Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2. Israelitische Wochenschrift. Seite 29. geb. Fließ, feierten am 29. Dezember ihre Goldene Hochzeit. Mit der Ueberreichung der vom Kaiser dem Jubelpaar bewilligten Ehejubiläumsmedaille und der Ueberbringung der kaiserlichen Glückwünsche hatte der Herr Oberpräsident der Provinz Sachsen den Herrn Rabbiner Dr. Rahmer in Magdeburg betraut. Paris, 28. Dezember. (Neuwahl zum jüdischen Konsistorium.) An Stelle des verstorbenen Eugene Manuel wurde säst ohne Opposition der Staatsrat Camille Lyon zum Mitglied des Jüdischen Central-Konsistoriums von Frankreich gewählt. Gothenburg in Schweden, 27. Dezember. (Frau Dr. Fürstenberg.) Die hiesige jüdische Gemeinde hat durch den Tod der Frau Fürstenberg, der Gattin des Dr. Pontus Fürstenberg einen großen Verlust erlitten. Die Verstorbene hat den größten Teil ihres Lebens den Armen und Unglücklichen gewidmet. Sie hat zum Andenken an ihren Vater, Eduard Magnus, ein Altenheim errichtet und hat viele Jahre hindurch als Vorsitzende des Jüdischen Frauenvereins aus das segensreichste gewirkt. Während ihrer langen und schweren Krankheit hat König Oskar sich wiederholt nach dem Befinden der Frau Dr. Fürstenberg erkundigen lassen, und auf die Nachricht von ihrem Ableben hat er sofort dem trauernden Ehemann ein Beileids- und Trosttelegramm gesandt. Auch die Kronprinzessin von Schweden hat aus Karlsruhe ein Beileidstelegramm geschickt. Dr. Fürstenberg ist der einzige Mann in Schweden, den die Universität Upsala zum Ehrendoktor gemacht hat. London, 5. Januar. (Rabbiner Bernard Spiers.) Nach langem Leiden, das ihn jedoch nicht gehindert hat, bis zum letzten Tag seinen Amtspflichten nachzukommen, ist der Dajan Rabbiner Bernard Spiers in hohem Alter gestorben. Er war am letzten Montag Tags über im Beth Din beschäftigt gewesen, danach ins Beth Hamidrasch gegangen und am späten Abend heimgekehrt, und in der Nacht zum Dienstag ist er an Herzschwäche verschieden. Die Juden Londons und Englands haben in dem Verstorbenen sehr viel verloren. Er vereinigte in seiner Person den Geist strenger Orthodoxie und westlicher Kultur aufs glücklichste und war deswegen wie wenige geeignet, als Mitglied eines modernen Beth Din zu fungieren. Trotz der vielfach damit verbundenen Beschwerden hat Dajan Spiers alle Vorschriften der orthodoxen Observanz auf das gewissenhafteste erfüllt, war aber allezeit tolerant gegen solche Glaubensbrüder, die in Wort und That andere Grundsätze bekannten. Rabbiner Spiers war in Schleschin in Polen geboren, hat mit zwanzig Jahren die Rabbinerwürde erlangt und zuerst in einer Privatgemeinde in Posen als Rabbiner und Prediger amtiert. Von dort aus kam er vor 45 Jahren nach England. Hier war er anfänglich Religions- und Talmudlehrer an verschiedenen Schulen; er war der erste, der in den Talmudthora-Klassen in englischer Sprache unterrichtet hat. 25 Jahre lang hat er diese Klassen geleitet, durch seine vorzügliche Vortragsweise zahlreiche Schüler angezogen und gefesselt und die Unterrichtsanstalt beliebt gemacht. Rabbi Spiers studierte mit seinen Schülern mehrere vollständige Traktate des Talmud, den Kommentar Raschis, das Sepher Hachinuch, die Jad Hachasaka des Maimonides, die Sprüche der Väter, Bibelexegese und noch verschiedene ähnliche Werke. Die von ihm zur Feier des Abschlußes eines Talmudtraktats veranstalteten Festlichkeiten — Sijum — waren immer sehr zahlreich besucht, und alle Teilnehmer waren stets von neuem entzückt von den geistreichen Vorträgen des Rabbi Spiers. Im Juli 1876 wurde B. Spiers zum Dajan der United Synagogue gewählt; er hat dieses Amt ebenfalls 25 Jahre lang mit gewissenhafter Treue und zum Segen der Gemeinde ausgeübt. Im Beth Hamidrasch hat der Verstorbene als Bibliothekar gewaltet und verschiedene englische und deutsche Kataloge der reichen Bücher- und Manuskriptsammlung herausgegeben. Auch verschiedene eigene Werke hat Rabbi Spieß veröffentlicht, u. A. eine Sammlung von Vorträgen über „Die Jurisprudenz im Talmudtraktat Baba Bathra", „Das 8. Buch von Maimonides", „Das Schulsystem im Talmud", einen Band Predigten und Talmud- und Midraschaussätze in hebräischer Sprache. Ein Buch „Ueber die Pflichten des jüdischen Weibes" ist nur für privaten Gebrauch gedruckt worden. Rabbi Spiers hat in englischer, deutscher, hebräischer Sprache und im Jargon gleich fließend gepredigt. Er hat wiederholt an Stelle des auf Reisen befindlichen Chiefrabbi in der großen Synagoge Sabbat- und Festpredigten gehalten, aber auch in anderen Synagogen, auch in kleinen Ostend- Gebethäusern gepredigt. Zu der Beerdigung des allgemein betrauerten frommen Gelehrten war fast die gesamte jüdische Geistlichkeit Londons und einige Rabbiner aus der Provinz erschienen, viele Gelehrte und Wohlsahrtsvereine hatten Abordnungen geschickt, und außer den geladenen Gästen erwies ein nach Hunderten zählendes Trauergefolge dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre. Der Chiesrabbi Dr. Adler hat die Grabrede gehalten. Petersburg, 2. Januar. („Decadence".) Der Petersburger literarische und Künftlerklub hatte die Absicht, das antisemitische Tendenzen enthaltende Theaterstück „Decadence" des französischen Dramatikers Guinon zur Ausführung zu bringen. Die hiesige Polizei hat diese Ausführung für Rußland verboten, weil sie fürchtet, daß es dabei zu Demonstrationen und Ruhestörungen kommen könnte. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Die nächste Versammlung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin findet Samstag, den 11. d. M., abends 8 Uhr, im Vereinslokal Königstraße 29 statt. Auf der Tagesordnung steht 1. der Bericht über den Verbandstag (Rest Koll. Hanff), 2. Neuwahl des ersten Schriftführers, 3. Diskussion über die Thesen des Koll. Dr. Kellermann. Gäste sind herzlich willkommen. ~ Am Sonntag, 5. d., beging der Verein ehemaliger Schüler der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin das zweite Stiftungsfest in der Philharmonie, Bernburgerstraße 22. Die Veranstaltungen des Vereinsvorstands waren in allen Teilen vorzüglich gelungen. Die etwa 800 Teilnehmer wurden durch mannigfaltige musikalische und dramatische Vorträge namhafter Künstlerinnen und Künstler unterhalten. Ein aus Mitgliedern des Vereins bestehender, von Herrn Max Baer geleiteter Gesangverein erfreute durch vortreffliche Leistungen. Während der Kaffeetafel begrüßte der erste Vorsitzende Herr Dr. Lachmann die Festteilnehmer. Den Beschluß machte fröhliches Tanzen. — In Posen ist Herr Justizrat Dr. Levinsky zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung gewählt worden. — Herr Julius