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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-12-27 · 52 (27.12.1901) · p. Seite 821

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
Seite 821 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 62. Israelitische Wochenschrift. Seite 821. geworden ist, daß ein jüdischer Gehülfe, Geselle oder Arbeiter in Stellung war, wo er seine Schuldigkeit nicht that oder der nichts gelernt hatte. Leider sind ja Ntchtjuden zu leicht geneigt, eine schlechte Erfahrung, die sie einmal mit einem Juden gemacht haben, zu verallgemeinern und sie dem ganzen Judentum zur Last zu legen. Schon um ihren Glaubensgenossen nicht zu schaden und um berechtigte Vorurteile zu zerstreuen, sollten die Juden bestrebt sein, namentlich auch als Handwerker oder Gärtner, sich durch tüchtige Leistungen die Zufriedenheit und Achtung ihrer Vorgesetzten zu erwerben. Unter der arbeitenden Klasse herrscht im allgemeinen kein Antisemitismus, und tritt er auch hier hin und wieder einmal auf, so äußert er sich meistens durch harmlose Neckereien, die der davon Betroffene am besten unbeachtet läßt; daher kann ein jüdischer Handwerker oder Gärtner, wenn er tüchtig und zugleich bescheiden ist, es wohl erreichen, mit seinen nichtjüdischen Genossen freundschaftlich zu verkehren. Um jüdischen Handwerkern, Gärtnern und Landwirten leichter Stellung zu verschaffen und um sie, namentlich im Anfang ihrer Laufbahn, nicht zu entmutigen, wäre folgendes wünschenswert: In sämtlichen jüdischen Gemeinden, in denen Unterftützungskassen für Einheimische und Fremde vorhanden sind, sollten sich Vereine bilden, oder auch einzelne Personen sich der Sache widmen, um den als tüchtig bekannten Gehülfen und Arbeitern in den einschlägigen Gewerben Stellungen zu besorgen. Wünschenswert ist es ferner, daß die vielfach bestehenden Handwerkervereine sich ebenfalls hierbei beteiligen, da es nicht genügt, die jungen Leute dem Handwerk und der Bodenkultur zuzuführen. Es muß vielmehr Ausgabe gerade dieser Vereine sein, die Betreffenden vor dem Ausgeben der gewählten Laufbahn zu bewahren und es zu verhüten, daß sie sich dem Handel wieder zuneigen. Die Erfüllung dieser Ausgabe kann nicht schwer werden, wenn ein jeder angesehene Jude, der doch gewiß mit irgend einem vorurteilsfreien Gärtner oder Handwerker bekannt oder befreundet ist, sich dafür verwendet, daß dieser einem tüchtigen jungen Mann jüdischen Glaubens Arbeit giebt. Hierdurch kann es wohl verhindert werden, daß an Stelle des gewerblichen Berufs der Betreffende sich dem Handel wieder zuwendet. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat bereits vor einiger Zeit an sämtliche Handwerkervereine Deutschlands ein Rundschreiben erlassen, worin er diese ersucht, sich zu einer Centrale zu vereinigen, um solchen Gehülfen und Gesellen, die durch einen ihnen zunächst liegenden Verein keine Stellung finden können, dazu zu verhelfen, durch einen anderen, wo Nachfrage nach derartigen Arbeitern ist, Anstellung zü verschaffen. Die Schwierigkeit, Gärtner unterzubringen, wird von Jahr zu Jahr geringer werden, wenn erst einmal die in der Erziehungsanstalt in Ahlem ausgebildeten jungen Leute selbstständig geworden sind. Die daselbst gegründete Unterstützungskasse für frühere Zöglinge, sowie ein Verbandsorgan, wie es die jungen Ahlemer begründen wollen, und welches nach Bedarf und Umständen erscheinen soll, wird das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern. Von hochherzigen begüterten Glaubensgenossen wurden in letzter Zeit verschiedentlich größere Summen für milde Zwecke hinterlaffen. In einzelnen Fällen ist bezüglich dieser Stiftungen eine feste Bestimmung noch nicht getroffen worden. Große Verdienste würden sich die Personen, die über die Verwendung solcher Hinterlassenschaften zu bestimmen haben, oder andere reiche Glaubensgenoffen, die schon bei ihren Lebzeiten sich über die segensreichen Folgen ihrer Stiftungen freuen wollen, erwerben, wenn sie für eine zu bildende Centrale aller Vereine, die Handwerk und Bodenkultur unter den Juden fördern wollen, einen großen Fonds bestimmten. Aus diesem Fonds könnten zu einem sehr niedrigen Zinsfuß Gelder an die einzelnen, in den größeren Gemeinden bestehenden oder zu begründenden Vorschußkassen hergeliehen werden, ähnlich wie die Regierung den Raiseisenschen Kaffen derartige Darlehen gewährt. Die einzelnen Gemeinde-Kaffen müßten dann ihrerseits das Geld an fleißige Handwerker, Gärtner rc. zu niedrigen Zinsen herleihen. Die Zinsen, welche das große Stiftungskapital aufbringt, könnten dann gleichfalls zur Unterstützung fleißiger, arbeitsfähiger Personen verwandt werden. Um die tüchtigen jungen Leute, die nicht nur ihre Lehr-, sondern auch ihre Gehülfenzett gut benutzt und etwas Ordentliches gelernt haben, selbständig zu machen, ist wünschenswert, daß 1. die Gärtnerstellen an den jüdischen Friedhöfen ihnen übertragen werden, und daß 2. einige reichere Glaubensgenossen die Gelegenheit benutzen, gut gelegene Landkompbxe, möglichst in der Nähe großer Städte, zu mäßigen Preisen anzukaufen, um sie später an tüchtige Gärtner oder Landwirte in einzelnen Teilen zu verpachten oder in Parzellen zu verkaufen, oder aber diese letzteren im Ganzen auf eine Reihe von Jahren zu verpachten, und durch Leute, die ihre gegenseitigen Leistungen kennen, gemeinschaftlich bearbeiten zu lassen. Vielleicht könnte einer derartigen Kooperattvgesellschaft auch zu einem vorher sestzufitzenden Preise unter günstigen Abzahlungsbedingungen das Kausrecht eingeräumt werden. Da die Lehrlinge in der Anstalt zu Ahlem die notwendigsten Grundlagen der Landwirtschaft ebenfalls erlernen, um ein größeres Gut in genossenschaftlicher Weise später gemeinschaftlich bearbeiten zu können, namentlich, wenn erst unser Projekt, auf einem zu erwerbenden Gute einen Teil der Lehrlinge noch gründlicher in der Landwirlschaft auszubilden, ausgeführt ist, so würden alle Vorbedingungen für den gewünschten Erfolg erfüllt sein. Aus diese Weise wäre es möglich, ohne erhebliche Geldopfer einem großen Teile unserer Glaubensgenossen eine Zukunft zu sichern, da die eingehenden Pachtsummen eine mäßige Verzinsung decken würden, und bei einem Verkauf der Kostenpreis selbstverständlicher Weise bezahlt werden müßte. Da die Anstalt in Ahlem es sich besonders angelegen sein läßt, die Lehrlinge vor allen Dingen im Obstbau gründlich auszubilden, so würde durch einen rationellen Obstbau nicht allein ihnen eine gute Zukunft gesichert, sondern es würde auch dem Vaterlande ein großer Nutzen erwiesen, da der Obstbau in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern sehr im Rückstand ist; Deutschland importiert noch jährlich für Millionen Mark Obst, trotzdem von hervorragenden Pomologen bewiesen ist, daß unser Klima sich sehr gut für den Obstbau eignet.

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