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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · p. Seite 21

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Israelitische Wochenschrift. Seite 21. gewonnenen Beobachtungen der Ansicht, daß der — „idealistische" Gras in seinen Hörern nur die niedersten Triebe auslöst. Der Verfasser schließt seinen Aufsatz mit folgenden Worten: „Ich habe mehr als 1000 Versammlungen mitgemacht. Aber nie habe ich so den Eindruck der menschlichen Bestialität erhalten wie in diesem Kreise der gut gekleideten Antisemiten Berlins." Herr v. Gerlach hat dem Antisemitismus nahe genug gestanden, um ihn zu kennen. * * * (Aus der bayerischen Kammer der Reichsräte.) Wie erinnerlich hat die bayerische Abgeordnetenkammer vor Kurzem folgenden Antrag Heim über die Zulassung von Israeliten zur Justizverwaltung angenommen: „An die königliche Staatsregierung die Bitte zu stellen, Israeliten möglichst nur im Verhältnis der israelitischen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung in der Justizverwaltung aufzunehmen." — Der Finanzausschuß der Kammer der Reichsräte hat dagegen aus Antrag des Referenten Ritters v. Maffei beschlossen, über jenen Beschluß der Abgeordnetenkammer zur Tagesordnung überzugehen. Zm Wochenabschuitt. Bon Rabbiner Dr. B. Selig ko witz-Cöthen. Die moderne Weltanschauung hat keinen Raum für das Wunder mehr — so wird im Namen der Philosophie, der Naturwissenschaft, der gesamten heutigen Bildung versichert, und diese Behauptung findet ungeteilten Beifall. Die Haltung des aufgeklärten Publikums gegen das Wunder ist nicht mehr die des Zweifels, sondern des absprechenden, spöttischen Unglaubens. Denselben Standpunkt teilt die negative Theologie. Der Streit über das Wunder gilt hier als längst entschieden, und man ist nur noch beschäftigt, in der historischen Kritik der biblischen Bücher die Folgerungen daraus zu ziehen. Schon de Wette sagt im Hinblick aus das alte Testament: „Wenn es für deri gebildeten Verstand entschieden ist, daß solche Wunder nicht wirklich geschehen sind, so fragt sich, ob sie vielleicht den Augenzeugen und den Teilnehmern der Geschichte so erschienen sind? Aber auch dies muß man verneinen, sobald man nur die Erzählungen etwas genauer ansteht. Denn es fehlt darin ganz jene Subjektivität der Ansichtsweise, die den Schlüssel des Wunderbaren enthielte. Und soweit ist schon das Resultat gewonnen, daß die Erzählung nicht gleichzeitig oder aus gleichzeitigen Quellen entnommen ist". . . Seit der Tübinger Schule wird dieser Grundsatz rücksichtslos angewendet und jede andere Behandlungsweise der heiligen Schrift für unwissenschaftlich erklärt. Unter solchen Umständen ist das, was man sonst Einleitungswissenschaft nannte, nämlich die Frage nach Authentie und Abfassungszeit der einzelnen Bücher, Gestalt des Textes, Entstehung des Kanons, der eigentliche Mittelpunkt der modernen Theologie geworden, aus den sich daS ganze Interesse konzentriert. Dabei dreht sich der Streit nur darum, wie man die Absassungszeit der erzählten Begebenheiten herabsetzen könne, und wieviel nach dem natürlichen Zusammenhang der Dinge begreiflich genug erscheint, um allenfalls noch als echte historische Ueberlieferung gelten zu können. Daß hierbei lediglich subjektiver Geschmack und Neigung den Ausschlag giebt, liegt in der Natur der Sache. Wer einen Begriff hat von dem Umfang dieser Untersuchungen mit ihrem ungeheuren gelehrten Apparat, ihrer Musterkarte von Hypothesen, Konjekturen, Behauptungen oder gar gesicherten Resultaten, die doch alle nur einen rein akademischen Wert haben, der weiß, daß er hier vor einem Labyrinth steht mit der Ueberschrift: „Laßt alle Hoffnung hinter euch!" Es kann deshalb gegenüber der Bibelkritik gar nicht oft und eindringlich genug wiederholt und hervorgehoben werden, daß die biblischen Bücher zunächst nicht einem historischen Interesse ihre Entstehung verdanken, sondern in erster Linie aus einem religiösen Interesse hervorgegangen sind. Auf diesem Umstand beruht die Stärke der Bibel. Denn in keinem andern Buch der Welt findet sich ein solcher Reichtum von Gedanken, die aus tiefer Frömmigkeit, kindlicher Gottesfurcht, heiliger Begeisterung entsprungen sind; in keinem andern Buch treten die irdischen Rücksichten, die profanen Absichten und weltlichen Beweggründe so sehr in den Hintergrund, wie in diesem Buch. Wer lediglich den Maßstab des nüchternen, prüfenden Verstands an religiöse Schöpfungen anlegt, der bemißt sie mit einem Richtmaß, das ihnen fremd ist; er ist darum ungerecht und es ist eine unvermeidliche Folge seines einseitigen Standpunktes, daß er sie nicht zu würdigen versteht. Von dem unschätzbaren Wert, den ein solches Buch noch immer für die Wissenschaft hat, weil es dem Messer der Kritik und den mikroskopischen Untersuchungen der Sprach- und Altertumsforschung stets neue und interessante Beschäftigung gewährt, hat das Volk keinen Begriff. Es weiß mit einem Kadaver nichts besseres anzufangen, als ihn zu begraben. Liegt nicht z. B. ein tiefer Sinn, liegt nicht eine achtungswerte Pietät darin, wenn ein Volk die Helden seiner Religion, die Gründer seiner Kultur, seine Vorbilder im Leben, im Glauben, in seiner Sitte mit dem Glanz der Wundersage umgiebt? Es ehrt sie mit dem Besten, was es hat, mit seinem frommen Gemüt, mit seiner begeifterten Phantasie, mit der Inbrunst seiner gottgläubigen Poesie. So hat die Phantasie das Leben MoseS mit einem blühenden Sagenkranz geschmückt. Der wissenschaftliche Forscher wird die Geschichte scharf von der dichterischen Ausschmückung sondern. Allein der religiöse Mensch, wenn er nicht anders seinen Geist durch Ueberkultur verdorben hat, wird sich auch heute noch an den Bildern und Sinnbildern der Erzählung erfreuen und erbauen. Und auch sie werden dazu dienen, ihm das Wesen und den Charakter der geschilderten Thatsachen und Personen deuten zu helfen. Es ist nicht wahr, daß wir aus diesem Boden bloßer religiöser Erdichtung begegnen. Der Volksgeist dichtet nicht ins Leere und Blaue hinein, die urgeschichtlichen Heldengestalten sind wohl wie altes Gemäuer von dem Epheu der frommen Volksdichtung umwunden; aber durch den grünen Vorhang blickt das ursprüngliche Lebensbild immer noch erkennbar hervor. — Das Charakterbild Moses läßt sich aus der keusch verhüllenden Dichtung noch gar wohl herausschälen. Ursprünglich ein ungebändigter Feuergeist, dann in der Schule der Prüfung ge-

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