Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 24 Israelitische Wochenschrift Nr. 2. Beispiel: „Die jetzige judenfeindliche Politik ist ein Ueberbleibsel der Barbarei der verflossenen Jahrhunderte, eine Wirkung des fanatischen Glaubenshasses, die der Bildung unserer Zeit unwürdig, durch dieselbe längst hätte getilgt werden sollen . . . Unseren fest begründeten Staaten muß jeder Bürger willkommen sein, der die Gesetze beobachtet und durch seinen Fleiß den Reichtum des Staats vermehrt. Sie dürfen nicht, wie die zuerst durch Gewalt errichteten Herrschaften anderer Nationen, barbarisch und furchtsam zugleich, die Fremden verbannen und unterdrücken . . . Auch der Jude hat aus diesen Genuß der bürgerlichen Gesellschaft, auf diese Liebe Anspruch. Seine Religion macht ihn derselben nicht unwürdig, da er selbst bei strengster Befolgung derselben ein guter Bürger sein kann". Um seine christlichen Zeitgenossen zu beschämen, hält er ihnen ein Spiegelbild der durch Fanatismus und Bosheit geschaffenen bürgerlichen Lage der damaligen deutschen Juden vor. So heißt es dort: „Eine große Menge Juden findet die Thore aller Städte verschlossen, wird von allen Grenzen unweigerlich zurückgewiesen, und ihr bleibt nichts übrig, als zu verhungern oder durch Verbrechen sich des Hungers zu erwehren. Jede Zunft würde sich entehrt glauben, wenn sie einen Juden zu ihrem Genossen ausnähme, daher ist der Hebräer fast in allen Ländern von den Handwerken und mechanischen Künsten ausgeschlossen. Nur seltenen Genies bleibt bei so vielen niederdrückenden Umständen noch Mut und Heiterkeit, sich zu den schönen Künsten nnd Wissenschaften zu erheben. Und auch diese seltenen Menschen, die darin eine hohe Stufe erreichen, sowie auch die, die durch untadelhaste Rechtschaffenheit der Menschheit Ehre machen, können nur bei Wenigen Achtung erwerben, bei dem Haufen machen auch die ausgezeichnetsten Verdienste des Geistes und Herzens den Fehler nie verzeihlich, Jude zu sein". Mit wohlthuender Wärme und eindringlichsten Worten hebt Dohm die Vorzüge des jüdischen Charakters hervor, die danach angethan sind, daß seitens des Christentums den Juden gegenüber die jahrhundertelange Schmach endlich getilgt werde: ihren Familien- und Wohlthätigkeitssinn, ihren sittlichen Lebenswandel, ihren Patriotismus und ihre uralten Sitten, beziehungsweise ihre Anhänglichkeit an den Glauben ihrer Väter. Daß sie sich hauptsächlich dem Handel widmeten, rühre daher, weil sie aus diesen Erwerb durch die betreffenden engherzigen Gesetze ausschließlich beschränkt sind. „Mit der unbilligen und unpolitischen Behandlung der Juden", sagt er einmal, „werden auch ihre üblen Folgen verschwinden, und wenn man aushört, sie aus eine Art der Beschäftigung zu beschränken, wird auch der nachteilige Einfluß derselben nicht so bemerkbar sein". Er verlangt deshalb von den deutschen Regierungen die vollständige Emanzipation der Juden; es dürfen keine entehrenden Unterschiede mehr geduldet, kein Weg des Erwerbs ihnen fernerhin gesperrt und von Seiten des Staats müßte ihnen die gleiche Liebe und Fürsorge, wie den christlichen Konfessionen entgegengebracht werden. Doch nicht allein die Fürsten, sondern auch die christliche Gesellschaft müßte angehalten werden, ihre Vorurteile und lieblosen Gesinnungen gegen die Juden auszugeben: „Früh in der Jugend müßten sie schon gelehrt werden, die Juden wie ihre Brüder und * Mitmenschen zu betrachten, die auf einem anderen Weg das Wohlgefallen Gottes zu erhalten suchen. . . Diese dem Geist der Menschenliebe und des echten Christentums so gemäßen Grundsätze ihren Gemeinden recht oft zu wiederholen, müßten die Prediger angewiesen werden, und wie leicht wird es ihnen sein, diese Anweisung zu befolgen, wenn der Geist der Liebe, der in dem Gleichnis des Samariters herrscht, ihr Herz erfüllt und wenn sie, wie die Apostel Christi, lehren, daß jeder aus allem Volk, der Recht thut, Gott angenehm sei". Schon im Voraus beglückwünscht der Verfasser den Staat, der zuerst die Grundsätze der Toleranz und Gleichberechtigung bethätigt: „Er wird sich aus seinen eigenen Mitteln neue treue und dankbare Unterthanen bilden und wird seine eigenen Juden zu guten Bürgern machen, wenn er nur ansängt, sie als solche zu behandeln". Mit großem Scharfsinn widerlegt der hervorragende Staatsmann alle Bedenken, die von den Antisemiten gegen die politische Emanzipation der Juden vorgebracht wurden. Ebenso wendet er sich mit besonderer Schärfe gegen alle, die behaupten, die Juden taugten nicht zum Kriegsdienst, sie seien deshalb Staatsbürger zweiter Klasse. Er weist vielmehr nachdrücklich daraus hin, daß sie zu allen Zeiten — auch nach der Zerstörung Jerusalems — tapfere Soldaten gewesen. Seine historischen Beispiele dürsten noch heute von Interesse sein. „Unter den Ptolomäern", sagt er u. A., „erwarben sie sich in Egypten durch ihre Kriegsdienste die vorzüglichste Gewogenheit dieser Regenten und das Vertrauen, daß nur Juden die wichtigsten Festungen übergeben wurden." Dasselbe wird von den mazedonisch-syrischen Königen bemerkt. Auch unter der römischen Herrschaft, von den Zeiten des Pompejus an, erwarben die Juden durch ihre Kriegsdienste Zutrauen und Belohnungen. Cäsar selbst giebt Melo das Lob, daß sie in erster Linie in einer Schlacht dwider en Mtthridates den Sieg bewirkt hätten, und mehrere Privilegien und ruhmvolle Erklärungen des römischen Senats sind die unwiderleglichen Bew2ise der Tapferkeit und Treue, die sie in den Kriegen bewiesen haben. Auch Antonius bediente sich jüdischer Truppen, und die, die Herodes ihm zuführte, bestanden aus 5 Kohorten Römern und 5 Kohorten Juden. Ebenso ungewöhnlich tüchtig waren die Kriegsdienste dieser Nation unter den heidnischen und christlichen Kaisern, bis endlich im Jahre 418 der König Honorius die Juden für unfähig erklärte, im Krieg zu dienen und damit ein Vorurteil begründete, das er selbst nicht ohne Bedenklichkeiten zu äußern wagte, das aber in den folgenden Zeiten ties genug gewurzelt ist und jetzt nicht ohne Mühe ausgerottet werden dürste. Nicht vom Philosophen von Sanssouci, Friedrich dem Großen, an den Dohm in erster Linie dachte, ging die befreiende That der bürgerlichen Gleichstellung der Juden aus, sondern vom Titus und Marc Aurel des 18. Jahrhunderts, von Kaiser Joseph II. Dohms Schrift war bereits beendet, als die Kunde zu ihm drang, daß im Sohn der fanatisch judenseindlichen Maria Theresia ein Retter Israels entstanden sei. Seiner großen Freude und Befriedigung darüber gab er in seinem „Nachwort" Ausdruck, wo es u. aheißt: Die Bestätigung dieser Nachricht und die Billigung seiner Grundsätze von der aufgeklärten Regierung eines in jeder Absicht