Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 820 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 820. Israelitische Wochenschrift. Nr. 62. spräche. Das wird natürlich die Besprechung der Angelegenheit auf dem Gemeindetag nicht hindern. Sollen sich I«dk« in Dtulschla«- dm Han-mrlr, drr (5iirtiimi und der Lnndwirtschüsl widme«? Von A. M. Simon-Hannover. I. Ueber die Frage, ob Juden sich dem Handwerk, der Gärtnerei und der Landwirtschaft widmen sollen, ist schon seit vielen Jahren, namentlich aber in der letzten Zeit, mündlich und schriftlich gestritten worden. Alle Einsichten sind darüber einig, daß bei der traurigen Lage, in welcher sich heute der größte Teil der Kleinhändler und Hausierer befindet, andere Erwerbszweige von der großen Masse, der ärmeren sowohl, wie auch der Mittelklasse der Juden, ergriffen werden müssen. Ueber die Gründe, warum Klein- und Hausierhandel heute so wenig lohnend sind und in vielen Fällen namentlich Hausierer als Landplage betrachtet werden, ist genügend geschrieben worden, und es ist unnötig, dieselben hier nochmals zu erörtern. Der Militär- und Beamtenstand in Deutschland, als Berufszweig, ist den Juden so gut wie verschlossen; die Juristen- und Aerztelaufbahn ist, wie genügsam bekannt, überfüllt. Herr Rabbiner Dr. Münz in Gleiwitz hat jüngst die in der Korrespondenz der Landwirte den Juden gemachten Vorwürfe, sie scheuten jede Arbeit, die mit körperlichen Anstrengungen verbunden ist, zurückgewiesen und gezeigt, daß nicht nur schon in den ältesten Zeiten von den jüdischen Weisen die körperliche Arbeit als besonders ehrend empfohlen ist, und daß nur durch den Jahrhunderte währenden Ausschluß von einer solchen Thätigkeit die Juden zum Handel gezwungen waren, sondern daß trotzdem in Oberschlesien und anderen Teilen Deutschlands schon heute viele Juden durch Handwerk und andere körperliche Arbeit ihr Brot verdienen. Herr Rabbiner Dr. Münz verweist auf die zahlreichen Vereine, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Handwerk, Gärtnerei und Landwirtschaft unter den Juden zu fördern und erwähnt dabei auch noch insbesondere die Ecziehungsanstalt zu Ahlem. Herr Dr. Münz beklagt es alsdann, daß sich den jüdischen Gärtnern und Handwerkern infolge des Antisemitismus und der Vorurteile außerordentliche Schwierigkeiten entgegenstellen, wenn sie nach Beendigung der Lehrzeit bei Nichtjuden Stellung suchen. Wenn auch nach den von uns gemachten Erfahrungen bei Unterbringung der in der Erziehungsanstalt zu Ahlem ausgebildeten Lehrlinge die Sache nicht ganz so schlimm steht, wie sie von Herrn Dr. Münz geschildert wird, da unsere tüchtigen Lehrlinge wohl Stellungen gefunden haben, so hat doch dessen Klage eine gewisse Berechtigung. Indessen darf dieselbe nicht nur auf Gärtnerei und Landwirtschaft beschränkt bleiben, denn nicht nur Handwerker, sondern auch Aerzte, Juristen, Lehrer, Techniker, Kaufleute und andere Berufe haben schwer unter dem Antisemitismus zu leiden, auch solche junge Leute, welche sich dem Bankfach widmen, sind davon nicht ausgeschlossen, trotzdem dieses Fach früher in * Deutschland fast ausschließlich in jüdischen Händen gewesen ist. Nicht allein die Reichsbank, sondern eine ganze Anzahl mit dem Kapital ^von Juden gegründeter deutscher Banken schließen Juden als Beamte aus oder sie stellen nur eine ganz geringe Anzahl derselben an. Bei dem heutigen Zudrang und Wettbewerb auf fast allen Gebieten können nur solche Personen vorwärts kommen, die in ihrem Fach etwas Tüchtiges leisten. Dieses gilt aber ganz besonders von Juden, denen erfahrungsgemäß in Deutschland sehr oft bei gleicher Begabung und Leistung Andersgläubige vorgezogen werden. Während nun in vielen Fächern — ich erinnere nur an die Richtercarriere — auch hervorragend tüchtige Juden zurückgesetzt oder gar ausgeschlossen werden, ist dieses bei der Gärtnerei nicht oder doch nur in sehr beschränktem Maße der Fall. Tüchtige Gärtner, die ihre Lehrzeit gut benutzt haben und ihr Fach verstehen, werden selbst von antisemitischen Arbeitgebern ausgenommen; allerdings bestehen bei letzteren an und für sich Vorurteile gegen die jüdischen Gehülsen, durch tüchtige Leistungen können aber diese Vorurteile erfolgreich beseitigt werden. Als Beweis hierfür seien einige Beispiele erwähnt: Der jcht als Leiter der Kolonie Maurizio in Argentinien fungierende Herr Arthur Bab hat mir selbst vor einigen Jahren erzählt, daß er auf eine Annonce hin sich bei einem bedeutenden Gärtner gemeldet habe, der als Antisemit bekannt war. Dieser habe ihm, nachdem er einige Zeit bei ihm gewesen sei, offen gestanden, daß er ihn nicht engagiert haben würde, wenn er gewußt hätte, daß er Jude sei, daß er sich jetzt aber außerordentlich freue, in ihm einen tüchtigen Mann gefunden zu haben. Er hat ihm seine Zufriedenheit in jeder Weise zu erkennen gegeben und ihm nachher zu einer sehr guten Stellung als Kreisgärtner verholfen, die er vor fünf Jahren ausgab, um dem Ruf der Jewish Kolonisation Association nach Argentinien zu folgen. Ein anderer Fall wurde mir von einem früheren Ahlemer Zögling berichtet, der vor 37* Jahren seine Lehrzeit beendet hatte, und der vor kurzem zum Besuch in unserer Anstalt in Ahlem weilte, bevor er zum Militär eintrat. Der junge Mann war von der Anstalt aus in eine streng katholische Gegend zu einem der ersten Gärtner Deutschlands gekommen. Hier gab es allerdings zuweilen kleine Neckereien, denen aber nicht nur er, sondern auch die protestantischen Gehülsen ausgesetzt waren und die nicht verhinderten, daß er mit allen seinen Kollegen, auch den katholischen, aus bestem Fuße stand. Auf eine Annonce hin bewarb er sich später um eine andere Stelle, die er auch erhielt. Als er dann bat, man möge ihm erlauben, die jüdischen Feiertage, die gerade bevorftanden, im Kreise seiner Familie feiern zu dürfen, schrieb man ihm ab. Er bestand aber aus dem Engagement, selbst wenn man ihn nur einen Monat behalten würde, und trat die Stelle an. Hier erwies er sich als tüchtig, sodaß man ihn zwei Jahre, bei für einen Gärtner recht gutem Verdienst, behielt. Ec gab seine Stellung nur auf, um, wie oben bemerkt, seiner Militärpflicht zu genügen. Das Vorurteil gegen die Juden ist übrigens auch nicht immer lediglich durch Antisemitismus, sondern manchmal auch dadurch hervorgerufen, daß es in irgend einem Fall bekannt