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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · p. Seite 73

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 73 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 73. corder) von Dublin und Kanzler von vier Diöcesen, seine lange richterliche Erfahrung hätte ihn vor solcher Entgleisung behüten sollen. Es wird wahrscheinlich gesagt werden, daß die beanstandeten Worte nur dem Individuum gegolten haben und nicht der Gemeinde. Es ist übrigens ärgerlich genug, wenn irgend einem Juden gesagt wird, daß er aus Rußland oder einem anderen Land wegen seiner eigenen Fehler ausgetrieben worden, während jeder Engländer weiß, daß ein unrühmliches Regierungssystem das Verbrechen der Ausweisungen gezeitigt hat und nicht die gequälten und zurück" gesetzten jüdischen Einwohner. Es wäre noch schrecklicher, wenn man den Juden als Körperschaft einen Vorwurf aus diesen Vertreibungen machen wollte, und dieses ist aus den Worten des Richters zu entnehmen. Wir bedauern sehr, daß zur Zeit, wo wir in den Druck gehen, wir noch nicht in einer Antwort Sir Frederick Falkiners an Dr. E. W. Harris die eigene Autorität des Richters gegen die seinen Worten unterlegte Auffassung vorweisen können. Unter diesen Umständen ist die Resolution der jüdischen Bürger Dublins vollständig gerechtfertigt. Michael Cclmtfnliu. Ein Gedenkblatt zum 50. Jahrestag seines Ablebens am 27. Schbat 5612 (1852). Von Leon Scheinhaus-Memel. Am 27. des Monats Schbat (4. Februar) wird es ein halbes Jahrhundert, seitdem der reichbegabte Dichterjüngling in der Blüte seines Lebens, 24 Jahre alt, (geb. 7. Adar 5588- 1828) zu Wilna gestorben. Er war der berühmte Sohn eines großen Vaters, des ersten hebräischen Poeten in Rußland, der Jugendfreund des später zu Ruhm gelangten Dichters Leon Gordon, und in gewissem Sinn das berühmte Vorbild des späteren, ebenso vorzeitig verstorbenen Dichter- und Künstlerjünglings Mane. Aber nicht durch den Ruhm seines Vaters, des Dichtergreises, seines Freundes und seines späteren Ebenbildes, sondern durch sich selbst, durch sein eigenes dichterisches Schaffen in den wenigen Jahren seines Daseins, die auch seine Leidensjahre waren, errang sich Michael Lebensohn den schönsten Ruf in der Ruhmeshalle hebräischer Musensöhne?) In der ersten Zeit seines Dichtens befaßte er sich mit hebräischer Uebertragung profaner Dichtungen, die sogleich die Blicke der jüdischen Gelehrtenwelt aus ihn lenkte. Als er krankheitshalber in Berlin weilte, folgte er dem Rat Zunz, des Altmeisters jüdischer Wissenschaft, statt der Gedichte fremdsprachlichen Inhalts lieber die Zionsharfe zur Hand zu nehmen, die noch immer des Meisters harre. Und während der jugendliche Dichter in Preußens Hauptstadt und in seiner Vaterstadt Wilna dahinsiechte, entstanden seine herrlichen Lieder, wahrhasteZionsgesänge, die vom Balsamhauch Palästinas durchweht waren und die hehren Gestalten der Bibel feierlich vorführten. Der damalige Censor von Wilna, Tugendhold, hat die erste Auflage der kleinen Gedichtsammlung (Wilna 1851) mit folgenden Worten eingeleitet: y Die Renaissance der neuhebr. Sprache und Poesie IV von Schreiber dieses in der Israelitischen Wochenschrift Nr. 12. 1895. „Der Salomo des Hohenliedes, mit dem Paradies der ersten Liebe im Herzen, den Spuren seiner Schäferin folgend, und der Salomo im Prediger, der, ein Laokoon, von der Schlange einer falschen Weisheit umschnürt, stets krampfhaft das skeptische „wer weiß?" ausftößt, bilden die Vorhalle seiner Lieder; dann erscheinen Simson, Jael-, Sisra und Mose, wie er im Vollgenuß der Anschauung des gelobten Landes hinstirbt, und das Ganze beschließt der Jeremias des 12. Jahrhunderts, der unvergeßliche Elegiendichter Rabbi Jehuda Halevi, der aus seiner Wallfahrt nach Jerusalem von einem Saracenen ermordet sein soll." Lebensohn, der Dichterjüngling, schrieb, bis der Tod ihm die Hand lähmte; seine herrlichen Traumbilder verschwanden und seine Leier verstummte. So malte sich der sterbende jugendliche Dichter den Tod des Dichterfürsten aus der jüdischarabisch-spanischen Periode, Jehuda Halevi: „Kein Schmerzton entfuhr ihm, kein Zagen noch Beben Durchzittert sein himmlisch verklärtes Gesicht; Das Traumbild verschwand — doch mit ihm auch sein Leben, Und nimmer eröffnet sein Aug sich dem Licht." In diesem schönen Gedicht schildert begeisternd der Jüngling die Wallfahrt des Zionssängers ins heilige Land: „Ins Land, wo zum zweiten Male Eden erblühte; — Der Baum der Erkenntnis ward neu dort erhöht. Der Lebensbaum trieb dort die herrlichste Blüte — Ward er doch von göttlichem Odem durchweht. „Sein Thor war die heilige himmlische Pforte: Dort that sich die Gottheit in Herrlichkeit dar, Dort standen Propheten an jeglichem Orte, Und jeglicher Stein — einst des Höchsten Altar!" a) Der Liebe zum heiligen Lande, zum Lande der höchsten biblischen Poesie, der Wiege des jüdischen Volkes und der gesamten gesitteten Kulturwelt, widmet Michael Lebensohn die herrlichsten Verse auch in seinem Gedicht „Salomo", so wunderbar herrlich, von solch überwältigendem Eindruck, wie sie seit dem Tode Jehuda Halevis nicht vernommen wurden; mächtiger und herzinniger ist selbst heute, nach 50 Jahren, in der Aera des modernen „Zionismus" kein Zionsgruß erklungen. Die Einfachheit und Innigkeit, die den meisten Lyrikern hebräischer Zunge fehlte, waren dem jugendlichen Dichter eingegeben, und darin bestand seine Bedeutung für die neuhebräische Literatur, wie die des späteren M. Mane. „In den Erzeugnissen des Einen wie des Andern erklingt uns außer dem unverfälschten Gefühle und der Herzlichkeit des Tones gar lieblich jenes unbestimmte süße Träumen, das den unbesieglichen Reiz des jungen Talents bildet." 2 3) Die in Warschau erscheinende hebräische Tageszeitung „Hazefirah" mahnt anläßlich des bevorstehenden 50. Jahrestages nach dem Tode des großen Dichterjünglings zur Würdigung seines ehrenvollen Andenkens durch literarisch- 2) Die Zionsharfe (Leipzig 1889) f. 330. 3) Ueber Mane im Woskhod (September 1897) von S. Ginsburg und in der Israelitischen Wochenschrift (April 1898) von Schreiber dieses.

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