Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- Seite 760 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605620--8389-9605628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
\ Seite 760. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Zu mir mit verstecktem Hasse Kommt der Falsche, und er kauert, Er erlistet, er erlauert. Was er künde auf der Gasse; Mit zermalmtem Herzen hör ich höhnend Meiner Dränger Ruf: „Wo ist dein Gott?" Tief gebeugt ist meine Seele, stöhnend Denkt sie Gottes unter Druck und Spott. Zählt, wie lang ich könne leben. Flüstert zu des Grolls Genossen: „Unheil ist auf ihn ergossen, „Nimmer wird er sich erheben!" Auch der Freund, aus den ich baute, Dem ich Wohlthat stets gespendet, Hat sich gegen mich gewendet, Und mir drohet der Vertraute. Herr, verleih mir neue Stärke, Heimzuzahlen jenen Allen! Schenkst du mir dein Wohlgefallen, Läßt der Feind von seinem Werke. Wenn du meinen Pfad erhellest, Wenn zu meiner Unschuld Schutze, Meinem argen Feind zum Trutze Du dich ewig vor mich stellest — Will ich deinen Heilgen Namen, Will ich dich in deiner Wolke Preisen mit dem ganzen Volke Israel. — Sprecht: Amen, Amen! 42 und 43. Von den Söhnen Korach. Dürstend nach dem ewgen Born des Lebens Lechzet meine Seele nach dem Herrn, Wie die Hindin nach dem Quell. Vergebens! Bleib ich lang noch deinem Antlitz fern? Tag und Nacht sind Thränen meine Nahrung, Unaufhörlich tönt das Läfterwort: „Sag, wo ist dein Gott der Offenbarung?" — Und Verzweiflung faßt mich, reißt mich fort. Ach, wie gerne mit den Pilgerscharen Wallt ich feierlich zu Gottes Haus, Riefe unter schmetternden Fanfaren, Jubelnd deinen Ruhm, o Herr, hinaus. Seele, sprich, was quält dich, macht dir bange? Harr auf Gott, du siehst sein Antlitz hier! — Ach, vom Land des Jarden aus verlange. Von des Chermon Bergen ich nach dir. Seele, sprich, was quält dich, macht dir bange? Harr auf Gott, du wirst sein Antlitz sehn; Trockne dir die Thränen von der Wange, Preisend wirst du vor dem Herren stehn! * Schaffe du mir Recht, o Herr, und streite Wider Unrecht, Trug und Frevelsinn Meinen Streit! Als Schützer mir zur Seite Stehe du, wirs mich dem Feind nicht hin! Soll ich, ewig trauernd, ganz verzagen? Gott der Treue, hör mich, Gott des Lichts! Laß zu deinem Heilgen Berg mich tragen. Zu der Stätte deines Angesichts! Zu dem Altar Gottes will ich schreiten, Zu dem Gotte, der mir Freude schafft; Ihm zum Preise greis ich in die Saiten, Singen will ich ihm mit ganzer Kraft. Seele, sprich, was quält dich, macht dir bange?j Harr aus Gott, du wirft sein Antlitz sehn; Trockne dir die Thränen von der Wange, Preisend wirst du vor dem Herren stehn! 44. Von den Söhnen Korach. Aus unsrer Väter Sagen ist innig uns vertraut. Wie du in ihren Tagen zerstöret und gebaut. Wie Völker du verderbtest, verjagtest mit eigner Hand, Wie du den Vätern vererbtest am Jardenfluß das heilge Land. Nicht mit dem eignen Schwerte erfochten fie Land und Sieg, Du warsts, der sie bewehrte, du führtest ihren Krieg. Du fandest Wohlgefallen an ihnen, schenktest Heil, Es wurde Jacobs Hallen durch dich das schöne Reich zu Teil. Und stehst du uns zur Seite, so muß der Feind entflieh», So wird nach jedem Streite Triumph uns allzeit blühn. Dem Schwert nicht, nicht dem Bogen vertrau» wir — deinem Licht, Bist du vorangezogen, so wird der Dränger Schar zu Nicht. Wie die Bergesquellen niederbranden, Brausend, stürzend Flut die Flut ersäuft. Also ist aus mich in fremden Landen Leidensstrom und Leidensflut gehäuft. Wer ists, der uns begegnen und uns bekämpfen mag? Wir wollen drum dich segnen in Ehrfurcht Tag für Tag. Doch du hast uns verlassen, verworfen und beschämt; Wir liegen in den Gassen, geschmäht, geplündert und vergrämt. Glücklich war ich einst; des Himmels Gnade War des Tags bei mir, und Nachts sein Lied. Heute zieh ich schluchzend Trauerpfade; Gott vergaß mich — weine, mein Gemüt! Du hast nicht mehr begleitet das Heer, das dich gesucht, Hast Untergang bereitet, du wandtest uns zur Flucht, Du hast uns hingegeben, in alle Welt zerstreut. Verkauftest unser Leben, daß unsre Hasser sich gefreut.