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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · p. Seite 68

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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Seite 68. Israelitische Wochenschrift. Nr. 6. Herr von Massow hat recht, wenn er sagt, daß in den Reihen der Konservativen die Nachkommen von Männern sitzen, die Preußen und Deutschland groß gemacht haben. Es sitzen dort aber auch die Nack kommen von Männern, die sich nichts weniger als verdient gemacht haben. Die Familien der Landesverräter von 1806 sind doch nicht alle ausgeftorben, und unter die Sozialdemokraten sind sie gleichfalls nicht gegangen. Immerhin können wir es verstehen, daß Herr von Massow auf die Verdienste der Väter seiner Nachbarn stolz ist, denn auf etwas will der Mensch eben stolz sein. Wir verstehen ferner, daß es ihm mißfällt, und wir teilen seine Mißbilligung, wenn gerufen wird „da kommt der Junker!" Aber er ist nicht bei der Wahreit, wenn er sagt, er ruse nicht „da kommt der Jude," denn er thut es wirklich, wie seine Rede beweist. Sein Wunsch, das Rote Meer möchte über den durchziehenden Juden zusammengeschlagen sein, ist, wie wir annehmen, aufrichtig gemeint; daß er sehr christlich ist, wird Herr von Massow selbst nicht behaupten. Das „Kainszeichen auf der geschwungenen Nase" ist eine Redewendung, die vermutlich Herrn von Massow so gut gefallen hat, wie seinen Freunden. Wir haben Freude an biblischen Worten und Gleichnissen und bemerken mit Freude, daß Herr von Massow die heilige Schrift nicht ganz vergessen hat, wennschon er seine Erinnerungen in einer nicht unbedingt zu billigenden Weise verwertet. Er wird jedenfalls Verständnis dafür haben, wenn wir ihn ersuchen, das Gleichnis vom Splitter und dem Balken nachzulesen und den Spruch zu beherzigen: „Wer zu seinem Bruder sagt: Racha — der ist des Todes schuldig." Was Herr von Massow von dem ländlichen Kutscher erzählt, klingt lustig genug. Doch ist ihm allem Anschein nach nicht eingefallen, daß die von ihm Angegriffenen ihm mit gleicher Münze hätten heimzahlen und sagen können: „So grob zu sein, wie Mancher es verdient, ist nicht möglich." * * * (Aus Frankreich.) Vor einigen Tagen hat der französische Premierminister Waldeck-Rousseau in Begleitung einiger Minister die Stadt St. Etienne besucht und dort eine glänzende Rede über die kommenden Wahlen gehalten. Die Ortsbehörden und die Vertreter der Geistlichkeit machten den Ministern ihre Aufwartung, und bei diesem Empfang hielt u. A. der Rabbiner Seches an den Ministerpräsidenten eine Ansprache, in der er ihm den Dank der Juden dafür ausdrückte, daß er den Frieden in Frankreich wiederhergeftellt habe. Herr Waldcck-Rousseau antwortete ihm wie folgt: „Die verflossenen Streitigkeiten, auf die Sie eben Bezug nahmen, können in keinem Land Boden finden, das eine klare Vorstellung seiner Pflichten von Gleichheit und Gerechtigkeit besitzt, und dessen Regierung aus der Gleichheit und Freiheit aller Glaubensbekenntnisse beruht. Raffen- und Religionshaß ist ein Ueberbleibsel aus den Zeiten der Barbarei und sollte von Männern aller Parteien verabscheut werden. Die Regierung wird nach besten Kräften bemüht sein, das Vertrauen zu verdienen, das Sie ihr eben ausgesprochen haben, indem sie niemals zwei verschiedene Arten von Freiheit zulassen und indem sie das ihrige thun wird, die Achtung vor der Freiheit zu sichern." * * * (Interpellation.) In der Donnerstag-Sitzung des englischen Unterhauses hat der Abgeordnete Stuart M. Samuel an den Staatssekretär für Irland die Anfrage gerichtet, ob er Kenntnis erlangt habe von der neulichen Verhandlung gegen einen Juden Henry Kahn in Dublin, der vor dem obersten Kriminalrichter Falkiner und dem dazu gehörigen Gerichtshof wegen Zerbrechens von Fensterscheiben angeklagt gewesen, und von den vorwurfsvollen Bemerkungen, mit denen der Richter vor der Jury seinen Rechtsspruch abgegeben habe; wenn dies der Fall, ob die Regierung überhaupt und event. in welcher Form sie von jener Sprache Notiz nehmen würde. Mr. Wyndham antwortete daraus: „Ich habe den Bericht über die Bemerkungen des Kriminalrichters gelesen, kann aber nicht wissen, ob er genau die wirklich geführte Sprache wiedergiebt. Jedenfalls ist die Angelegenheit nicht dazu angethan, die Verwaltung zu irgend welchen Schritten zu veranlassen." Unsere Leser wissen aus der vorigen Nummer, um welche Angelegenheit es sich handelt. Der Staatssekretär für Irland hat unseres Erachtens eine formal korrekte Antwort gegeben. Bemerkenswert an dem ganzen, an sich ziemlich bedeutungslosen Vorfall ist es, daß ein jüdisches Parlamentsmitglied ihn unverzüglich zur Sprache gebracht hat, ebenso wie vorher in Dublin sofort ein angesehener jüdischer Mann den Oberrichter wegen seiner ungehörigen Aeußerungen öffentlich zur Rede gestellt hat. Es giebt Länder, in denen das nicht geschehen wäre. Das jüdische ~.. (Zum Wochenabschnitt.) Bon Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Ein in Worten ausgedrücktes Bekenntnis unseres Glaubens in dem Sinn und zu dem Zweck, wie dies bei andern Glaubensgenossenschaften vorkommt, giebt es für unsere Religion einmal nicht. Mag es sein, daß überall anderswo, wo gerade das Mysteriöse des Dogmas den unerschütterlichen Glauben zum Verdienst erhebt, ein Bekenntnis vor andern als feierliches Kennzeichen für die Zugehörigkeit erfordert und ein Unterschied konstatiert wird zwischen der gläubigen und ungläubigen Menschenwelt. So mußte z. B. die ganze christliche Lehre als ein Mysterium, d. h. als ein nicht zu begreifendes, aber dennoch anzunehmendes Aktum sich darstellen, die Erkenntnis zurückweisen und den Glauben beanspruchen. Aber was haben wir, die wir nur der Religion der inneren Offenbarung und der äußern Bewahrheitung in Raum und Zeit angehören, mit solchen Aeußerlichkeiten zu thun? Die Formel für unser Glaubensbekenntnis sagen wir zur Erinnerung nur im Gebet uns selber vor. Aber ein Bekenntnis vor andern wäre eher eine Entwürdigung unserer inneren Ueberzeugung, ähnlich einem Gebet der Scheinheiligkeit, das ohne Rückwirkung aus uns selbst bleibt. Für die innere Ueberzeugung giebt es nur einen würdigen Ausdruck, stillschweigend und durch die That D^n tm> der weihevollen Verherrlichung des göttlichen Namens, die echt jüdische That, die das jüdische Volk, hier in einem großen Moment — mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen —, dort mit der ausharrenden Geduld bei der täglichen und an- 01020201003031

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