Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 826 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 826. Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. Aelter sind die Brautlieder (aus dem 16. Jahrhundert existiert eins, worin je eine hebräische und deutsche Strophe abwechselt) und die Bräutigams-Lieder. Daß am Sabbat hebräische Lieder gesungen wurden und werden, ist bekannt; weniger bekannt sind die jüdisch-deutschen Sabbatlieder. Desgleichen giebt es Lieder für die Feste: Neumond, Neujahr, Laubhütten, Stmchat, Thorah, Pessach, Chanuka, Purim (auch Trink- und Spottlieder sür diesen ausgelassenen Tag). Da nach jüdischer Anschauung Religion und Moral nicht getrennt werden können, so lassen sich hier die allgemeinen moralischen Volkslieder anreihen: zunächst ein Lied gegen die Trunksucht, eins gegen das Spiel, ein anderes gegen Habsucht, die Elegie eines sterbenden Kantors, dann Klagelieder aus den Tod hervorragender Personen (so des Oberlandesrabbiners Nathanael v. Weil in Karlsruhe), aus betrübende Ereignisse (Zerstörung von Worms, Austreiben der Juden aus Frankfurt, den Frankfurter Brand, den Schwedenkrieg, die Pest). Von modernen Liedern erwähnte Redner das Gedicht „Der Bettler" aus der Zeit der russischen Verfolgungen von 1881 und das „Lied von der Blume", eine Allegorie auf Zion. — Was die Melodien betrifft, so nahm man in älterer Zeit bekannte nichtjüdische Gesänge. So heißt es: Zu singen nach der Melodie der Schlacht von Pavia, oder „Es giebt aus Erden kein schweres Leiden", oder „Herzog Ernst", oder „Hoch ries der Wächter". Diese alten Melodien ans Licht zu ziehen, ist eine interessante Arbeit und wird gegenwärtig versucht. Später wurden eigene Melodien komponiert. Auch in den Jargonliedern steckt ein guter deutscher Kern. Je inniger aber, schloß der Redner, wir uns in die jüdische Volksseele hineinleben, desto lauter dürfen wir bekennen, daß wir nicht nur deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sein wollen, sondern wir wollen sein: Deutsche Juden. Lebhafter Beifall dankte dem Redner, der durch die zahlreichen Proben jüdisch-deutscher Lieder den Vortrag doppelt interessant machte und die Zuhörer oft zu Ausbrüchen der Heiterkeit hinriß. Frankfurt am Main, 22. Dezember. (Geme indem ahl.) Der eine der am 11. d. Mts. gewählten Ausschußmitglieder ist vom Vorstand der Gemeinde zu seinem Mitglied gewählt worden. Voraussichtlich wird nach erfolgter staatlicher Bestätigung eine Neuwahl für den betreffenden, Herr Jakob Sichel, zum Ausschuß stattfinden. Frankfurt am Main, 22. Dezember. (Reiche Spenden.) Die Witwe und die Töchter des verstorbenen Baron Willy von Rothschild haben beschlossen, ihr hier an der Zeil gelegenes Wohnhaus zu einem Heim für 24 alte Frauen, Witwen oder alleinstehenden Fräulein herzugeben. Die Insassen des Heims sollen gegen eine geringe Bezahlung vollständige Pflege und Unterkommen finden, das Heim soll bald eröffnet werden. Die älteste Tochter des Baron Willy, Frau Baronin Edmond von Rothschild in Paris hat 1 000 000 Mark zur Begründung eines jüdischen Heims sür Lungenkranke gespendet, das zum Andenken an ihren verstorbenen Vater im Taunus errichtet werden soll. Baronin Edmond von Rothschild hat noch weitere Geldmittel zugesagt, sofern sie erforderlich sind. Paris, 22. Dezember. (Religiöse Vorträge.) Am 8. Dezember hat die diesjährige Serie der öffentlichen religiösen Vorträge begonnen, die seit ihrer Einführung vor drei Jahren-- sich immer steigender Beliebtheit erfreuen. Der Grandrabbin von Frankreich hat diese Vorträge eingerichtet, die während der vier Wintermonate jeden Sonntag Vormittag ausschließlich von jüdischen Rabbinern gehalten werden und den Zweck haben, den Geist des Judentums, seine Lehren und Einrichtung, seine Geschichte und Sittenlehre besser bekannt zu machen. Die Vorträge sind regelmäßig von einer zahlreichen und aufmerksamen Hörerschaft besucht. London, 20. Dezember. (Zionistenversammlung.) Eine der großen Versammlungen, die als Massendemonstration kurz vor dem Basler Kongreß in aller Welt veranstaltet werden sollten, hat am vergangenen Samstag Abend unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. Gaster in der SHoreditch Hall stattgesunden. Der Hauptredner des Abends war der bekannte Schriftsteller Israel Zangwill, der in wenig geschmackvoller Weise die Gegner der Zionisten mit Affen, Eseln und Füchsen verglich und die jüdischen Zeitungen, die die zionistischen Ideen bekämpfen, .aus's schärfste angriff. Seinen besonderen Zorn richtete Herr Zangwill gegen die hiesige „Jewish Chroniele". Nach Schluß der einzelnen Reden wurde die Resolution angenommen, die in aller Welt gleichlautend allen zionistischen Versammlungen vorgelegt werden sollte. Die Resolution lautet: „Die Versammlung erklärt den Zionismus für die einzig mögliche Lösung der Judenfrage und verspricht ihre ganze Sympathie und Energie zur Förderung dieser Bewegung." Die Resolution wurde mit großem Enthusiasmus angenommen, die Hoch- und Bravorufe wurden immer von Neuem laut. Diese Hoch- und Begeifterungsruse sind durch den Phonographen sestgehalten worden. Kischineff, 20. Dezember. (Rabbinerwahl.) Die schon seit längerer Zeit fällig gewesene Wahl eines neuen Kronrabbiners hat jetzt endlich stattgesunden. 481 stimmberechtigte Gemeindemitglieder haben ihre Stimmen abgegeben und den Rabbiner Ettinger mit 271 Stimmen gewählt. Der zweite Kandidat war Rabbiner Moses Pintschewsky, der 205 Stimmen erhielt. Personalnachrichten und klerne Mitteilungen. Der Verein ehemaliger Schüler der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde in Berlin feiert sein 2. Stiftungsfest am 5. Januar 1902 in den Sälen der „Philharmonie", Vernburgerstr. 22/22 a. Billets zu 1 Mark sind bei den Vorstandsmitgliedern und bei einzelnen Mitgliedern des Vereins zu haben, die noch bekannt gegeben werden. An diesem Fest wirken nur Künstler I. Ranges mit. Ein etwaiger Ueberschuß soll dem Unterstützungsfonds zufallen. — Einer der Begründer der jüdischen Reformgemeinde, Herr Albert Wolfs in Berlin, ist im Alter von 92 Jahren gestorben. — Im Literatur- Verein in Ostrowo hielt Herr Rabbiner Dr. Wilhelm Münz aus Gleiwitz einen interessanten Vortrag über „Kant's Philosophie > im Lichte der israelitischen Weltanschauung." — Die Stadt Nürnberg hat den Kommerzienrat Ludwig Gerngroß in Anerkennung seiner dem Gemeinwohl gewidmeten Dienste zum Ehrenbürger ernannt. — Der Spezialist für Halskrankheiten Dr. A. Gugenheim in Paris ist gestorben. — Die Suppenküche für jüdische Arme in Fashion Street in London ist am letzten Montag für diesen Winter eröffnet worden. Die erste Portion Suppe wurde vom Chiefrabbi Dr. Adler vorgelegt.