicher verwiesen, die mehr durch Fanatismus, als durch Gelehrsamkeit sich hervorgethan zu haben scheinen. Die Kommission erkannte die Anklage als zu Recht erhoben und verurteilte 5) Dieser bereute, wie uns der Sohn R. Jomtobs mitteilte, später seine Schurkerei und erhielt die Verzeihung R. Jomtobs. 6) Basschewi, der erste in Deutschland geadelte Jude, erhielt das Prädikat von Treuenfels; der Grabstein seiner Frau mit dem Familienwappen ist noch heute unversehrt auf dem allen Prager Judenfriedhof. *) Wie uns R. Jomtob mitteilt, soll nicht zum mindesten über diesen Bescheid des Statthalters der ihn verehrende und mit großer Achtung behandelnde kaiserliche Richter erfreut gewesen sein.

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