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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · p. Seite 75

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 75. Rabbiner, in meinen heiligsten Gefühlen gekränkt und tätlich beleidigt. Ich appelliere an Ihre Ehre. Es ist eine Ehrenpflicht des Beleidigers, den Beleidigten zu hören. So hören Sie denn, Herr Abgeordneter! Sie sprachen vor der großen Oeffentlichkeit des deutschen Reichstags und besaßen das Ohr Europas. Ich spreche jetzt in der stillen Einsamkeit meiner Studierstube, und der glühend heilige Hauch meiner Brust erstirbt auf meinen Lippen wie ein leises Flüstern. Aber dieses kaum vernehmbare Wort, das jetzt den heiligsten Tiefen meines armen, gepreßten, verwundeten Herzens entsteigt, es schwillt zu einem Donner an, es zerreißt die dunklen Wolken, die diese Erde umlagern, und dringt bis zum göttlichen Richterthrone empor. Ich erhebe jetzt meine Hand zum Schwur! Ich rufe Gott, den allwissenden Richter, in seiner allgegenwärtigen Majestät und unnennbaren Heiligkeit zum Zeugen der Wahrheit an. Mich durchbeben die Schauer der Ewigkeit. Ich will in den Augen Gottes ein unseliger Sünder sein, ich will in den Augen meiner Mitbürger als ehrlos und infam gebrandmarkt sein, wenn ich etwas verschweige, was ich weiß, oder wenn ich den leisesten Gedanken, die entfernteste Idee, die in dieser Frage in mir irgendwie aufdämmert, unterdrücke oder durch eine rssorvatio mentalis umgehe. Ich erhebe meine Hand zum Himmel und schwöre: „Das „Judentum und die Juden kennen keinen Ritualmord. Das „Judentum und die Juden empfinden Grauen und Entsetzen, wie „vor den schwersten, gräßlichsten Verbrechen, vor den sogenannten „Ritualmorden, die man ihnen unterschieben will. So tief das „Meer, so hoch der Himmel, so heilig Gott der Herr selber ist, „so groß, so gewiß, so über jeden Zweifel erhaben ist die Un- „schuld Israels in allen Blutanklagen, die man gegen dasselbe „erhoben. Israels Hand ist rein von Blut!" Ich bin Rabbiner und Sohn eines Rabbiners, dessen Vorfahren seit vielen Jahrhunderten Rabbiner und Meister in Israel waren. Die Lehren, Vorschriften und Gebräuche des Judentums sind mir genau bekannt. Ich bin in denselben erzogen worden. Ich selbst habe jahrzehntelang mit jüdischer Religionsphilosophie, mit.jüdischer Geschichte und dem jüdischen Religionsgesetz mich beschäftigt. Ich übersehe darum mit untrüglicher Klarheit, wie thöricht, wie widersinnig, wie ungeheuerlich es ist, Judentum und Juden mit dem Begriff eines Ritualmords auch nur im entferntesten in Zusammenhang zu bringen. Man spricht etwas Unmögliches aus. Es ist so, als ob man ein schwaches, zartes Kind verdächtigen wollte, einen Mühlstein gestohlen zu haben. Vergebens weint das Kind und sucht sich seiner Feinde mit den Worten zu erwehren: „Eure Anklage widerspricht doch meiner ganzen Natur. Ich kann den Mühlstein doch nicht vom Platz rücken!" Aber der brutale, verstockte Ankläger bleibt bei seiner blödsinnigen Behauptung: „Du hast den Mühlstein gestohlen." So ergeht es Israel. Vergebens ist mit stahlharten, unwiderleglichen Beweisen dargethan worden, daß die Blutbeschuldigung der innersten Natur des Judentums widerstreitet. Vergebens ist unzählige Mal mit flammender Zunge und mit sich auslösender Begeisterung — daß es den Stein rühren und überzeugen könnte — auseinandergesetzt worden, daß Judentum und Ritualmord zwei absolute Gegensätze sind, die sich Haffen und abstoßen, die sich meiden und fliehen. Vergebens! Die Blutanklage gleicht dem alten Ungetüm der Hydra- Wird ihr ein scheußlicher Kopf zu Boden geschmettert, dann sprießt aus dem giftgeschwollenen Leib ein neuer zischender Kopf, blöde glotzend, empor. Das wahnbethörte Menschenherz aber ist härter und kälter als Stein. Was soll nun geschehen? Giebt es in unserem gepriesenen Zeitalter, am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, giebt es da keine Macht auf dieser weiten Erde, um endlich einmal diese aller Logik hohnsprechende Blutbeschuldigung zum Verstummen zu bringen? Keine? Nun denn, so rufe ich den Himmel, der in das Dunkel unseres Erdenseins hineinleuchtet und in Milde und Freundlichkeit über alle Menschen sich wölbt, zum Zeugen der Wahrheit und Unschuld an. Ich habe mein Heiligstes verpfändet, ich habe geschworen. O, wie gern wäre ich bereit, für diesen meinen Schwur mein Leben hinzugeben und als Glaubenszeuge und Märtyrer für die Ehre Israels zu sterben, damit die Welt endlich zur Erkenntnis gelange, wie sehr sich diejenigen versündigen, die durch die bodenlosen Blutanklagen tiefe Schmach auf Israels unschuldiges Haupt häufen und seinen seit Jahrtausenden blanken, tadellosen Ehrenschild verunglimpfen; damit es endlich wie die Posaune des Gerichts durch die Weltgeschichte gehe, wie sehr durch diese grundlosen Verleumdungen und Verdächtigungen nicht nur Israel, sondern die gesamte Kulturmenschheit, deren Religionslehrer Israel gewesen, beschimpft, verlästert und herabzewürdigt wird! Herr Liebermann von Sonnenberg! Verspotten Sie mich, verhöhnen Sie mich als Juden und Judenstämmling — ich will es mit stoischem Gleichmut ertragen. Für Sie ist das Wort Jude ein Schimpfname, für mich ist es ein Ehrenname. Werfen Sie auf mich persönlich einen Stein, ich will ihn schweigend betrachten und mich prüfen, ob ich den Steinwurf verdiene. Ich will diesen Stein aufheben und auf ihn die Worte schreiben aus dem 3. Buch Mose: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und ihn dann hinlegen zu jenem Montblanc von Geschossen, die aus allen Richtungen der Windrose auf Israel geschleudert wurden; dort soll der aufbewahrt bleiben, bis zu jenem sehnsüchtig erwarteten schönen Tag, an dem die Sonne der Einsicht und Erkenntnis, der Milde und Toleranz uns Menschenbrüder allesamt erleuchten und erwärmen wird und das sieghafte Licht der Wahrheit die düsteren Nebel des Vorurteils, des Unmuts und des Haffes zerstreut und überwunden haben wird. Herr Liebermann von Sonnenberg! Machen Sie mich persönlich mit den Fehlern und Schwächen, die ich als armer, vergänglicher Mensch besitze, zur Zielscheibe ihres Spotts, zumal da ich ein Jude bin nnd zu einer schwachen Minorität gehöre. Aber das fordere ich von Ihnen streng und gebieterisch, wie es ein Mann vom andern fordern darf: Geben Sie der von mir beschworenen Wahrheit die Ehre und verunglimpfen Sie nicht meine höchsten und heiligsten Ideale! Zerren Sie nicht in den Staub jenen uralten, lauteren Glauben, den ich im Leben wie im Sterben bekenne, und der vor drei Jahrtausenden die Prinzipien der Moral und der Sittlichkeit in der Welt proklamiert hat." Wir haben den Eindruck, als ob Herr Rabbiner Dr. Münz dem Adressaten zu viel Ehre erwiesen. Sprechscrat. Aufruf! Berlin, im Januar 1902. Von bitterster Not, von unbeschreiblichem Elend wird seit mehreren Monaten ein ansehnlicher Teil unserer Brüder im heiligen Lande heimgesucht. Von 1725 Angehörigen der sogenannten rumänischen Gemeinde Palästinas (zumeist Nachkommen von in früheren Zeiten aus Rumänien dorthin Eingewanderten), die einzig und allein aus die ihnen aus ihrem

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