Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605685--8451-9605689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 84. Israelitische Wochenschrift. Nr. 6. Rasse gerichtet. Er appellierte im Gegenteil an die Juden mit der Aufforderung, ihn in seiner Propaganda zu unterstützen, denn er stände zwischen ihnen und dem Antisemitismus. Die Zeit, die dem Redner zur Verfügung stand, war sehr kurz, sonst hätte er wohl eine genauere Erklärung zu seiner Meinung gegeben, „die Fremdeneinwanderung sollte schon deshalb eingeschränkt werden, weil bereits ausreichend genug Fremde hier seien, um die von ihnen eingeführten Industrien weiter zu entwickeln." Zur Unterstützung der Interpellation hielt dann Mr. Forde Ridley seine Jungfernrede, wiederholte dieselben Gründe, die sein Vorredner bereits erschöpft hatte, und fügte noch mit großem Pathos hinzu, er wolle ebenso die jüdischen wie die anderen Arbeiter vor der großen Konkurrenz^schützen. Nach diesem Redner hatte sich schon der Abgeordnete Stuart Samuel zur Entgegnung erhoben, als der Präsident dem Handelsminifter das Wort erteilte. Herr Gerald Balfour begann damit, daß der Regierung in dieser Angelegenheit vernünftigerweise kein Vorwurf gemacht werden könne, und daß sie nichts vernachlässigt habe. Sie habe immer denselben Standpunkt gewahrt und sei noch der Meinung, daß der große Frcmdenzuzug Unannehmlichkeiten im Gefolge habe, die mit der Zeit ernster werden könnten. Es mag ja auch eine Anomalie sein, daß dieses Land beinahe das einzige ist, das keine gesetzlichen Handhaben dafür bietet, unliebsame Einwanderer zurückzuweisen. Aber wenn auch große Uebelstände vorhanden sein mögen, so sind sie doch auf ein sehr geringes Gebiet beschränkt, thatsächlich nur auf den Stadtbezirk Stepnay in London. „Und wie steht es in Leeds?" warf ein Mitglied des Hauses ein. (Leeds ist der Wahlkreis des Minister Balfour und ein großer Jndustriebezirk, in dem viele Eingewanderte Arbeit gefunden haben.) „In Leeds ist es ganz anders," antwortete der Minister; „die Sachlage ist mit der in London nicht zu vergleichen, in Leeds ist das keine brennende Frage." So wie die üblen Folgen der Einwanderung nur einen kleinen örtlichen Umkreis einschließen, so sind sie auch in ihrer Wirkung nicht sehr weitgreisend. Ich glaube nicht, daß die vermehrte Fremdenzufuhr eine Zunahme des Pauperismus gezeitigt, noch daß durch sie die Lebensweise im allgemeinen aus einen niedrigeren Stand gesunken ist. Die Uebelstände bestehen auf sanitärem Gebiet, in der Uebervölkerung, im Steigen der Mieten und in der Verdrängung der Eingeborenen nach anderen Stadtteilen. Der Handelsminister beleuchtete diese Anführung durch keinerlei Thatsachen und gestand, daß er keine mögliche Abhilfe sähe. Die dem Parlament vorgelegten Gesetzentwürfe würden das Uebel eben so wenig heilen, wie der bloße Ausschluß von Armen oder solchen, die der öffentlichen Armenpflege zur Last fallen würden. Die Erfahrungen Amerikas in dieser Hinsicht sind nicht ermutigend. Dort giebt es viel drastischere Gesetze zur Einschränkung der Einwanderung, als sie in unserem Land je vorgeschlagen worden sind, und doch sind in den drei Jahren 1898—1900, wo die Zahl der in England angekommenen Russen und Polen 60000 betrug, in den Bereinigten Staaten 184000^Personen eingewandert. (Dabei darf nicht vergessen werden, daß von den 60000 in England angemeldeten Ankömmlingen eine große Anzahl nur vorübergehend sich dort aufgehalten hat, nach Amerika weiter gegangen und dort in der Ziffer 184000 inbegriffen ist.) Es steht übrigens zu befürchten, daß die Einwanderungsgesctzgebung in Amerika noch strenger durchgesührt werden wird. In Amerika wie hier liegt die praktische Schwierigkeit darin, wie die Fremden dem Land am besten nutzbar gemacht werden können; in Amerika hatte die Einwanderungskommission u. A. den Vorschlag gemacht, immer nur eine beschränkte Anzahl von Einwanderern aus ein bestimmtes Gebiet zuzulassen. Im übrigen sei die englische Regierung der Meinung, daß die vorliegende Frage einer genaueren Prüfung bedürfe, ehe gesetzliche Maßnahmen ergriffen werden können. Es solle deshalb die vom Major Evans-Gordon gewünschte Enquete vorgenommen werden. Für den Abgeordneten Stuart Samuel blieben jetzt noch genau fünf Minuten Sprechzeit. Er wies die von Mr. Forde Ridley aufgestellten Behauptungen zurück und brachte verschiedene Ziffern vor zum Beweis, daß die Fremden der öffentlichen Unterstützung nicht zur Last fallen. „Auch der jüdischen Armenkommissionen nicht?" warf Sir Howard Vincent ein. Vor Schluß der Debatte erhob sich Mr. John Burns und richtete an den Handelsminifter das Ersuchen: „Der Herr Handelsminister möchte seinerzeit dem Unterhaus Mitteilung davon machen, ob die versprochene Enquete über die Fremdeneinwanderung sich auch bis auf den Distrikt von Park Lane erstrecken wird!" Daraus zog Major Evans- Gordon seinen Antrag zurück und die Sitzung wurde geschlossen. ~~~ , ' bfi dem Kolnlnutiitiiten-Koilgttß r« IO. Von Rabbiner Dr. I. Niemirower. Der göttliche Ruf, der nach dem Bericht des dieswöchentlichen Thoraabschnitts an Mose erging, lautete: Gehe und versammle die Aeltesten, die Repräsentanten Israels. Im Zeichen dieser Mahnung nach Sammlung stehen auch wir heute hier, wo wir die Fahne aufpflanzen, die die Inschrift trägt: Juden Rumäniens organisiert euch, organisiert eure Wohlthätigkeitsanstalten. eure Gemeinden, euren Gottesdienst, euer Schulwesen, euren Lehr- und Wehrftand, eure Lehrer und Handwerker! Das Wort Johann Jacobys, daß die Gründung eines Kulturvereins für die Weltgeschichte mehr als ein Sieg auf dem Schlachtfeld bedeutet, verliert angesichts dieser Versammlung, die eine Kulturvereinigung ins Leben rufen will, viel von seiner Uebertreibung. Denn fürwahr, eine Vereinigung der rumänischen Juden wäre ein Sieg über den Geist der Trennung und Zerklüftung, ein Sieg im Dienst des Judentums und zugleich im Dienst des rumänischen Staats. Während das Wort: „Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!" ein Schlachtruf ist, ist der prächtige Ruf, den die Allianeegesellschaften in Paris, London, Wien und Berlin, der Bnei Brith- Orden in Amerika und Europa, die jüdischen Volksvereine in Oesterreich und der Zionismus in der ganzen Welt ertönen lassen „Juden aller Länder, vereinigt euch!" ein Friedensrus, unser Morgenschrei nach Befreiung, „Rumänische Juden vereinigt euch!" ein Siegesruf im Frieden! Nicht gegen andere wollen wir uns organisieren, sondern neben anderen für 02013101