Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 20. Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. der assertorische Eid ist eine feierliche Wahrheitsbekundung (Zeugeneid). Welchen Zweck die Darlegung der „Kreuzzeitung" hat, nämlich den der Verhetzung auf der Grundlage der ungreifbarcn Unterstellung, zeigt der Schluß ihrer Ausführung, der lautet: „So erklärt sich auch die merkwürdige Thatsache, daß in gewiffen Stadtverwaltungen, wo Freisinn und Demokratie die Herrschaft führen, vorzugsweise Juden zu den leitenden, angenehmen und einflußreichen Stellungen berufen werden. Nominell stehen zwar zumeist Christen als Bürgermeister an der Spitze, aber nur nominell. Nachgerade gehen selbst dem unentwegtesten Demokraten nichtjüdischer Art die Augen darüber auf, daß in den freisinnigen Stadtverwaltungen wie in den freisinnigen und demokratischen Parteien nicht immer demokratische und freisinnige Grundsätze maßgebend sind, sondern daß jüdische Interessen, wo sie auch nur entfernt berührt werden, unter allen Umständen auf Berücksichtigung rechnen können." Dem Naiven drängt sich hier die Frage aus: „Wie kommen die Rüben in den Sack?" Wer weniger naiv ist, der weiß, daß die „Kreuzzeitung" — ad usum delphini schreibt. * * * (Sv sind sie Alle.) Der Kaufmann Landecker aus Dölitz gehölt zu den Glaubensgenossen, die unter den „wissenschaftlichen" Vorträgen des Pfarrers Krösill - Kloxin über die Mordslüge persönlich zu leiden hatten. Er wandte sich an das Konsistorium und an den Oberkirchenrat mit der Bitte, diese möchten dem genannten Geistlichen das weitere Auftreten untersagen. Der Bitte wurde Folge gegeben; wegen der Form aber, in die die Bitte gekleidet war, erhob Herr Krösell Klage, und Herr Landccker wurde zu 50 M. Geldbuße verurteilt. Die Prozcßoerhandlung, die in Stargard in Pommern geführt wurde, halte Ergebnisse, die für uns nicht überraschend, aber ganz interessant waren. Herr Krösell wurde nämlich als Zeuge gelten und konnte utrter dem Zwang des Eides nicht ausweichen. In den Händen des Verteidigers des Herrn Landecker war das Stenogramm eines Krösellschen Vortrags, und der Herr Pfarrer mußte einräumen, Aeußerungen im höchsten Grad aufreizender Art gethan zu haben, die auch eine Kritik des Konitzer Gerichtshofs enthalten. Pfarrer Krösell hatte ferner seine Berechtigung, über Ritualmord zu sprechen, damit begründet, daß er als Theologe die hebräische Sprache beherrsche und daher über den Talmud sich ein Urteil zu bilden imftand sei. Als aber der Verteidiger ihm die Frage vorlegte, ob er befähigt sei, den Talmud und den Schulchan Aruch zu lesen, wollte der Herr Pfarrer die Antwort verweigern. Erst aus Drängen des Vorsitzenden bequemte er sich zu dem Geständnis, daß er seine talmudische Weisheit nicht aus dem Talmud selbst, sondern aus den Schriften von Eisenmenger, Ecker u. s. w. geschöpft habe. Diese Schriften wurden sodann von dem von der Verteidigung als Sachverständigen geladenen Rabbiner Dr. Silberstein ins rechte Licht gestellt. Herr Krösell ist der typische „Gelehrte" des Antisemitismus. So sind sie Alle — Alle ohne Ausnahme. * # * (Der Censor in der „Kreuzzeilung".) In der Redaktion der „Kreuzzeitung" sitzt ein Cato Cenforius, der sich die Aufgabe gestellt hat, die ihm mißfallenden Blätter aus Ungebührlichkeiten durchzusehen und diese festzunageln. Dieser Cato schreibt: „Im Inseratenteil der in Kolberg erscheinenden freisinnigen „Zeitung für Pommern" stand kürzlich folgendes Gedicht: „Senkst du dich auf Zephirschwingen Nieder, hehre, heilge Nacht! Hör ich Aeolsharfen klingen. Halten Engel ringsum Wacht! Andachl schauernd liegt zu Füßen Ihres Gottes heut die Welt, Weil ein göttlich Kind mit süßem Friedenslächeln Einzug hält. Balsam träufelts in die Wunden, Die des Daseins Kampf uns schlägt. Läßt zu höhrer Kraft gesunden. Wer des Schmerzens Bürde trägt. Alle Menschen sind heut Brüder An der Liebe Jubelfest, Seinen Brudergruß drum wieder Wilhelm Cohn euch bieten läßt." Die „Deutsche Zeitung" fragt dazu: „Ob bei diesem Brudergruß nicht auch das Herz eines freisinnigen Lesers von Unbehagen durch schauert wird?" Wir glauben, daß das Blatt sich irrt; im günstigsten Fall wird er es „nicht eben geschmackvoll" finden." Wir nehmen an, daß die „Kreuzzeitung" und ihr Censor in ihrem Herzen „von Unbehagen auch durchschauert wären", wenn der Urheber des angeführten Brudergrußes nicht Wilhelm Cohn, sondern Christian Schulze hieße. * * * (Herr v. Gerlach über die gutgekleideten Antisemiten.) In der von dem Pastor Friedrich Naumann herausgegebenen nationalsozialen Wochenschrift „Die Zeit" veröffentlicht H. v. Gerlach einen Artikel „Die Bestie", in dem er den Grasen Pückler-Kleintschirne als ein Mischerzcuguis von religiösem Fanatismus und von aufregender Lektüre erscheinen läßt, den vielleicht auch unliebsame persönliche Erfahrungen dazu veranlaßt haben, in der bekannten Weise aufzutreten. Für einen Redner im volkstümlichen Sinn hält ihn Herr v. Gerlach keineswegs. „Pückler leierte vielmehr eine wörtlich auswendig gelernte Rede fast ausdruckslos herunter." Groß ist der genannte Gras nach der Charakteristik, die Herr v. Gerlach von ihm entwirft, nur im Schimpfen. Graf Pückler „improvisiert nie, er recitiert", so versichert Herr v. Gerlach, und er fügt hinzu: „der Graf faßt keinen Juden am Kragen, er läßt keinen jüdischen Aasgeier stiegen, er vergießt keinen Tropfen jüdischen Bluts, ohne sich tagelang vorher auf diese feierlichen Akte vorbereitet zu haben". In der Verquickung religiöser Momente mit seinem wilden Judenhaß liegt nach der Versicherung des Herrn v. Gerlach für den nüchternen Zuhörer etwas „blasphemisches". „Aber die Masse der voreingenommenen Zuhörer", so fährt er in seiner Erörterung fort, „wird gerade durch die Zusammenschweißung von Judenhaß und religiöser Inbrunst sanatifiert". „Deshalb irren die Herren Polizeileutnants, wenn sie vor Gericht aussagen, daß die Versammelten die Ausführungen durchwegs nicht ernst nehmen." Herr v. Gerlach ist vielmehr aus Grund seiner außerordentlich zahlreichen, in Volksversammlungen