Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. Israelitische Wochenschrift. Seite 86. uns. Das rumänische Volk, in dessen Mitte wir leben, wird es einsehen, daß wir ohne Organisation eine Gefahr und organisiert ein Segen fürs Land sein können. Nun stellt ein Delegierter die Frage, ob wir uns als Religionsgesellschast oder als Volk organisieren wollen. Die Frage ist leicht, aber die Antwort ist schwer, weil eine Formel gesunden werden muß, die auch solchen, die nicht aus zionistischem Standpunkt stehen, die Mitarbeit am großen Werk der Gemeindeorganisation ermöglicht. Für Assimilanten freilich, die ihren Glauben und ihren Stamm in der That oder im Gedanken verraten, hat eine Gemeinde und ein Kommunitätenkongreß gar keinen Sinn. Diese sollen Leichensärge zimmern und Totenlieder anftimmen! Nur für Juden, die als Juden leben wollen, ist unsere Arbeit bestimmt. Als Juden haben wir unsere Lehre zu verteidigen und unser Stammesbewußtsein zu erhalten. Thora und Israel bilden eine Einheit; ohne Thora kein Israel und ohne Israel keine Thora. Das ist der geweihte Boden, aus dem sich das Gebäude unserer Organisation erheben soll. Wie der Zionistenkongreß einen lebendigen Kommentar zum erhabenen Bild, das sich vor Moses Auge entrollte, liefern sollte, so auch dieser Gemeindekongreß. Der Dornbusch stand in Flammen und wurde nicht verzehrt! Trotz aller Scheiterhaufen der Geschichte, trotzdem alle Völker gerufen „der Jude wird verbrannt", blieb der Jude unverzehrt! Diese große Geschichtswahrheit will Jungisrael den Juden und der Menschheit ins Gedächtnis rufen. Trotz dem Brand der Verhältnisse, der die rumänischen Juden in den letzten Jahren zu vernichten drohte, so daß die jüdische Philanthropie des Auslands als freiwillige Feuerwehr die Löscharbeit verrichtete, was wir heute in Dankbarkeit hervorheben, ist die Lebenskraft des rumänischen Juden noch nicht ganz verzehrt, rüstet er sich zu gemeinnütziger Arbeit auf einem Landeskongreß. Diese Thatsache wollen wir verkünden! Kongresse fanden oft in Israel statt. Die Ratgeber des Mose, die Prophetenjünger Samuels, die Sofrimschar um Esra, die Mitglieder der großen Synagoge, die in Simon dem Gerechten ihren Ausläufer hatten, die Synhedrin zu Jerusalem, die Jabnehweisen um Rabbi Jochanan den Sakai, die Mischnaredakteure neben dem heiligen Rabbi Juda, die Gelehrten aus den talmudischen und gaonäischen Hochschulen, die polnischen Rabbinen aus den Vier-Länderversammlungen, die Notabeln und Synhedrtsten in Paris, die fortschrittlichen Rabbiner in Deutschland und Amerika und die altorthodoxen in Galizien und in Ungarn, die Vorkämpfer der Alliance Jsraelite, des Bnei Brith-Ordens und des Zionismus, sie alle hielten Kongresse ab. Ein Kongreß ist ein starker Ausdruck des Volkswillens. Auch hier im Lande soll man nicht in geheimen Konventikeln über die Gestaltung des jüdischen Gemeindelebens beraten, sondern in öffentlichen Repräsentanten-Versammlungen. Ein getaufter Jude, ein Führer der Reaktion, hat den Ausspruch gethan, „nicht Majorität, sondern Autorität". Wir hingegen legen aus die Stimmen der Majorität großes Gewicht. Freilich haben wir nicht nur die Majorität einer kleinen Versammlung, sondern die des gesamten jüdischen Stammes im Auge, die der Autorität der Jahrtausende unserer großen Vergangenheit huldigt. So lange der Gemeindebund, den wir gründen wollen, sich von dem jüdischen Geist, der zugleich der feierliche Ausdruck der religiösen Autorität und der Wille der jüdischen Majorität ist, wird beherrschen lassen, wird er auch ohne staatliche Anerkennung kraft seines moralischen Werts bestehen. Sollte er aber unmoralisch werden, sich gegen die Lehre des Judentums und gegen die Interessen der Judenheit versündigen, dann wird ihn der gerechte Volkszorn zerschmettern, vernichten! Der Gemeindebund ist berufen, dem Judentum zu dienen. Zwar kann ich nicht finden, daß der rumänische Staat im Recht ist, wenn er die Kinder jüdischer Steuerzahler aus den öffentlichen Schulen verbannt; da es aber geschehen, so kann es den Juden zum Segen gereichen, wenn sie die aus eigener Kraft errichteten Schulen in echt jüdischem Geist gestalten würden. Die Ausgabe des zu gründenden Gemeindebundes wird es sein, dafür Sorge zu tragen! Gemeindebund! So mancher lächelt bei diesem Wort, da die nüchterne Logik bei der Gründung eines Gemeindebundes das Vorhandensein von organisierten Gemeinden gebieterisch fordert. Ein Ausspruch Salomon Maimons fällt mir aber ein: „Manche Menschen müssen zugleich philosophieren und buchstabieren lernen." Auch wir müssen die hohe Philosophie eines Gemeindebundes und das Alphabet einer Gemeindeorganisation zu gleicher Zeit uns anzueignen suchen. Sollen wir das erreichen, was das zwanzigste Jahrhundert uns zu bringen hat, Organisation, Selbsthilfe, da wir doch nicht wissen, was in der politischen Zeiten Hintergrund schlummert, so müssen wir manche Entwicklungsstufe überspringen, um zum Ziel zu gelangen. In der Wüste unserer Verhältnisse sollen wir ein Zentrum schaffen, ein „Stiftszelt" gleichsam errichten. Aus das Stistszelt der Wüste folgte ein vollkommener Tempel in Jerusalem. Auf unsere Organisation wird eine bessere, eine vollkommenere folgen müssen. Es gilt jedoch den Anfang zu machen, viele Schwache zu verbinden, damit sie vereint eine gewisse Stärke abgeben. Wie nötig die Organisation ist, lehrt die Stadt Jassy, in der wir den Kongreß abhalten. Unsere Gemeinde hat eine große Vergangenheit, leidet aber in der Gegenwart infolge der mangelnden Organisation. In Jassy wirkten vor Jahrhunderten die einflußreichen Chacham-Paschas und lehrten berühmte Chassidäer und gefeierte Talmudmeister. Hier kämpfte bereits vor Jahrzehnten der große Prediger Antoine Lewy gegen „more judaico". In unserer Gemeinde besteht fast seit einem Jahrhundert ein großes jüdisches Krankenhaus, entwickeln sich jüdische Schulen, erhalten sich Brüdervereine und Handwerkergesellschaften. In Jassy wurden der jüdischen Kultur Altäre errichtet, und die jüdische Philanthropie schuf sich in der Bnei Brith-Loge und in anderen Humanitären Gesellschaften ein Heim. Dennoch herrschen gegenwärtig in mancher Beziehung traurige Zustände, weil es an einer natürlichen Organisation fehlt. Diesem Landesübel abzuhelfen, wollen wir uns bestreben. Ob es uns gelingt, wird die Zukunft lehren. Der bloße Versuch, die Abhaltung eines Kongresses, ist eine That für sich. Ob unser Kongreß