Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- Seite 764 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 764. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. bereits durch Vorträge in den beiden vorangegangenen Jahren größten Beifall gesunden, so daß seine Wiederkehr in dem Vortragscyklus eines jeden Jahres des Vereins als selbstverständlich und im höchsten Maß wünschenswert galt. Auch der jetzige Vortrag, zugleich höchst wissenschaftlich und volkstümlich, in Sprache und Form meisterhaft, hat die Bewunderung einer verständnisvollen Zuhörerschaft erregt. In großen Zügen schilderte der geistreiche Redner, welchen moralischen Einfluß die jüdische Kultur auf die im Verfall begriffene, entsittlichte griechisch-römische Welt ausgeübt hat. Proselytenmachen war nie die Sache der Juden gewesen, im Gegenteil sei mit äußerster Rigorosität alle Zeit darauf geachtet worden, daß nur, wer seine tiefinnige Ueberzeugung kundgiebt, ausgenommen werde. Das Judentum hat jedoch in seiner hehren Lehre selbstthätig auf edle Naturen eingewirkt; auch die zahlreichen jüdischen Familien, in deren gesittetes Leben die vornehmsten Kreise Roms Einblick erhielten, galten als berühmte Muster und haben unbeabsichtigt Propaganda gemacht. Der Redner schloß seinen einstündigen Vortrag mit dem Wunsch, wie das Judentum einst vor vielen Jahrhunderten nach außm hin Erfolge errungen habe, so möge es heutzutage im eigenen Lager geistige Einwirkung bewahren. Die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur sind in erster Reihe dazu berufen, unsere entfremdeten Glaubensgenossen unserem Judentum näher zu führen. — Es ist nicht möglich, in dem Rahmen dieses kurzen Berichts den reichen Inhalt des Vortrags in wissenschaftlicher und ethischer Beziehung wiederzugeben. Nur sollen diese Worte die Erbauung und Erhebung der zahlreichen Zuhörerschaft bekunden, die die herrliche Sprache und der Inhalt des Vortrags erzeugten. Diese Gefühle des Auditoriums haben in den warmen Worten des Dankes unseres Rabbiners und Vereinsvorsitzenden Herrn Dr. Carlebach an seinen Freund, den Redner, lebhaften Ausdruck gesunden. Wien, 25. November. (Empfang beim Kaiser.) Kaiser Franz Joseph hat dieser Tage die Deputation der Preßburger Judenschast empfangen, die ihm, einem alten Brauch zufolge, die üblichen vier Martinsgänse überbrachte. Paris, 25. November. (Vorbereitung zur Bar-Mizw ah.) Das hiesige Rabbinat hat beschlossen, die Bar-Mizwah- Feier nicht zu der leeren Zeremonie herabsinken zu lassen, zu der sie in vielen Gemeinden geworden, und hat durch den Grandrabbin Verordnungen über die Vorbildung erlassen, die von den zur Bar-Mizwah zuzulaffenden Knaben verlangt werden soll. Spätestens ein halbes Jahr vor dem für die Feier bestimmten Sabbat muß der betreffende Knabe in das Synagogenregister eingetragen werden, und so oft es irgend angeht, muß er von dieser Zeit an in Begleitung seines Religionslehrers oder seiner Angehörigen dem Gottesdienst beiwohnen. Bei seiner Anmeldung muß der Knabe schon ziemlich gut hebräisch lesen können und in den Unterrichtsgegenständen bewandert sein, die an den öffentlichen Religionsschulen für Knaben und Mädchen gelehrt werden. London, 25. November. (Jüdischer Frauenkongreß.) Wir wir bereits vor einiger Zeit gemeldet, haben einige in der Armen- und Wohlfahrtspflege thätige jüdische Frauen den Plan gefaßt, demnächst in London einen Kongreß zu veranstalten, der alle im vereinigten Königreich für das öffentliche Wohl wirkende jüdische Frauen vereinen und ihnen Gelegenheit geben soll, ihre Erfahrungen auszutauschen, weitere Anregungen zu geben und zu empfangen und die Wirksamkeit der jüdischen Frauen in der öffentlichen Wohlfahrtspflege auf immer größere Gebiete auszudehnen. Die einleitenden Schritte für das Zustandekommen des Kongresses sind gethan, und in der vor einigen Tagen stattgehabten Komiteesitzung konnte die Vorsitzende Mrs. Nathaniel L. Cohen die Mitteilung machen, daß als Antwort aus die versandten Einladungsschreiben bis jetzt 224 Damen ihr Erscheinen aus dem Kongreß zugesagt haben. Die Einladungen waren an die Frauen aller Rabbiner und an alle Damen gerichtet worden, die in den philanthropischen und Erziehungsanstalten der jüdischen Gemeinden Englands ehrenamtlich thätig sind. Die Vorsitzende hielt sodann eine längere Ansprache, in der sie sich darüber verbreitete, daß die Thätigkeit der jüdischen Frauen zum Besten ihrer Glaubensgenossen in zwei Teile zerfiele. In erster Reihe müßte die religiöse Erziehung stehen, die Pflege jüdischen Wissens und die Liebe und Treue zur überlieferten Religion müssen bei dem Heranwachsenden Geschlecht ganz besonders berücksichtigt werden; der zweite Teil der philanthropischen Thätigkeit wäre die praktische Ausübung der uns von der Religion vorgeschriebenen Thätigkeit, die Linderung des Elends auf allen Gebieten. Zum Schluß wurden einige Ausschüsse gewählt und die Komiteemitglieder ersucht, möglichst viele Frauen zur Teilnahme am Kongreß zu veranlassen und seinerzeit wichtige Beratungsgegenstände zur Diskussion vorzuschlagen. - London, 25. November. (Jüdische Kolonialbank.) Eine merkwürdige Versammlung von Aktionären der Jüdischen Kolonialbank hat in der vergangenen Woche in Kkngs Hall, Commercial Road, stattgesunden. Einige Aktionäre aus dem Ostend hatten auf eigene Faust diese Versammlung einberufen, zu der 800 ausschließlich dem Ostend angehörige Aktionäre erschienen waren; am Eingang zum Versammlungssaal wurde die Legitimation der Besucher aus das Sorgfältigste geprüft. Der Zweck der Versammlung war die Stellung zu der jetzt geschäftsfähig gewordenen Jüdischen Kolonialbank. Als erster Redner sprach Herr Lozinsky — im Jargon — den Leitern der Zionisten seine Anerkennung für das bisher Erreichte aus und schlug folgende Resolution vor: „Die hier versammelten Aktionäre der Jüdischen Kolonialbank haben mit Vergnügen erfahren, daß die Bank geschäftsfähig geworden ist, und sprechen die Hoffnung aus, daß die geschäftliche Thätigkeit der Bank beginnen wird, sobald die Direktoren des Verwaltungsrats es für angemessen und ratsam erachten werden. Die Versammlung giebt ferner ihrem Vertrauen in das Aktionskomitee Ausdruck und beglückwünscht Dr. Herzl zu dem bisher erreichten Erfolg". Nachdem Herr E. Freudenheim für die Resolution eingetreten, bestieg Herr I. de Haas auf Wunsch der Versammlung die Rednertribüne. Er habe durch Zufall von dieser Versammlung gehört, sei dazu hergekommen und befinde sich vollständig im Einverständnis mit der Resolution. Diese Versammlung befreit die Juden von dem Vorwurf der übermäßigen Liebe zum Geld. Von den hier anwesenden Aktionären haben manche ihr Geld schon vor zwei Jahren