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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · p. Seite 69

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 69. dauernden Schmach und Qual im Leben, durch Jahrtausende bewährt hat. Die heilige Schrift setzt den Glauben an das Dasein Gottes voraus, weil er dem Verstand und dem Gefühl der Menschen nicht widerspricht, sondern zum eigentlichen Wesen des Menschen gehört. Die heilige Schrift läßt sich also aus Beweise für das Dasein Gottes garnicht ein, sondern ihre Ausgabe ist nur, gegenüber den Verirrungen und Verwirrungen des Heidentums den rechten und wahren Begriff von Gott bestimmt und ausführlich zu lehren und daraus konsequent erfließende Gesetze der Sittlichkeit für den Einzelnen wie für die ganze Gesellschaft auszustellen. Die heilige Schrift überläßt es also der Philosophie, wie diese mit den Beweisen für das Dasein Gottes fertig wird, sie sich konstruiert oder nicht; sie selbst aber stellt den rechten und wahren Inhalt des Begriffs von Gott auf dem ewigen Grund des Glaubens an Gott fest. Der Ausdruck „Glaubensartikel" ist daher sehr uneigentlich. ü'Hpy, sind Grundgedanken, die auch ein Resume von Resultaten vorhergegangener Meditationen und rationeller Natur, auch rein wissenschaftlichen Inhalts sein können. Glaubensartikel, wie sie bei anderen Konfessionen aufgezählt werden, giebt es bei uns keinen einzigen. Die ewige, einheitliche Existenz Gottes, die Allmacht, Allgüte nnd Allgerechtigkeit ist nicht Sache eines blinden Glaubens, sondern ist Ueberzeugung, und teils einfach im Bewußtsein gegebenes, teils durch Erörterung des Gegebenen erhaltenes, teils logisch gefolgertes Objekt unserer selbftthätigen Erkenntnis. Besonnene Belehrung, Erweckung des logischen Elements in der Seele, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstand ist daher eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühlsüberreizung, Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andächtelei und Mystik ausartet, durchaus unjüdisch. Die ewigen Muster für die religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge der Verstands auf das Gemüt eingewirkt. Das Judentum befiehlt nicht „du sollst glauben" — was allerdings nicht ohne Obskurantismus und Knechtung des Geistes angeht —, sondern es bestehlt, „du sollst lernen und forschen". Im Judentum soll es nicht eine Gemeinde geben, die an dem Leitseil eines geistlichen Hirten geleitet wird, die Gemeinde soll nicht zum blinden Gehorsam sich hinneigen, noch Geistliche als höhere Kaste über sich haben; nur die wissenschaftliche Befähigung, der Fortschritt und die Vollkommenheit erteilen den Vorzug, erheben zum Lehrer. Daraus ist leicht erklärlich, warum es im Judentum so schwer fiel, die Gemeinschaft durch die Autorität der Einzelnen zu leiten und der Vorschrift eines Angesehenen ohne Kritik und Untersuchung das ganze Volk verfügbar zu machen, und es blieb daher vor List, Eigensucht und Betrug geschützt und bis zu diesem Tag der göttlichen Lehre und dem menschlichen Verstand unentrückt. Während viele Nationen durch Mysterien, heilig gehaltene Kasten und gesonderte Orden gegängelt wurden, stand Israel, mit der Thora in der Hand, festen Blickes hineinschauend, gesunden Verstands, genau vergleichend, ob auch die Bestrebungen seiner Lehrer mit dem unverwüstlichen Wort Gottes vereinbar seien. Aber wie? Ist das veredelnde, beseligende Attribut des Glaubens dem jüdischen Gemüt fremd geblieben? Und hat der Feuereifer unserer Glaubenshelden nur eine kaltes Wissen und keinen warmen, lebendigen Glauben bewährt? Giebt es gar kein Verdienst des Glaubens? Wohl giebt es ein solches; es giebt ein veredelndes, beseligendes Gottvertrauen für alle gläubigen Menschen ohne Ausnahme; — nur sängt dies für uns Israeliten erst da an, wo es für so viele unter den Menschen — meist aufhört. Das Ideal und das wirkliche Leben sind sehr oft im Widerspruch, in so grellem Widerspruch, daß auch unsere innerste und stärkste Ueberzeugung für einen Moment erschüttert werden muß. Da gilt es für uns, an dem Ideal, als an der ursprünglichen Wahrheit sestzuhalten, dagegen das, was das Leben aufwirst, als vorübergehende Phase, von untergeordneter, nur aus die Zeit beschränkter Bedeutung anzusehen, und was der religiöse Sinn uns offenbart, als die höhere Wahrheit zu erkennen und daran sestzuhalten; und da ist es, wo das Gebiet des jüdischen Glaubens ansängt; da gerade, wo die äußere Wahrscheinlichkeit, die in der gesamten Naturbetrachtung für unser Urteil durchaus maßgebend ist, unsrer inneren Erkenntnis entgegentritt, sängt bei uns, wie beim Erzvater Abraham, das Verdienst des „göttlichen Vertrauens" an. Eine Folge dieses Gottvertrauens ist es auch, daß wir Vertrauen haben zu den Männern, die wir von diesem Gottesgeist erfüllt sehen. Dieses Vertrauens kann aber ein Volk unmöglich entraten, ohne sich überall in seinen Bestrebungen gehemmt zu sehen. Dieses Vertrauen aus die Menschen fordern alle unsere staatlichen und sozialen Verhältnisse. Dieses Vertrauen wird unfern Staatslenkern gegenüber gefordert, nicht minder gegen die Richter, die Lehrer, die Männer der Wissenschaft und der Kunst. Ein Volk könnte nicht in Frieden und Sicherheit leben, wenn es nicht Glauben und Vertrauen seiner Regierung zollte. Israel ist recht eigentlich das Volk des Vertrauens; sein ganzes Leben ruht aus Hoffnung und Vertrauen. Die durch Jahrtausende hinreichende Hoffnung des Gottesvolkes, die nicht nur mehr als einmal die Zertrümmerung seines Bestandes überdauert, sondern auch den besserungsfähigen Rest des Volks erhalten und seine Neugestaltung wesentlich bedingt hat, erscheint wie ein. großes heiliges Erbgut, das von den ersten Stammvätern sich aus dieses Volk vererbt hat. Dieses in allen Züchtigungen und in allen Errettungen des Gottesvolks feste, bestimmt sich gestaltende Vertrauen ist der innerste Pulsschlag seines ganzen Lebens. Ob der Jude noch so schwere Gewitterwolken über seinem Haupt sich hat zusammenballen sehen — sobald sie sich verzogen, kehrt seine heitere, lebensfrohe Stimmung wieder, um die seine Feinde ihm oft neid sein dürsten. Jahrhundert um Jahrhundert zogen dahin, seine Leiden steigerten sich immer mehr und mehr, ließen keinen frohen Ausblick aus eine Besserung zu; er aber blieb vertrauensselig und erlösungsbedürstig: „dieses Jahr sind wir noch Sklaven, im kommenden schon freie Männer". Kein Leid, so furchtbar es hereinbrechen mochte, war imstand, ihn in die kalten Arme der Verzweiflung zu treiben. Mit einer granitenen Seele begnadet, an der des Unglücks immer neu heranstürmende Wogen sich brechen

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